wie sie die hände aufhob und über sie betete, und sie küsste nach einander und sie wegschickte und zu mir sagte: 'Sei ihre Mutter!' – Ich gab ihr die Hand drauf! – 'Du versprichst viel, meine Tochter', sagte sie, 'das Herz einer Mutter und das auge' einer Mutter. Ich habe oft an deinen dankbaren Tränen gesehen, dass du fühlst, was das sei. Habe es für deine Geschwister, und für deinen Vater die Treue und den Gehorsam einer Frau. Du wirst ihn trösten.' – Sie fragte nach ihm, er war ausgegangen, um uns den unerträglichen Kummer zu verbergen, den er fühlte, der Mann war ganz zerrissen.
Albert, du warst im Zimmer. Sie hörte jemand gehen und fragte und forderte dich zu sich, und wie sie dich ansah und mich, mit dem getrösteten, ruhigen Blicke, dass wir glücklich sein, zusammen glücklich sein würden..." – Albert fiel ihr um den Hals und küsste sie und rief: "Wir sind es! wir werden es sein!" – Der ruhige Albert war ganz aus seiner Fassung, und ich wusste nichts von mir selber.
"Werter," fing sie an, "und diese Frau sollte dahin sein! Gott! wenn ich manchmal denke, wie man das Liebste seines Lebens wegtragen lässt, und niemand als die Kinder das so scharf fühlt, die sich noch lange beklagten, die schwarzen Männer hätten die Mama weggetragen!"
Sie stand auf, und ich ward erweckt und erschüttert, blieb sitzen und hielt ihre Hand. – "Wir wollen fort," sagte sie, "es wird Zeit." – Sie wollte ihre Hand zurückziehen, und ich hielt sie fester. – "Wir werden uns wieder sehen," rief ich, "wir werden uns finden, unter allen Gestalten werden wir uns erkennen. Ich gehe," fuhr ich fort, "ich gehe willig, und doch, wenn ich sagen sollte auf ewig, ich würde es nicht aushalten. lebe' wohl, Lotte! lebe' wohl, Albert! Wir sehen uns wieder." – "Morgen, denke ich." versetzte sie scherzend. – Ich fühlte das Morgen! Ach, sie wusste nicht, als sie ihre Hand aus der meinen zog –. Sie gingen die Allee hinaus, ich stand, sah ihnen nach im Mondscheine und warf mich an die Erde und weinte mich aus und sprang auf und lief auf die Terrasse hervor und sah noch dort unten im Schatten der hohen Lindenbäume ihr weisses Kleid nach der Gartentür schimmern, ich streckte meine arme aus, und es verschwand.
Zweites Buch
Am 20. Oktober 1771.
Gestern sind wir hier angelangt. Der Gesandte ist unpass und wird sich also einige Tage einhalten. Wenn er nur nicht so unhold wäre, wär' alles gut. Ich merke, ich merke, das Schicksal hat mir harte Prüfungen zugedacht. Doch gutes Muts! Ein leichter Sinn trägt alles! Ein leichter Sinn? Das macht mich zu lachen, wie das Wort in meine Feder kommt. O ein bisschen leichteres Blut würde mich zum Glücklichsten unter der Sonne machen. Was! da, wo andere mit ihrem bisschen Kraft und Talent vor mir in behaglicher Selbstgefälligkeit herumschwadronieren, verzweifle ich an meiner Kraft, an meinen Gaben? Guter Gott, der du mir das alles schenktest, warum hieltest du nicht die Hälfte zurück und gabst mir Selbstvertrauen und Genügsamkeit?
Geduld! Geduld! es wird besser werden. Denn ich sage dir, Lieber, du hast recht. Seit ich unter dem volk alle Tage herumgetrieben werde und sehe, was sie tun und wie sie's treiben, stehe ich viel besser mit mir selbst. Gewiss, weil wir doch einmal so gemacht sind, dass wir alles mit uns und uns mit allem vergleichen, so liegt Glück oder Elend in den Gegenständen, fährlicher als die Einsamkeit. Unsere Einbildungskraft, durch ihre natur gedrungen sich zu erheben, durch die phantastischen Bilder der Dichtkunst genährt, bildet sich eine Reihe Wesen hinauf, wo wir das unterste sind und alles ausser uns herrlicher erscheint, jeder andere vollkommner ist. Und das geht ganz natürlich zu. Wir fühlen so oft, dass uns manches mangelt, und eben was uns fehlt, scheint uns oft ein anderer zu besitzen, dem wir denn auch alles dazu geben, was wir haben, und noch eine gewisse idealische Behaglichkeit dazu. Und so ist der glückliche vollkommen fertig, das geschöpf unserer selbst.
Dagegen, wenn wir mit all unserer Schwachheit und Mühseligkeit nur gerade fortarbeiten, so finden wir gar oft, dass wir mit unserem Schlendern und Lavieren es weiter bringen als andere mit ihrem Segeln und Rudern – und – das ist doch ein wahres Gefühl seiner selbst, wenn man andern gleich oder gar vorläuft.
Am 26. November 1771.
Ich fange an, mich insofern ganz leidlich hier zu befinden. Das beste ist, dass es zu tun genug gibt; und dann die vielerlei Menschen, die allerlei neuen Gestalten machen mir ein buntes Schauspiel vor meiner Seele. Ich habe den Grafen C.. kennen lernen, einen weiten, grossen Kopf, und der deswegen nicht kalt ist, weil er viel übersieht; aus dessen Umgange so viel Empfindung für Freundschaft und Liebe hervorleuchtet. Er nahm teil an mir, als ich einen Geschäftsauftrag an ihn ausrichtete und er bei den ersten Worten merkte, dass wir