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Zeit zu Zeit gähnend: schön! rührend; unvergleichlich! Allein endlich kriegte er es doch genug, und wie er sah, dass die Romanze kein Ende nehmen wollte, so nahm er seinen Hut, machte seinen Reverenz, und zog mit der tröstlichen Versicherung ab, dass er bald wieder kommen wollte.

Sie werden denken, dass ich bei diesem Anlass keine unfeine Anlage zur Coquetterie gezeigt habe; allein meine Absicht ist, ihnen die Wahrheit zu erzählen, sie mag zu meinem Vorteil gereichen oder nicht.

Bald darauf kam die Alte, und ich merkte aus ihren Reden, dass der junge Herr nicht ganz vergnügt mit mir hinweg gegangen war. Sie war es hingegen desto mehr, da ich ihr erzählte, auf was Art ich seine kleine Lebhaftigkeit gedämpft hatte. Sie lobte mich, und hoffte mit solchen Dispositionen noch Freude an mir zu erleben. Es ist eben nicht nötig, sagte sie mir, dass man alle, die uns lieben, wieder liebe; im Gegenteil, es ist nichts in der Welt, wovon eine junge person, die ihr Glück durch sich selbst machen soll, sich mehr in Acht nehmen muss, als eine ernstafte leidenschaft. gefälligkeit, mein Töchterchen, ist alles, was man von dir verlangt. Indessen tust du wohl, dass du auf deine gleichgültigsten Gunstbezeugungen einen hohen Preis setzest; ein Mädchen ist wert was sie sich gelten macht; es ist jetzt deine Zeit, mein Kind, und man ist nicht immer vierzehen Jahr altIn diesem Ton fuhr die Alte noch eine gute Weile fort.

Aus euren Reden (unterbrach ich sie endlich) muss ich schliessen, dass ihr meinet, ich solle diesen jungen Menschen noch öfter sehen? Warum nicht? versetzte die Alte, und noch zwanzig andere dazu, die dir vielleicht besser gefallen werden. Man sieht alle, und weist niemand ab; man wählt sich einen aus, und amusiert indes die andern, bis die Reihe an sie kommt. An statt diese Reden zu beantworten, brach ich in einen Strom von Tränen aus; ich sagte der Alten schluchzend, dass ich keine Neigung zu einer solchen Lebens-Art hätte, und machte ihr bittere Vorwürfe, dass sie mich nicht bei der guten Dame gelassen hatte, die mich so gerne bei sich behalten hätte. Wenn ich euch zur Last bin, sagte ich – O! das sollst du nicht, unterbrach mich die Alte, du sollst mir und dir nützlich seinAber wie soll das zugehen, fragte ich? Wir singen und tanzen nicht mehr, weder in den Häusern, noch auf den Märkten, oder an den Festtagen; und wenn ich euch sagen soll, wie ich denke, so wollte ich auch lieber sterben, als in dem Alter, worin ich bin, länger herum ziehen, und wie ein kleiner Affe die Leute für Geld durch meine Sprünge belustigen; Ich würde mich zu tod schämen und ich sage euch, es ist nichts in der Welt, das ich nicht lieberSei nur unbekümmert, fiel mir die Alte ein, du sollst auch nicht. Wie du noch ein Kind warest, da war das alles schön und gut; jetzt da du gross bist, und wie ein junges Rosenknöspchen aufzugehen anfangst; jetzt taugst du zu was besserm; eine Rose ist nur dazu da, dass man sie pflücke, und die Rosen von deiner Art haben das besondere, dass sie nur desto schöner blühen, wenn sie gepflückt sind. Wie du noch selbst ein Kind warest, war es dir ganz anständig, andere durch Kinderspiele zu ergötzen; jetzt ist es Zeit zu einer andern Art von Spielen. Deine Jugend, deine Figur, und deine Gaben werden dir so viele Liebhaber verschaffen, als du nur willst. – Ich will aber keine Liebhaber, sag ich euch, und wills euch tausendmal hinter einander sagen, wenn ihr mir es dann glauben wolltDu willt keine Liebhaber, versetzte die alte, und lachte überlaut, du albernes, einfältiges Ding! du willt keine Liebhaber? das wollen wir einmal sehen. Ich kenne dich besser als du selbst; wir wollen in acht Tagen wieder davon reden; du glaubst, weil dir der erste, den du gesehen hast, gleichgültig warAber wie ich sagte, wenn du, ehe acht Tage in die Welt gekommen sind, nicht einen Liebhaber hast, in den du so verliebt bist, wie ein junges Kätzchen so will ich mein Handwerk aufgeben. Mit diesen Worten ging sie fort, ohne darauf acht zu geben, dass ich vor Scham und Unwillen bis aufs Weisse im Auge rot war. Ich war ausser mir selbst, ich warf mich auf einen Stuhl, ich stand wieder auf, rang die hände, weinte, schrie, und dachte in einer Verwirrung, worin es unmöglich war zu denken, auf ein Mittel, wie ich aus der Gewalt des bösen alten Weibes entkommen wollte. Die gute liebenswürdige Dame fiel mir immer ein; sie würde mich gewiss aufnehmen, dachte ich, wenn ich nur ein Mittel finde zu entwischen. Das schlimmste, meiner Einbildung nach, war, dass ich ihren Namen nicht wusste, noch wie der Ort hiess, wo sie wohnte; denn die Alte hat mir ihn niemals sagen wollen. Allein ich erinnerte mich doch so viel, dass das Schloss nur wenige Meilen von Calatrava liege, und ich zweifelte nicht, dass ich sie erfragen würde, wenn ich nur ein mal wieder zu Calatrava wäre. Diese