geboren wurde. Er war mein Vorfahr im Amt, und wie lieb ihm der Baum war, ist nicht zu sagen; mir ist er's gewiss nicht weniger. Meine Frau sass darunter auf einem Balken und strickte, da ich vor siebenundzwanzig Jahren als ein armer Student zum erstenmale hier in den Hof kam." – Lotte fragte nach seiner Tochter; es hiess, sie sei mit Herrn Schmidt auf die Wiese hinaus zu den Arbeitern, und der Alte fuhr in seiner Erzählung fort: wie sein Vorfahr ihn liebgewonnen und die Tochter dazu, und wie er erst sein Vikar und dann sein Nachfolger geworden. Die geschichte war nicht lange zu Ende, als die Jungfer Pfarrerin mit dem sogenannten Herrn Schmidt durch den Garten herkam: sie bewillkommte Lotten mit herzlicher Wärme, und ich muss sagen, sie gefiel mir nicht übel; eine rasche, wohlgewachsene Brünette, die einen die kurze Zeit über auf dem land wohl unterhalten hätte. Ihr Liebhaber (denn als solchen stellte sich Herr Schmidt gleich dar), ein feiner, doch stiller Mensch, der sich nicht in unsere gespräche mischen wollte, ob ihn gleich Lotte immer hereinzog. Was mich am meisten betrübte, war, dass ich an seinen Gesichtszügen zu bemerken schien, es sei mehr Eigensinn und übler Humor als Eingeschränkteit des Verstandes, der ihn sich mitzuteilen hinderte. In der Folge ward dies leider nur zu deutlich; denn als Friederike beim Spazierengehen mit Lotten und gelegentlich auch mit mir ging, wurde des Herrn Angesicht, das ohnedies einer bräunlichen Farbe war, so sichtlich verdunkelt, dass es Zeit war, dass Lotte mich beim Ärmel zupfte und mir zu verstehn gab, dass ich mit Friederiken zu artig getan. Nun verdriesst mich nichts mehr, als wenn die Menschen einander plagen, am meisten, wenn junge Leute in der Blüte des Lebens, da sie am offensten für alle Freuden sein könnten, einander die paar guten Tage mit Fratzen verderben und nur erst zu spät das Unersetzliche ihrer Verschwendung einsehen. Mich wurmte das, und ich konnte nicht umhin, da wir gegen Abend in den Pfarrhof zurückkehrten und an einem Tische Milch assen und das Gespräch auf Freude und Leid der Welt sich wendete, den Faden zu ergreifen und recht herzlich gegen die üble Laune zu reden. – "Wir Menschen beklagen uns oft", fing ich an, "dass der guten Tage so wenig sind und der schlimmen so viel, und, wie mich dünkt, meist mit Unrecht. Wenn wir immer ein offenes Herz hätten, das Gute zu geniessen, das uns Gott für jeden Tag bereitet, wir würden alsdann auch Kraft genug haben, das Übel zu tragen, wenn es kommt." – "Wir haben aber unser Gemüt nicht in unserer Gewalt;" versetzte die Pfarrerin; "wie viel hängt vom Körper ab! Wenn einem nicht wohl ist, ist's einem überall nicht recht." – Ich gestand ihr das ein. – "Wir wollen es also", fuhr ich fort, "als eine Krankheit ansehen und fragen, ob dafür kein Mittel ist?" – "Das lässt sich hören," sagte Lotte, "ich glaube wenigstens, dass viel von uns abhängt. Ich weiss es an mir. Wenn mich etwas neckt und mich verdriesslich machen will, spring' ich auf und sing' ein paar Contretänze den Garten auf und ab, gleich ist's weg." – "Das war's, was ich sagen wollte," versetzte ich, "es ist mit der üblen Laune völlig wie mit der Trägheit, denn es ist eine Art von Trägheit. Unsere natur hängt sehr dahin, und doch, wenn wir nur einmal die Kraft haben, uns zu ermannen, geht uns die Arbeit frisch von der Hand, und wir finden in der Tätigkeit ein wahres Vergnügen." – Friederike war sehr aufmerksam, und der junge Mensch wandte mir ein, dass man nicht Herr über sich selbst sei und am wenigsten über seine Empfindungen gebieten könne. – "Es ist hier die Frage von einer unangenehmen Empfindung", versetzte ich, "die doch jedermann gerne los ist; und niemand weiss, wie weit seine Kräfte gehen, bis er sie versucht hat. Gewiss, wer krank ist, wird bei allen Ärzten herumfragen, und die grössten Resignationen, die bittersten Arzeneien wird er nicht abweisen, um seine gewünschte Gesundheit zu erhalten." – Ich bemerkte, dass der ehrliche Alte sein Gehör anstrengte, um an unserm Diskurse teilzunehmen, ich erhob die stimme, indem ich die Rede gegen ihn wandte. "Man predigt gegen so viele Laster," sagte ich, "ich habe noch nie gehört, dass man gegen die üble Laune vom Predigtstuhle gearbeitet hätte."4 – "Das müssten die Stadtpfarrer tun," sagte er, "die Bauern haben keinen bösen Humor; doch könnte es auch zuweilen nicht schaden, es wäre eine Lektion für seine Frau wenigstens und für den Herrn Amtmann." – Die Gesellschaft lachte, und er herzlich mit, bis er in einen Husten verfiel, der unsern Diskurs eine Zeitlang unterbrach; darauf denn der junge Mensch wieder das Wort nahm: "Sie nannten den bösen Humor ein Laster; mich deucht, das ist übertrieben." – "Mit nichten," gab ich zur Antwort, "wenn das, womit man sich selbst und seinem nächsten schadet, diesen Namen verdient. Ist es nicht genug, dass wir einander