1772_Wieland_108_91.txt

kleines Zimmer, wo ich mich auf ein Ruhbette warf, und durch einen Strom von Tränen meinem Herzen leichter machte. Die Alte liess mich hier über eine Stunde allein, und so bald ich wieder zu mir selbst gekommen war, fing ich wieder an, auf meine Flucht zu denken. Alles, was mir vormals unüberwindliche Hindernisse geschienen hatte, war jetzt nichts in meinen Augen; die fragen, wohin ich fliehen, oder wie ich ohne Geld, unter lauter unbekannten Leuten, und so jung als ich war, fortkommen wollte, fielen mir nur nicht einmal ein. Wenn ich nur aus diesem haus wäre, dachte ich, so möchte der Himmel für das übrige sorgen. Meine Ungeduld wurde so gross, dass ich keinen Augenblick länger warten wollte, mein Vorhaben, was auch daraus entstehen möchte, ins Werk zu setzen. Aber wie gross war mein Schmerz, da ich die Tür verschlossen fand! Ich lief nach den Fenstern, aber sie waren so hoch, dass ich sie nicht erreichen konnte, und zum Überfluss mit eisernen Gittern verwahrt. Ich schrie so laut als ich konnte, damit man mich auf der Strasse hören möchte; aber das Zimmer war weit von der Strasse entfernt, und niemand hörte mich. Ich warf mich wieder auf mein Ruhbette, raufte mir die Haare aus, schrie und winselte wie eine Unsinnige, und klagte den Himmel an, dass er mich mit einem Herzen, das für meine Umstände zu edel war, die Tochter einer Zigeunerin hätte werden lassen, oder wenn ich es nicht seie, dass er mich in Umstände hätte geraten lassen, die mich so unerträglichen Beschimpfungen aussetzten. O! gewiss bin ich für einen so schmählichen Stand nicht geboren, dachte ich: Wenn es auch meine Gestalt und Farbe nicht zu verraten schiene, so sagt mir es mein Herz, dass ich keine Enkelin dieser schändlichen Kupplerin bin, die mich, der Himmel weisst durch was für Mittel in ihre Gewalt bekommen hat. Ach! ich bin vielleicht von edlen Eltern geboren, und die zärtliche Mutter, die mich gebar, beweint vielleicht noch jetzt den Verlust einer Tochter, welche sie liebenswürdig und glücklich zu machen hoffte. – –

Meine erregte Phantasie setzte diesen Gedanken lange fort, ob es gleich nicht das erstemal war, dass er mir zu gleicher Zeit meinen Zustand unerträglich machte, und einen gewissen Mut einflösste, mich durch meine Gesinnungen über ihn zu erheben; ich bestrebte mich, so tiefe Blicke in meine Kindheit zu tun, als mir möglich war, um in den schwachen Spuren erloschener Erinnerungen eine Bekräftigung meiner wünsche zu finden; und so eitel und ungewiss auch die Einbildungen waren, womit ich mich selbst zu betrügen suchte, so dienten sie doch dazu, mich in dem Vorsatz zu bestärken, in was für Umstände ich auch kommen möchte, meine Ehre eben so sorgfältig in Acht zu nehmen, als ob das edelste Blut von Castilien in meinen Adern flösse. Ich war noch in diese Gedanken vertieft, als die Alte wieder kam, und mir mit ungemeiner Freundlichkeit sagte, dass ich mich fertig machen sollte, ihr in eine andere wohnung zu folgen, weil mir, dem Ansehen nach, die ihrige so übel gefalle. Sie setzte hinzu, dass ich dort, an statt von jemand abzuhangen, ganz allein zu befehlen haben würde, und noch viel anders, was mir eine grosse Meinung von dem Glücke, das mir bevor stehe, geben sollte. Sie wollte mich bereden, ihre Absicht sei diesen Abend nur gewesen, mich auf eine probe zu setzen; sie lobte mein Betragen, und sagte, dass ich demselben die glückliche Veränderung zu danken habe, worin ich noch in dieser Nacht mich sehen würde. Der junge Cavalier fiel mir so gleich ein, der sich meiner angenommen hatte; ich fragte die Alte, aber sie gab mir lauter unbestimmte Antworten auf meine fragen. Meine Begierde, aus einem so schändlichen haus zu kommen, verkleinerte die neue Gefahren, worein ich geraten konnte, zu sehr, als dass eine ungewisse Furcht den Abscheu vor einem Schicksal, das in diesem haus fast unvermeidlich schien, hätte überwiegen können; und zudem, so hätte mir, da ich nun einmal in ihren Händen war, die Weigerung mit ihr zu gehen, wenig helfen können. Ich liess es mir also gefallen; sie putzte mich so gut auf, als es in der Eile möglich war, warf einen Schleier über mich und sich selbst, und führte mich aus dem haus. Es war um Mitternacht, und der Mond schien unter einem leichten Gewölk hervor. Nachdem wir einige kleine Gassen durchkrochen hatten, fanden wir eine Kutsche, die auf uns wartete. Wir stiegen ein, und ich war ein wenig bestürzt, wie ich eine von meinen vormaligen Gespielen zu uns einsteigen sah, die, wie mir die Alte sagte, mein Aufwartmädchen vorstellen sollte, bis ich ein anders hätte. Indes war es mir doch angenehm, dass sie sorge getragen hatte, diejenige auszuwählen, die mir immer die liebste gewesen, und die in der Tat, eine einzige Schwachheit ausgenommen, das beste Ding von der Welt war. Wir wurden eine ziemliche Zeit hin und wieder geführt, bis endlich unser Wagen vor einem kleinen haus still hielt, das kein sonderliches Ansehen hatte. Die tür öffnete sich, wir gingen hinein, und wurden von einer etwas bejahrten Frau empfangen, die uns mit Lichtern entgegen kam. Sie war in schlechtem grauen Zeug gekleidet, hatte eine von den