ihnen jetzt, da sie kinderlos ist, schöne Hoffnungen gibt; dieser habe ihn gleich zum haus hinausgestossen und einen solchen Lärm von der Sache gemacht, dass die Frau, auch selbst wenn sie gewollt, ihn nicht wieder hätte aufnehmen können. Jetzt habe sie wieder einen andern Knecht genommen, auch über den, sage man, sei sie mit dem Bruder zerfallen, und man behaupte für gewiss, sie werde ihn heiraten, aber er sei fest entschlossen, das nicht zu erleben.
Was ich dir erzähle, ist nicht übertrieben, nichts verzärtelt, ja ich darf wohl sagen, schwach, schwach hab' ich's erzählt, und vergröbert hab' ich's, indem ich's mit unsern hergebrachten sittlichen Worten vorgetragen habe.
Diese Liebe, diese Treue, diese leidenschaft ist also keine dichterische Erfindung. Sie lebt, sie ist in ihrer grössten Reinheit unter der Klasse von Menschen, die wir ungebildet, die wir roh nennen. Wir Gebildeten – zu Nichts Verbildeten! Lies die geschichte mit Andacht, ich bitte dich. Ich bin heute still, indem ich das hinschreibe; du siehst an meiner Hand, dass ich nicht so strudele und sudele wie sonst. Lies, mein Geliebter, und denke dabei, dass es auch die geschichte deines Freundes ist. Ja so ist mir's gegangen, so wird mir's gehen, und ich bin nicht halb so brav, nicht halb so entschlossen als der arme Unglückliche, mit dem ich mich zu vergleichen mich fast nicht getraue.
Am 5. September.
Sie hatte ein Zettelchen an ihren Mann aufs Land geschrieben, wo er sich Geschäfte wegen aufhielt. Es fing an: "Bester, Liebster, komme, sobald du kannst, ich erwarte dich mit tausend Freuden." – Ein Freund, der hereinkam, brachte Nachricht, dass er wegen gewisser Umstände so bald noch nicht zurückkehren würde. Das Billett blieb liegen und fiel mir abends in die hände. Ich las es und lächelte; sie fragte worüber? – "Was die Einbildungskraft für ein göttliches genblick vorspiegeln, als wäre es an mich geschrieben." – Sie brach ab, es schien ihr zu missfallen, und ich schwieg.
Am 6. September.
Es hat schwer gehalten, bis ich mich entschloss, meinen blauen einfachen Frack, in dem ich mit Lotten zum erstenmale tanzte, abzulegen, er ward aber zuletzt gar unscheinbar. Auch habe ich mir einen machen lassen ganz wie den vorigen, Kragen und Aufschlag, und auch wieder so gelbe Weste und Beinkleider dazu.
Ganz will es doch die wirkung nicht tun. Ich weiss nicht. – Ich denke, mit der Zeit soll mir der auch lieber werden.
Am 12. September.
Sie war einige Tage verreist, Alberten abzuholen. Heute trat ich in ihre stube, sie kam mir entgegen, und ich küsste ihre Hand mit tausend Freuden.
Ein Kanarienvogel flog von dem Spiegel ihr auf die Schulter. – "Einen neuen Freund," sagte sie und lockte ihn auf ihre Hand, "er ist meinen Kleinen zugedacht. Er tut gar zu lieb! Sehen Sie ihn! Wenn ich ihm Brot gebe, flattert er mit den Flügeln und pickt so artig. Er küsst mich auch, sehen Sie!"
Als sie dem Tierchen den Mund hinhielt, drückte es sich so lieblich in die süssen Lippen, als wenn es die Seligkeit hätte fühlen können, die es genoss.
"Er soll Sie auch küssen." sagte sie und reichte den Vogel herüber. – Das Schnäbelchen machte den Weg von ihrem mund zu dem meinigen, und die pickende Berührung war wie ein Hauch, eine Ahnung liebevollen Genusses.
"Sein Kuss", sagte ich, "ist nicht ganz ohne Begierde, er sucht Nahrung und kehrt unbefriedigt von der leeren Liebkosung zurück."
"Er isst mir auch aus dem mund." sagte sie. – Sie reichte ihm einige Brosamen mit ihren Lippen, aus denen die Freuden unschuldig teilnehmender Liebe in aller Wonne lächelten.
Ich kehrte das Gesicht weg. Sie sollte es nicht tun, sollte nicht meine Einbildungskraft mit diesen Bildern himmlischer Unschuld und Seligkeit reizen und mein Herz aus dem Schlafe, in den es manchmal die Gleichgültigkeit des Lebens wiegt, nicht wecken! – Und warum nicht? – Sie traut mir so! sie weiss, wie ich sie liebe!
Am 15. September.
Man möchte rasend werden, Wilhelm, dass es Menschen geben soll ohne Sinn und Gefühl an dem wenidie Nussbäume, unter denen ich bei dem ehrlichen Pfarrer zu St.. mit Lotten gesessen, die herrlichen Nussbäume, die mich, Gott weiss, immer mit dem grössten Seelenvergnügen füllten! Wie vertraulich sie den Pfarrhof machten, wie kühl! und wie herrlich die Äste waren! Und die Erinnerung bis zu den ehrlichen Geistlichen, die sie vor vielen Jahren pflanzten. Der Schulmeister hat uns den einen Namen oft genannt, den er von seinem Grossvater gehört hatte; und so ein braver Mann soll er gewesen sein, und sein Andenken war immer heilig unter den Bäumen. Ich sage dir, dem Schulmeister standen die Tränen in den Augen, da wir gestern davon redeten, dass sie abgehauen worden – abgehauen! Ich möchte toll werden, ich könnte den Hund ermorden, der den ersten Hieb dran tat. Ich, der ich mich vertrauern könnte, wenn so ein paar Bäume in meinem hof stünden und einer davon stürbe vor Alter ab, ich muss zusehen