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Don Sylvio begab sich, um seinen Gedanken desto besser nachhängen zu können in den Garten, und wir wissen nicht, wohin sie ihn endlich geführt hätten, wenn Don Gabriel, der die Morgenstunden gewöhnlicher Weise mit einem Buch im Garten zubrachte, ihn nicht in den Gängen des Labyrints angetroffen hätte.

Von ungefähr war das Buch, das Don Gabriel in der Hand hatte, ein physicalisches, und dieses führte sie nach und nach in ein Gespräch über die natur, worin Don Sylvio seine cabbalistischen Begriffe und Grundsätze mit so vieler Scharfsinnigkeit und mit einer so lebhaften Beredsamkeit behauptete, dass Don Gabriel die Schönheit seines Geistes und die durchgängige Falschheit seiner Ideen gleich viel zu bewundern Ursache hatte.

Man musste so sehr Philosoph sein, als es Don Gabriel war, um den Mut, über eine so tiefeingewurzelte Schwärmerei endlich Meister zu werden, nicht auf einmal zu verlieren. Allein durch die gefälligkeit, die er gegen die Vorurteile unsers Helden hatte, hoffte er mit gutem grund ihn, ohne seine Grundsätze gerade zu bestreiten, unvermerkt so weit zu bringen, dass er selbst an der Wahrheit derselben zweifeln müsste.

Unsre Leser und Leserinnen (denn ungeachtet des strengen Verbots des Herrn Rousseau werden wir ganz gewiss dergleichen haben) unter denen schwerlich ein einziges nötig hat von Zoroastrischen, Plotinischen, Cabbalistischen, Paracelsischen und Rosenkreuzerischen Irrtümern geheilt zu werden, würden uns vermutlich für die Mitteilung einer so tiefsinnigen metaphysischen Unterredung wenig Dank wissen, zumal da es von Morgens sechs Uhr bis um die Zeit, da die Gesellschaft sich in einem kleinen Garten-Saal zum Frühstück versammlete, fortgesetzt wurde. Wir begnügen uns also ihnen zu melden, dass Don Gabriel, mit aller nur ersinnlichen Hochachtung, die er für die Weisen, welche die natur im Ganzen und en detail durch Geister bewegen lassen, zu hegen vorgab, so starke Einwürfe gegen diese wundervolle natur-Lehre vorbrachte, dass Don Sylvio, wo nicht völlig wankte, doch ziemlich erschüttert wurde, und (so vorsichtig auch der Philosoph gewesen war, den Feen nicht zu nahe zu treten) nicht wenig besorgt zu werden anfing, was aus allen seinen Märchen und aus seinen eigenen Abenteuren werden möchte, wenn die Grundsätze des Don Gabriel, die dieser zwar für blosse Hypotesen gab, sich in facto wahr befinden sollten.

Nun half sich zwar Don Sylvio mit dem gewöhnlichen Schlusse, den die Schwärmerei zu machen pflegt, wenn sie von der gesunden Vernunft in die Enge getrieben wird; er verwies sich selbst auf seine Erfahrungen, und schloss, dass Grundsätze, die seiner Erfahrung widersprächen, notwendig falsch sein müssten. Allein es regte sich doch, wir wissen nicht was, in seinem kopf, das ihn bei diesem Schlusse nicht so ruhig sein liess, als man es bei einer geometrischen Demonstration zu sein pflegt; und da er ein ungemeiner Liebhaber von Speculationen von dieser Gattung war, so willigte er mit Vergnügen ein, dieses Gespräch zu einer andern gelegenen Zeit in der Bibliotek des Don Eugenio fortzusetzen.

Zehendes Capitel

Wie kräftig die Vorsätze sind, die man gegen die

Liebe fasst

Don Sylvio hatte sich unter anderm vorgenommen, den Eindrücken männlich zu widerstehen, welche, wie er sich selbst zu bereden suchte, die Ähnlichkeit der Donna Felicia mit seiner prinzessin aufsein Herz machte. Dieser heldenmütige Entschluss gab ihm anfangs, wie er mit Don Gabriel zur Gesellschaft kam, ein so gezwungenes und entlehntes Aussehen, als nur immer ein Mittelding von einem Knaben und Jüngling haben kann, der nur erst neulich dem Collegio entwischt ist, und jetzt zum erstenmal in guter Gesellschaft erscheint. Donna Felicia bemerkte es beim ersten Anblick, ohne dass sie darauf acht zu geben schien; sie erriet die Ursache davon mit dieser ausserordentlichen Scharfsinnigkeit, welche die Liebe zu geben pflegt, und hoffte nicht ohne Ursache, dass ihre Gegenwart den Streit zwischen seiner Phantasie und seinem Herzen bald entscheiden werde.

Die Moralisten habens uns schon oft gesagt, und werdens noch oft genug sagen, dass es nur ein einziges bewährtes Mittel gegen die Liebe gebe, und dieses ist, sagen sie, so bald man sich getroffen fühlt, so schnell davon zu laufen als nur immer möglich ist. Dieses Mittel ist ohne Zweifel vortrefflich; wir bedauren nur, dass es diesen weisen Männern nicht auch gefallen hat, das Geheimnis zu entdecken, wie man es dem Patienten beibringen solle. Denn man will bemerkt haben, dass ein Liebhaber natürlicher Weise, eben so wenig fähig sei vor dem gegenstand seiner leidenschaft davon zu laufen, als ob er an Händen und Füssen gebunden oder an allen Nerven gelähmt wäre; ja man behauptet so gar, nach einer unendlichen Menge von Erfahrungen, worauf man sich beruft, dass es in solchen Umständen nur nicht einmal möglich sei, zu wünschen, dass man möchte fliehen können.

Es ist wahr, Don Sylvio hatte eine Art von Entschluss gefasst, dass er (so bald es nötig sein sollte) fliehen wolle; allein wie man sieht, war dieser Entschluss nur bedingt, und die Liebe blieb allezeit Richterin darüber, ob es nötig sei zu fliehen oder nicht, und über dies war die schöne Felicia nicht dabei, wie er diesen Entschluss fasste.

Die Gegenwart des geliebten Gegenstandes verbreitet eine Art von magischer Kraft, oder (um uns eines eben so unverständlichen aber unsers philosophischen Jahrhunderts würdigern Ausdrucks zu bedienen) eine Art von magnetischen Ausflüssen rund um sich her, und der Liebhaber tritt nicht so bald in diesen magnetischen Wirbel, so fühlt er sich von einer unwiderstehlichen Gewalt ergriffen, die ihn, in