grössten Brillen auf der Nase, und einen Rosenkranz an ihrem Gürtel, der ihr bis auf die Füsse herab hing; dieser Aufzug, und ein rundes rötliches Gesicht, das aus einer alt-modischen Schleier-Haube hervor guckte, mit einem paar kleinen Augen, die sie auf eine andächtige Art im Kopf herum drehte, gab ihr so völlig das Ansehen einer Beate, dass ich anfangs in ein Kloster zu kommen meinte. Aber diese Vorstellung verlor sich bald, da sie mich in ein Gemach von vier in einander gehenden Zimmern führte, welches, wie sie sagte, meine künftige wohnung sein sollte.
Diese Zimmer waren immer eines prächtiger als das andere; Tapeten, Spiegel, Porcellan, Gemälde, Schnitzwerk, Vergoldungen, alles war so schön, dass ich etliche Augenblicke davon verblendet wurde. Die Alte, die mich bis hieher begleitet hatte, wartete nicht, bis ich mich aus der ersten Bestürzung, worin (die Wahrheit zu sagen) Furcht und Vergnügen zu gleichen Teilen vermischt war, erholen konnte. Ich überlasse dich nun dir selbst, meine liebe Hyacinte, sagte sie zu mir, nachdem sie mich auf die Seite genommen hatte; du bist liebenswürdig, und hast dir in den Kopf gesetzt, auch tugendhaft zu sein; der Einfall ist gut, und wenn du dich dessen zu bedienen weisst, so kann dir deine Tugend hundertmal so viel wert sein, als mir deine Jugend und Schönheit. Mit diesen Worten verliess sie mich, ohne eine Antwort zu erwarten. Die Beate folgte ihr, nachdem sie mir mit einer tiefen Verbeugung eine gute Nacht gewünscht hatte. So bald ich allein war, fing ich an diesem Abenteuer nachzudenken. Ich fragte die kleine Stella, die bei mir geblieben war, und ob sie mir gleich nichts anders sagen konnte, als dass der Marquis von Villa Hermosa, (eben derjenige, der sich diesen Abend meiner angenommen hatte) sich bald nach meiner Entfernung mit der Alten weg begeben, und erst nach einer Stunde wieder gekommen sei; so schien es mir doch genug, mich in der Vermutung zu bestärken, dass ich von der alten Kupplerin diesem jungen Herrn ausgeliefert worden sei. Ich brachte den Rest der Nacht in einer unruhigen Verwirrung hin und wieder laufender Gedanken auf einem Sopha zu. Ich stellte mir vor, wie ich mich gegen den Marquis bezeugen wollte, meine Einbildung malte mir eine Menge von Abenteuern vor, die ich in alten Romanen gelesen hatte, und meine kleine Eitelkeit fand sich durch den Gedanken geschmeichelt, dass ich vermutlich selbst die Heldin eines Romans werden könnte. Ohne Zweifel, dachte ich, liebt mich der Marquis; und wenn er mich liebt, so bin ich wenigstens gewiss, dass er mir anständig begegnen wird. Vielleicht denkt er, mich durch Geschenke, Juwelen, reiche Kleider und eine wollüstige Lebensart zu gewinnen; aber er wird es anders finden. Der blosse Gedanke, dass ein Preis in der Welt sein sollte, um den Hyacinte sich selbst dahin gäbe, empört mein ganzes Wesen. Von dieser Seite hab ich nichts zu besorgen. – Aber wie wenn er liebenswürdig wäre? Wenn mein eigenes Herz mich unvermerkt verführte, oder wenn es wahr wäre, dass die Liebe nicht in unsrer Gewalt ist? – So ist es doch in meiner Gewalt, es ihm zu verbergen, – und wenn er es auch zuletzt entdeckte, so werde ichs ihm dennoch weder eingestehen, noch seinen Anträgen Gehörgeben, bis ich entdeckt habe, wem ich mein Dasein schuldig bin. O! ihr, deren Blut dieses Herz belebt, rief ich, wer ihr auch sein möget, mein Herz sagt mir, dass ihr einer Tochter würdig seid, die ihr einst ohne zu erröten dafür erkennen dürfet.
Unter allen den Gedanken, die diese Zeit über in meinem Kopf herum schwärmten, war dieser ohne Zweifel der beste; er entsprang aus meinem Herzen, ich fand ein unbeschreibliches Vergnügen, ihm nachzuhängen, und fühlte, dass er mir eine gewisse Stärke mitteilte, die mich über mein Alter und die Niedrigkeit meiner Umstände erhob.
In einer solchen Verfassung fand mich der Marquis, da er bei seinem ersten Besuch mir seine Absichten eröffnete. Ich hatte ihn des Abends zuvor, anfangs gar nicht von den übrigen unterschieden, und hernach nur mit einem zerstreuten blick und in einer ängstlichen Unruhe, worin ich keiner Aufmerksamkeit fähig war, angesehen. Jetzt, da ich ihn genauer betrachtete, fand ich ihn vollkommen schön; aber mein Herz blieb gleichgültig, und sagte mir kein Wörtchen zu seinem Vorteil. Er schien sich so viel mit seiner Figur zu wissen, dass es ihm nur nicht einfiel, dass man ihm sollte widerstehen können. Dieser Stolz beleidigte den meinigen, und freilich konnte der Marquis nicht vermuten, bei einem kleinen ZigeunerMädchen Stolz zu finden. Ich will ihre Geduld durch keine umständliche Erzählung der Erklärungen, die er mir machte, und der Antworten, die ich ihm gab, ermüden. Die Offenherzigkeit, womit ich ihm meine Gleichgültigkeit gegen seine Reizungen zu erkennen gab, und die stolze Bescheidenheit, womit ich einen schönen Schmuck von Diamanten ausschlug, welche (wie er sehr sinnreich sagte) nur dazu dienen sollten, von dem Glanz meiner schönen Augen verdunkelt zu werden – schien ihn ganz aus seiner Fassung zu bringen. Ich sagte ihm, dass er mich durch nichts in der Welt verpflichten könne, als wenn er mich einer Dame von seinen Verwandten oder Freundinnen empfehlen wollte, um in ihre Dienste aufgenommen zu werden. Er konnte eine