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so niederträchtige Bitte mit dem Stolz, den er in meinen übrigen Gesinnungen fand, nicht zusammen reimen; und nachdem er viele vergebliche Mühe gehabt hatte, mich auf andere Gedanken zu bringen so verliess er mich endlich, in der Hoffnung, wie er sagte, dass die Abgeneigteit, die seine Figur das Unglück habe mir einzuflössen, nicht unüberwindlich sein werde. Allein seine Hoffnung betrog ihn diesesmal. Er fand nach etlichen andern Besuchen, die er mir machte, dass ich wirklich keine Seele haben müsse. Ich bestund schlechterdings darauf, dass er mir meine Freiheit wieder geben sollte. Und was willt du denn mit deiner Freiheit anfangen, kleine Närrin, sagte er? Gnädiger Herr, antwortete ich, es ist mir unmöglich, ihnen Hoffnungen zu machen, die mein Herz verleugnet. Ich weiss es gewiss, dass ich sie in acht Tagen, oder in acht Wochen, wenn sie wollen, eben so wenig lieben werde als jetzt. Darauf können sie sich verlassen, und das ist alles, was sie jemals von mir zu erwarten haben. Ist das alles, erwiderte der Marquis höhnisch? Du bist sehr offenherzig, Hyacinte, und ich kann mich wenigstens nicht beklagen, dass du mich in Ungewissheit schmachten lassest. Eine andere an deinem Platz würde mich bereden, dass sie mich liebe, wenn es auch nicht wahr wäre.

Ich weiss nicht was eine andere täte, versetzte ich: Aber das weiss ich, dass ich hier nicht an meinem platz bin, und dass ich nicht begreife, was sie mit mir wollen, nachdem ich ihnen gesagt habe, dass ich sie niemals lieben werde. Höre, Hyacinte, sagte mir der Marquis, es ist billig, dass ich deine Aufrichtigkeit erwidere; ich habe dich in einem haus gefunden, wo man keine Spröden sucht, und wo du mir nicht hättest übel nehmen können, wenn ich dir eben so begegnet wäre, wie die jungen Leute, von deren ungestümen Mutwillen ich dich befreite. Ich sah aber, dass es unbillich wäre, dich mit deinen gefälligen Schwestern in eine klasse zu setzen. Du gefielst mir, deine Unschuld nahm mich ein, kurz, ich fand dich liebenswürdig, und beschloss dich unverzüglich aus einem haus zu befreien, wo du gewiss noch viel weniger an deinem platz zu sein schienest als hier. Ich handelte dich deiner Mutter abWas sagen sie, gnädiger Herr, rief ich? Sie haben mich abgehandelt? Ja, antwortete er, und teuer genug, dass du nicht verlangen kannst, dass ich mein Geld umsonst ausgegeben haben soll. Aber wissen sie auch, sagte ich, dass diese Alte, die sich für meine Grossmutter ausgibt, nichts weniger ist? und wer sind denn deine Eltern, fragte der Marquis? Das weiss ich nicht, antwortete ich; vielleicht sind es rechtschaffene Leute, vielleicht auch ist es mir besser sie nicht zu kennen; aber ich sage ihnen, dass ich in der Ungewissheit, worin ich hierüber bin, für das sicherste halte, mir einzubilden, dass ich vielleicht von gutem haus sei; und so lächerlich ihnen diese Einbildung vorkommen mag, so vermag sie doch so viel über mich, dass die glänzendsten Verheissungen und die grausamsten Schrecknisse mich nicht von dem Entschluss abbringen sollen, ein ehrliches Mädchen zu bleiben, wie ich bisher gewesen bin, so gerecht auch immer das Vorurteil ist, das meine Umstände gegen mich erwecken. Die Alte hatte kein Recht mich ihnen zu verkaufen, und es ist in ihrer Gewalt, sie zur Rückgabe eines so unerlaubten Gewinnstes zu nötigen.

Meinst du das, sagte der Marquis spottend? Ich sage dir aber, ich, dass ich keine Lust dazu habe, und dass du, mit Erlaubnis aller der schönen Einbildungen, die du dir in den Kopf gesetzt hast mein sein sollst, du magst wollen oder nicht. Siehst du, Hyacinte, ich glaube nicht an die Tugend eines Mädchens von fünf zehen Jahren, und du wirst doch nicht unter unzählichen die erste unerbittliche sein, die ich gefunden habe; ich versichere dich, dass bessere als du bist, nicht halb so viel Umstände mit mir gemacht haben. Ich antwortete nur mit einem Strom von Tränen auf diese Rede, und der Marquis schien verlegen zu sein, was er mit mir anfangen sollte. Ich warf mich zu seinen Füssen, und bat ihn aufs beweglichste, dass er mich in Freiheit setzen, und meinem Schicksale überlassen möchte. Meine Bitten würkten gerade das Widerspiel. Er hob mich in einer ausserordentlichen Bewegung auf, warf sich zu meinen Füssen nieder, und sagte mir alles was die heftigste leidenschaft eingeben kann. Ich glaube, dass etwas ansteckendes in heftigen Leidenschaften ist, und dasjenige, was die Zuschauer bei der lebhaften und wahren Vorstellung einer leidenschaft auf dem Schauplatz erfahren, scheint eine Bestätigung meiner Meinung zu sein. Ich liebte den Marquis nicht; aber ich konnte mich nicht erwehren, von der Heftigkeit seiner Liebe beunruhiget zu werden. Er hatte sich meiner hände bemächtiget, und er fühlte vermutlich, dass mein Puls hurtiger schlug, er sah eine mehr als gewöhnliche Röte auf meinen Wangen, und da die Sinnen mehr Anteil an seiner Liebe hatten als das Herz, so glaubte er, dass dieses der Augenblick sei, da er mich überraschen könnte. Es würde lächerlich sein, wenn ich sie überreden wollte, dass ich keiner Schwachheit fähig sei; die Tugend besteht, meiner Meinung nach, in gewissen Umständen weniger in einer völligen Unempfindlichkeit, die niemals ein Verdienst ist