1772_Wieland_108_95.txt

Fenster mit eisernen Stäben verwahrt war. Ich fand sie weit genug von einander, um mich durchpressen zu können; und es gelang mir endlich wiewohl mit vieler Mühe und Schmerzen.

Sie können sich die Freude kaum vorstellen, die ich hatte, wie ich mich auf der Strasse sah. Ich lief, was ich konnte, ohne zu wissen wohin, und weil das Haus, worinne ich war, in einer von den Vorstädten stunde, so befand ich mich in kurzer Zeit auf dem freien feld. Niemals hatte mir der gestirnte Himmel so schön geschienen als jetzt, da er meine Flucht beförderte. Ich befahl mich den unsichtbaren Beschützern der Unschuld, und so bald ich merkte, dass ich auf der Landstrasse war, so lief ich so schnell davon, als ob ich Flügel an den Fersen hätte. Wie die Sonne aufging, war ich schon drei Stunden von Sevilla entfernt. Ich tauschte meine Kleider mit einem jungen BauerMädchen von meiner Grösse, die mir begegnete, und nachdem ich mich in einem dorf mit Brot, und meinen Kruge mit frischer Milch versehen hatte, setzte ich meine Reise fort; ich ruhte den Tag über in dichten Gebüschen aus, und ging des Abends, bis ich ein Wirtshaus antraf, wo ich die Nacht zubringen konnte. Ich richtete meine Reise nach Calatrava, wo ich die gute Dame zu erfragen hoffte, auf deren Grossmut und Neigung zu mir ich alle meine Hoffnungen gründete; aber weil ich gezwungen war, zu fuss zu gehen, (denn ich hatte aus einer vielleicht übertriebenen Bedenklichkeit nichts mit mir genommen, als das wenige Geld, so ich bei mir trug, wie ich das Haus der Zigeunerin verliess, und dieses reichte kaum zu meiner Reise-Zehrung zu,) so ging meine Wanderschaft überaus langsam, und ich hatte Zeit genug meinen vergangenen begebenheiten und meinem künftigen Schicksal nachzudenken. So ungünstig auch das gegenwärtige aussah, so blieb ich doch immer munter; der Gedanke, dass ich meine Unschuld aus so schlüpfrigen Umständen davon gebracht hatte, machte mich leicht und fröhlich, und von allem, was mir in dem kleinen haus des Marquis zu Dienste gestanden war, bedaurte ich nichts als meine schöne Teorbe von Sandelholz, womit ich mir unterwegs die Zeit hätte verkürzen können. Ich sang nichts desto minder, so lange der Tag war, und machte mir eine Zeitkürzung daraus, den Gesang der Nachtigallen nachzuahmen, worin ich, ohne Ruhm zu melden, eine so grosse Meisterin wurde, dass ich die Nachtigallen selbst eifersüchtig machen konnte.

Auf diese Art kam ich endlich glücklich, und ohne dass mir ein merkwürdiges Abenteuer zugestossen wäre, im Schloss an, wo die Dame, die ich suchte, gewohnt hatte; aber, urteilen sie, wie gross meine Bestürzung war, da man mir sagte, das junge fräulein, ihre einzige Tochter, sei vor etlichen Monaten an den Pocken gestorben, und ihre Mutter hätte sich aus Betrübnis über den Verlust eines Kindes, das ihr einziges Vergnügen gewesen war, bald darauf in ein Kloster unweit Toledo vergraben. Diese Nachrichten schlugen mir den Mut so sehr nieder, dass ich ein paar Tage ganz krank davon wurde. Meine Umstände konnten nicht verzweifelter sein, ich war ohne Geld, unter lauter Unbekannten, und in dem schlechten Aufzug, den ich machte, um so mehr vielen Unbequemlichkeiten ausgesetzt, da man gar leicht sah, dass ich verkleidet war. Ich hatte keinen andern Ausweg, als bei irgend einer Dame Dienste zu suchen, aber die Schwierigkeit war, jemand zu finden, der es auf sich nehmen wollte mich in einem guten haus zu empfehlen.

Indem ich in dieser Verlegenheit nicht wusste, wohin ich mich wenden sollte, begegnete es, dass eine kleine Gesellschaft von Comödianten in das Wirtshaus kam, wo ich mich aufhielt. Die Frau des Vorstehers, eine person von feinem Ansehen und sehr einnehmenden Manieren, machte Bekanntschaft mit mir; wir gefielen einander beim ersten Anblick, und es währete nicht lange, so hatte sie mein Vertrauen so sehr gewonnen, dass ich ihr meine geschichte und meine dermaligen Umstände entdeckte. Sie hatte eben eine junge person nötig, um die Stelle ihrer besten Schauspielerin zu ersetzen, welche ihr der Graf von L. erst kürzlich entführt, und ihrer Gesellschaft dadurch keinen geringen Schaden zugefügt hatte. Sie machte mir den Antrag, ob ich nicht Lust hätte mich dem Teater zu widmen, und sparte keine Vorstellungen und Überredungen, um mir Lust dazu zu machen. Natürlicher Weise hätte ein Mädchen, das bisher die person einer kleinen Zigeunerin gespielt hatte, sich durch die Ehre zu einer Teater-Heldin erhoben zu werden sehr geschmeichelt finden sollen; Allein so jung ich war, so wusst ich doch wohl, dass in den Augen der Welt der Unterschied zwischen einer Comödiantin und einer Zigeunerin nicht so gross ist als sich die Teater-Princessinnen einbilden, und die gute Dame Arsenia hatte sehr vieles zu tun, bis sie mit allen meinen Bedenklichkeiten fertig war. Sie schien von meinen Gesinnungen ganz bezaubert, und verdoppelte ihre Liebkosungen und Zureden, um mich zu einer Lebensart zu bewegen, die ihrer Meinung nach, an sich selbst nichts unedles oder verächtliches habe, und bloss durch die schlechte Sitten der meisten, welche sie treiben, in einen etwas zweideutigen Ruf gekommen sei. Sie sagte mir zum Beweis dieses Satzes sehr vieles, das mir einen grossen Schein der Wahrheit zu haben schien, und ob sie gleich nicht in Abrede war, dass eine junge Schauspielerin mehr Versuchungen ausgesetzt sei als andre Frauenzimmer