so sehr, dass sie sich bei nahe entschlossen hätte Gewalt zu brauchen; allein die Alte berief sich, auf ihre mütterliche Rechte, die ich nicht widersprechen konnte, so wenig sie auch mein Herz bestätigte. Kurz, wir mussten scheiden, und die Besorgnis, dass man uns nachsetzen möchte, machte die Alte so behutsam, dass sie uns durch lauter Wälder, Umwege und abgelegene Örter führte, bis wir endlich zu Sevilla anlangten. Ich war untröstbar, und die Alte sah sich genötiget, meinen Schmerz austoben zu lassen, ehe sie es versuchen wollte mir mein Schicksal in einem angenehmen Lichte vorzustellen. Ich war zu jung und zu sehr zur Fröhligkeit geneigt, als dass die Traurigkeit, der ich mich ohne Mass überlassen hatte, von langer Dauer hätte sein können. Unsre Ankunft zu Sevilla veränderte die Scene unsrer Lebens-Art; die Alte mietete ein geraumiges Haus, räumte mir ein eigenes Zimmer ein, und verdoppelte die Freundlichkeit, mit der sie mir immer begegnet war. Sie gab mir Meister, die mich in der Musik vollkommen machen sollten, und machte mir alle Tage Geschenke von Bändern und andern artigen Kleinigkeiten.
Endlich da sie mich eines Morgens aufgeräumter sah als gewöhnlich, hielt sie mir, nachdem sie sich den Weg zu meinem Herzen durch Liebkosungen und Schmeicheleien eröffnet zu haben glaubte, eine lange Rede, worin sie mir sagte: dass die Zeit nun herbei rücke, da sie die Früchte der Bemühungen, so sie auf mich gewandt, zu sehen hoffte. Sie erhob meine Reizungen, und versicherte mich, dass die Glückseligkeit meines Lebens bloss von dem klugen Gebrauch abhangen werde, den ich davon zu machen lernen würde. Du siehst an mir, mein Töchterchen, sagte sie, dass man alle Tage älter wird; die Blüte der Jugend ist die Zeit, die man sich zu nutze machen muss, wenn sie einmal versäumt ist, so ist der Schade unersetzlich. Ich kann dir keine Reichtümer hinterlassen, deine Gestalt und deine Gaben sind alles, was du hast; aber sei unbesorgt, sie werden dich, wenn du klug bist, in einen goldnen Regen setzen. Nach dieser viel versprechenden Vorrede fing sie einen Discours von der Liebe an, wobei sie den Vorteil zu haben glaubte, mich desto leichter zu überreden, je unerfahrner ich war. Sie erschöpfte ihre eigene Einbildungs-Kraft um die meinige zu erhitzen; aber die kalte Gleichgültigkeit, worin ich blieb, versicherte sie, dass ihre Schildereien nicht den mindesten Eindruck auf mich machten. Vermutlich dachte sie, dass dieser Kaltsinn mehr meiner vollkommenen Unwissenheit in solchen Sachen als einer absoluten Unempfindlichkeit zuzuschreiben sei. Sie glaubte, ein artiger junger Lehrmeister würde geschickter sein als sie selbst, mir die neue Kunst, wozu sie mich anführen wollte, angenehm zu machen; und es währte nicht lange, so brachte sie einen jungen Cavalier von Sevilla in mein Zimmer, der, wie er sagte, das Vergnügen haben wollte mit mir bekannt zu werden. Bald darauf gab sie, ich weiss nicht was für Geschäfte vor, und liess uns allein. Der junge Herr fing die Conversation mit einigen Complimenten an, die er aus einem alten Ritterbuch gelernt haben mochte; auf diese folgte eine überaus feurige liebes – Erklärung, und aus Besorgnis, ich möchte ihn nicht recht verstanden haben, endigte er damit, dass er sich einige kleine Freiheiten heraus nehmen wollte. Ich erschrak anfangs und stiess ihn ziemlich unhöflich zurück; aber ein Augenblick von Überlegung, oder vielmehr der besagte Instinct, der wenigstens bei mir (denn ich getraue mir nicht von mir auf unser ganzes Geschlecht zu schliessen) sehr oft die Stelle der Überlegung vertritt, zeigte mir so gleich, dass Ernst und Unwille mir hier wenig helfen würde. Ich sagte ihm also mit einer angenommenen Munterkeit: Sie sind allzu voreilig, mein Herr; ich will nicht mit ihnen darüber disputieren, ob es wahr ist, dass sie mich lieben; es mag wahr sein oder nicht, so werden sie mir doch eingestehen müssen, dass es nun darauf ankommt, ob ich sie wieder lieben will, und wenn ich auch wollte, ob ich es kann, denn das hängt nicht allemal von unserer Willkür ab. Sie verlieben sich, wie es scheint, sehr eilfertig, das ist ihre Manier; ich, bin um ein ziemliches langsamer, das ist die meinige; meine Gunstbezeugungen gehen mit meinem Herzen, und dieses ist nicht so leicht zu gewinnen als sie denken; es ergibt sich, mit ihrer Erlaubnis, nicht auf die erste Aufforderung. Wenn sie mich aber so sehr lieben, als sie mich bereden wollen, so kann es sie nicht viel kosten, so viel gefälligkeit für mich zu haben, und in Geduld abzuwarten, wozu sich mein eigensinniges Herz mit Zeit und Weile entschliessen wird. Kommen sie, mein schöner Herr, fuhr ich fort, ich will ihnen indessen, zu Linderung ihrer Qual eine Romanze vorsingen, von der sie gewiss gestehen sollen, dass sie die schönste ist, die sie jemals gehört haben. Indem ich dies es sagte, hüpfte ich ohne ihm Zeit zur Antwort zu lassen, zu meiner Teorbe, leirte indes, dass ich sie stimmte, ein Präludium, und sang ihm darauf eine altfränkische Ballade von mehr als hundert und fünfzig Strophen, die eine so einschläfernde Melodie hatte, dass die Lebhaftigkeit eines Franzosen nicht zugereicht hätte, dagegen auszuhalten. Mein junger Herr sass da, sah mich mit einer Art von dummer Verwunderung an, und rief von