nicht glücklich machen können, müssen wir auch noch einander das Vergnügen rauben, das jedes Herz sich noch manchmal selbst gewähren kann? Und nennen Sie mir den Menschen, der übler Laune ist und so brav dabei, sie zu verbergen, sie allein zu tragen, ohne die Freude um sich her zu zerstören! Oder ist sie nicht vielmehr ein innerer Unmut über unsere eigene Unwürdigkeit, ein Missfallen an uns selbst, das immer mit einem Neide verknüpft ist, der durch eine törichte Eitelkeit aufgehetzt wird? Wir sehen glückliche Menschen, die wir nicht glücklich machen, und das ist unerträglich." – Lotte lächelte mich an, da sie die Bewegung sah, mit der ich redete, und eine Träne in Friederikens Auge spornte mich fortzufahren. – "Wehe denen," sagte ich, "die sich der Gewalt bedienen, die sie über ein Herz haben, um ihm die einfachen Freuden zu rauben, die aus ihm selbst hervorkeimen. Alle Geschenke, alle Gefälligkeiten der Welt ersetzen nicht einen Augenblick Vergnügen an sich selbst, den uns eine neidische Unbehaglichkeit unsers Tyrannen vergällt hat."
Mein ganzes Herz war voll in diesem Augenblicke; die Erinnerung so manches Vergangenen drängte sich an meine Seele, und die Tränen kamen mir in die Augen.
"Wer sich das nur täglich sagte:" rief ich aus, "du vermagst nichts auf deine Freunde, als ihnen ihre Freuden zu lassen und ihr Glück zu vermehren, indem du es mit ihnen geniessest. Vermagst du, wenn ihre innere Seele von einer ängstigenden leidenschaft gequält, vom Kummer zerrüttet ist, ihnen einen Tropfen Linderung zu geben?
Und wenn die letzte, bangste Krankheit dann über das geschöpf herfällt, das du in blühenden Tagen untergraben hast, und sie nun daliegt in dem erbärmlichsten Ermatten, das Auge gefühllos gegen Himmel sieht, der Todesschweiss auf der blassen Stirne abwechselt, und du vor dem Bette stehst wie ein Verdammter, in dem innigsten Gefühl, dass du nichts vermagst mit deinem ganzen Vermögen, und die Angst dich inwendig krampft, dass du alles hingeben möchtest, dem untergehenden Geschöpfe einen Tropfen Stärkung, einen Funken Mut einflössen zu können."
Die Erinnerung einer solchen Szene, wobei ich gegenwärtig war, fiel mit ganzer Gewalt bei diesen Worten über mich. Ich nahm das Schnupftuch vor die Augen und verliess die Gesellschaft, und nur Lottens stimme, die mir rief, wir wollten fort, brachte mich zu mir selbst. Und wie sie mich auf dem Wege schalt über den zu warmen Anteil an allem, und dass ich drüber zugrunde gehen würde! dass ich mich schonen sollte! – O der Engel! Um deinetwillen muss ich leben!
Am 6. Julius.
Sie ist immer um ihre sterbende Freundin, und ist immer dieselbe, immer das gegenwärtige, holde geschöpf, das, wo sie hinsieht, Schmerzen lindert und glückliche macht. Sie ging gestern abend mit Marianen und dem kleinen Malchen spazieren, ich wusste es und traf sie an, und wir gingen zusammen. Nach einem Wege von andertalb Stunden kamen wir gegen die Stadt zurück, an den Brunnen, der mir so aufs Mäuerchen, wir standen vor ihr. Ich sah umher, ach, und die Zeit, da mein Herz so allein war, lebte wieder vor mir auf. – "Lieber Brunnen," sagte ich, "seiter hab' ich nicht mehr an deiner Kühle geruht, hab' in eilendem Vorübergehn dich manchmal nicht angesehn." – Ich blickte hinab und sah, dass Malchen mit einem Glase wasser sehr beschäftigt heraufstieg. – Ich sah Lotten an und fühlte alles, was ich an ihr habe. Indem kommt Malchen mit einem Glase. Mariane wollt' es ihr abnehmen: "Nein!" rief das Kind mit dem süssesten Ausdrucke, "nein, Lottchen, du sollst zuerst trinken!" – Ich ward über die Wahrheit, über die Güte, womit sie das ausrief, so entzückt, dass ich meine Empfindung mit nichts ausdrükken konnte, als ich nahm das Kind von der Erde und küsste es lebhaft, das sogleich zu schreien und zu weinen anfing. – "Sie haben übel getan," sagte Lotte. – Ich war betroffen. – "Komm, Malchen," fuhr sie fort, indem sie es bei der Hand nahm und die Stufen hinabführte, "da wasche dich aus der frischen Quelle geschwind, geschwind, da tut's nichts." – Wie ich so dastand und zusah, mit welcher Emsigkeit das Kleine mit seinen nassen Händchen die Backen rieb, mit welchem Glauben, dass durch die Wunderquelle alle Verunreinigung abgespült und die Schmach abgetan würde, einen hässlichen Bart zu kriegen; wie Lotte sagte: "Es ist genug!" und das Kind doch immer eifrig fortwusch, als wenn Viel mehr täte als Wenig – ich sage dir, Wilhelm, ich habe mit mehr Respekt nie einer Taufhandlung beigewohnt; und als Lotte heraufkam, hätte ich mich gern vor ihr niedergeworfen wie vor einem Propheten, der die Schulden einer Nation weggeweiht hat.
Des Abends konnte ich nicht umhin, in der Freude meines Herzens den Vorfall einem mann zu erzählen, dem ich Menschensinn zutraute, weil er Verstand hat; aber wie kam ich an! Er sagte, das sei sehr übel von Lotten gewesen; man solle den Kindern nichts weis machen; dergleichen gebe zu unzähligen Irrtümern und Aberglauben Anlass, wovor man die Kinder frühzeitig bewahren müsse. – Nun fiel mir ein, dass der Mann vor acht