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; und das Betragen der Hyacinte, welche diesen Gecken eine Art von Ehrfurcht, über die sie selbst erstaunte, einzuflössen wusste, machte mich über diesen Punct so ruhig, als ich nur immer hätte sein können, wenn sie mir ganz gleichgültig gewesen wäre. Allein Don Fernand von Zamora, der um diese Zeit nach Grenada kam, und vom erstenmal, da er Hyacinten auf dem Teater sah, eine heftige leidenschaft nach seiner Art für sie fasste, liess mich nicht lange in dieser stolzen Ruhe. Ein Rival, der die Schönheit eines Narcissus mit der frechen Ausgelassenheit eines Satyren verband, der gewohnt war seinen Leidenschaften den Zügel zu verhängen, und die unermesslichen Reichtümer, über die ihn der Tod seiner Eltern zum Herrn gemacht hatte, zu Befriedigung seiner Begierden unmässig verschwendte, ein solcher Rival, so wenig ich auch für Hyacintens Herz von ihm besorgte, war doch in verschiedenen andern Absichten nicht als gleichgültig anzusehen. Er machte seine erste liebes Erklärung mit Geschenken, die vielleicht manche spröde und stolze Tugend in Versuchung hätten führen können. Hyacinte schickte sie zurück, ohne zu glauben, dass sie ihrer Unschuld oder meiner Liebe, die ihr, ungeachtet ich noch immer in den Grenzen der Freundschaft zu bleiben schien, kein Geheimnis war, ein beträchtliches Opfer gebracht habe; allein sie konnte sich doch mit guter Art nicht erwehren, seine Besuche anzunehmen, und an den ausschweifenden prächtigen Lustbarkeiten, die er seiner Eitelkeit zu Ehren, anstellte, mit Arsenien und andern von ihren teatralischen Freundinnen Anteil zu nehmen. So schwer es meinem Herzen wurde, so beschloss ich doch sie in dieser Gefahr, wenn es eine war, gänzlich dem ihrigen zu überlassen.

Don Fernand, dem ganz Grenada sagen konnte, dass ich sie niemals anders als in Arseniens oder anderer Gesellschaft sah, konnte sich um so weniger bereden, dass ich sein Rival sei, da er durch die genaueste Beobachtung nichts in meinem Betragen entdeckte, das mich hätte verdächtig machen können; und wenn er auch einigen Verdacht gehabt hätte, so würde ihn das nur desto eifriger gemacht haben, seine Anfälle auf ihr Herz zu verdoppeln. Allein weder seine Schönheit noch sein schimmernder Aufzug, noch seine Geschenke, noch seine Feste, noch die ungeheure Menge von Oden und Elegien, in denen er über die diamantne Härte ihres Herzens klagte, oder sich wunderte, wie der warme Schnee ihres schönen Busens so kalt sein könne, waren nicht vermögend aus diesem kleinen Felsen-Herzen ein einziges armes Fünkchen von Mitleiden heraus zu schlagen, so kläglich auch die ganze poetische Zunft von Grenada auf seine Unkosten darum winseln musste, und Don Fernand von Zamora fand endlich für gut, sein Herz, seine Geschenke und seine Elegien einer andern Schauspielerin anzubieten, welche die Sprödigkeit, (wie sie es nannte,) ausgenommen, in allen andern Stücken mit Hyacinten in die Wette eiferte. So sehr ich nun Ursache hatte, mit dem Ausgang dieses Abenteuers zufrieden zu sein, so ungedultig hatten mich die Unbequemlichkeiten des teatralischen Lebens, denen ich Hyacinte bei dieser gelegenheit ausgesetzt sehen musste, gemacht, sie davon zu befreien. Ich glaubte nunmehr ihres Characters und Herzens so gewiss zu sein, dass ich eine längere Beobachtung für überflüssig hielt, und ich ging wirklich damit um, mich Arsenien zu entdecken, und die Mittel zur Ausführung meines Entwurfs mit ihr abzureden, als eine auszehrende Krankheit, deren schneller Anwachs sie gar bald an ihrer Wiedergenesung zweifeln machte, sie veranlasste mir zuvor zukommen. Sie bat sich eine Unterredung mit mir aus, wovon ausser einer kurzen Erzählung ihrer eigenen Schicksale, Hyacinte der einzige Gegenstand war. Ich liebe sie, sagte diese hochachtungswürdige Frau zu mir, als ob sie mein eigenes Kind wäre, und die Umstände, worin ich sie verlassen muss, sind das einzige, was mir die Verlängerung eines Lebens angenehm gemacht hätte, das mir durch eine lange Kette von Unglücks-Fällen und einen Gram, den nur mein Tod enden kann, schon lange zu einer beschwerlichen Bürde worden ist. Meine Liebe zu ihr ist desto unparteiischer, da sie kein Werk eines mechanischen Triebs ist, sondern sich allein auf die Eigenschaften ihres Herzens gründet. Wie würdig ist sie eines bessern Schicksals, und wie wenig Hoffnung darf ich mir machen, dass ihr Glück jemals mit ihrem Wert übereinstimmen werde! In ihren Umständen kann sie keine Lebensart erwählen die nicht ihre eigene Gefahren hat. Jugend und Unschuld von so vielen Annehmlichkeiten begleitet, sind ohne die Vorteile der Geburt oder des Glücks, gefährliche Gaben für unser Geschlecht; eben diese Unschuld, eben diese Reizungen, die an einer jungen person von stand, oder an einer reichen Erbin eine ehrerbietige Liebe oder doch wenigstens rechtmässige Absichten einflössen würden, machen ein Mädchen, die dem Glück nichts zu danken hat, zu einem blossen Gegenstand von Begierden, die auf ihr Verderben zielen; und eben derjenige, der sich nicht schämt, zu ihren Füssen hingeworfen, sie in der Sprache der Schwärmerei und Anbetung für die Göttin seines Herzens zu erklären, würde sich durch den blossen Verdacht, dass er ehrliche Absichten auf sie haben könnte, für beleidigt halten. Urteilen sie nun selbst, Don Eugenio, ob ich über Hyacintens Schicksal ruhig sein kann. Sie ist für die Umstände nicht gemacht, wo zu ihr Unglück sie verurteilt hat; sie ist liebenswürdig, und wie ich glaube, durch ihre Unschuld und sanfte Gemütsart nur desto fähiger, gerührt zu werden. Ich besorge nichts für sie von allen diesen schimmernden Gecken, die um sie herum flattern