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, so behauptete sie hingegen, dass sie desto mehr Ehre davon habe, wenn sie den Mut und die Standhaftigkeit besitze, in einem stand, worin man ihr so viel zu gut halten würde, wirklich tugendhaft zu sein. Kurz, die Vorstellungen der Arsenia, ihre Liebkosungen, ihre Bitten, die Freundschaft, die sie mir versprach, und meine gegenwärtige Not, die mir keine Wahl übrig liess, überwanden endlich meine Bedenklichkeiten ohne sie zu heben, und ich erklärte mich für eine Profession, zu der sie ein ganz besonderes Talent bei mir entdeckt haben wollte. Ich wurde also mit allgemeinem Beifall in die Gesellschaft aufgenommen, und nachdem mich Arsenia in den Geheimnissen ihrer Kunst unterrichtet hatte, wurde Corduba zum Ort ausersehen, wo ich meinen ersten öffentlichen Auftritt machen sollte. Die Zuschauer urteilten eben so günstig von mir als von Arsenia, und ich gestehe ihnen, dass das frohe Geklatsch und der lebhafte Ausdruck eines allgemeinen Vergnügens, der einer gefallenden Schauspielerin, so bald sie nur erscheint, von allen Seiten entgegen lächelt, ein süsser und gefährlicher Augenblick für die Eitelkeit eines jungen Mädchens ist.

Indes konnte doch die Empfindlichkeit, die ich, so lange das Schauspiel daurte, für einen Beifall hatte, wovon ich vielleicht das meiste der Neuheit meiner Figur zu danken hatte, die demütigenden Vorwürfe nicht verhindern, die ich mir selbst machte, so bald ich aufhörte Ines oder Roxelane zu sein. Ich errötete vor mir selbst, wenn ich dachte, dass ich unverschämt genug gewesen war, mich gleichsam den Augen des Publici Preis zu geben, und in einer angenommenen person Leidenschaften zu erregen, die einer zügellosen Jugend eine Art von Recht zu geben schienen, von mir zu erwarten, dass ich in meiner eigenen person die ihrigen begünstigen sollte. Diese Betrachtungen, indem sie mir alle Annehmlichkeiten meines Standes verbitterten, machten mich desto behutsamer in meiner Aufführung. Mein Herz, welches niemals schlimme Neigungen gehabt hatte, machte mir es leicht, mich vor der Verführung zu bewahren; aber die Schwierigkeit war, in einer so schlüpfrigen Lebens-Art auch den Schein zu vermeiden, und die schalksaugige Verleumdung selbst zu nötigen, mein Betragen wenigstens durch ihr Stillschweigen für untadelhaft zu erklären. Ich weiss nicht in wie weit ich hierin glücklich gewesen sein mag; aber ich würde undankbar sein, wenn ich vergässe, ihnen zu sagen, dass Arsenia, die ich meiner Hochachtung immer würdiger fand je besser ich sie kennen lernte, indem sie die Stelle einer Mutter bei mir vertrat, mir zu Erreichung meiner Absicht unendlich nützlich war. Ich verlor mich niemals aus ihren Augen, ich ass und schlief bei ihr, ihr Umgang und Beispiel entwickelte und unterhielt meine Gesinnungen, und ihr charakter, dem alle Welt Gerechtigkeit widerfahren lassen musste, schützte mich vor der Bosheit derjenigen, die als eine Grundregel annahmen: dass eine person, welche tugendhaft zu sein scheint, in der Tat nur behutsam sei. Wir verliessen Corduba in wenig Wochen, und begaben uns nach Grenada, wo wir uns bei nahe ein Jahr lang aufhielten, und eines ununterbrochenen Beifalls genossen. Hier hatte ich das Glück mit Don Eugenio bekannt zu werden. Die Hochachtung, worin er seiner Verdienste und Sitten wegen stunde, unterschied ihn zu sehr von dem grossen Haufen des jungen Adels, als dass Arsenia sich hätte ein Bedenken machen können von ihm und einer kleinen Anzahl seiner Freunde Besuche anzunehmen, die an statt uns Tadel zuzuziehen, vielmehr für einen Beweis angesehen wurden, dass wir schätzbarer sein müssten als unser Stand anzukündigen schien. In einer Gesellschaft wie diese, und wo die allzu gütige Parteilichkeit des Don Eugenio für mich kein Geheimnis sein kann, wird es mir erlaubt sein zu sagen, dass ich ganz unempfindlich hätte sein müssen, um von seinen Gesinnungen nicht gerührt zu werden. Ich erröte nicht ihnen zu gestehen, dass ich vom Anfang unsers Umgangs an eine achtung für ihn empfand, die ich vorher für niemand empfunden hatte, und wie ich glaube, für keinen andern jemals empfinden werde. Wenn ich auf etwas stolz zu sein berechtiget wäre, so müsste es auf die Freundschaft sein, womit er mich beehret hat. Die Welt, die immer urteilt ohne zu kennen oder sich die Mühe der Untersuchung zu geben, hat mir künstliche Absichten beigemessen, deren die Aufrichtigkeit meiner Seele nie fähig gewesen ist. Allein ich habe mich jederzeit damit beruhiget, dass Don Eugenio mich besser kennt, und die Ausführung eines Entschlusses, der schon lange fest bei mir steht, wird, wie ich hoffe, die Freundschaft am besten rechtfertigen, deren er mich nicht unwürdig gefunden hat.

Dreizehntes Capitel

Don Eugenio setzt die Erzählung der Hyacinte fort Die liebenswürdige Hyacinte schien, indem sie dieses sagte, so gerührt zu werden, dass sie, so sehr sie sich auch bemühte es zu verbergen, ein wenig inne halten musste. Erlauben Sie, schöne Hyacinte, sagte Don Eugenio, ohne dass er ihre Beunruhigung zu merken schien, dass ich ihre Erzählung fortsetze, da sie nun auf denjenigen teil ihrer geschichte gekommen sind, wo sie mit der meinigen verwickelt zu sein anfangt.

Es ist bei nahe ein Jahr, fuhr er fort, dass ich mit Don Gabriel nach Grenada reiste, wo ich verschiedene Angelegenheiten in Ordnung zu bringen hatte. Ich besuchte einsmals die Comödie und sah Hyacinte; sie gefiel mir, und rührte mich. Das erste war eine natürliche Folge der Annehmlichkeiten ihrer person, denn wem gefiel sie nicht? Und das andere schien mir eine eben so natürliche Würkung der Rolle