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würde diesen Grund sehr geringhaltig gefunden haben, wenn sie diese Sympatie, womit Don Eugenio, (es sei nun mit Recht oder Unrecht) seine Torheit oder Schwachheit, oder wie es die weisen Leute, die über solche Ausschweifungen hinweg gesetzt sind, nennen wollen, zu rechtfertigen vermeinte; nicht aus eigener Erfahrung gekannt hätte; und in der Tat hätte es ihr kaum anders als ungereimt vorkommen können, dass eine betrügliche, ungewisse und unerklärbare Empfindung, ein ich weiss nicht was, das vielleicht nur ein Gespenst der Einbildungs-Kraft ist, für hinlänglich gehalten werden solle, die stimme der Vernunft, der Klugheit und der Ehre zu überwiegen. Allein zum Vorteil ihrer beiderseitigen leidenschaft befanden sie sich beide in dem nämlichen oder doch einem sehr ähnlichen Falle. Was Donna Felicia für den Don Sylvio empfand, erklärte ihr vollkommen, was Don Eugenio seine Sympatie für Hyacinten nannte, und Don Eugenio konnte nicht so unbillig sein, von seiner Schwester die Unterdrückung einer Neigung zu verlangen, die er selbst für unwiderstehlich erklärt hatte. Sie schenkten also einander die Einwürfe, die eines jeden eigene Vernunft so gut als des andern seine gegen den Entschluss ihres Herzens zu machen wusste, und richteten ihre vereinigte Aufmerksamkeit bloss darauf, wie die Hindernisse, die ihren Wünschen im Wege stunden am besten gehoben werden könnten. Die gefälligkeit, die Donna Felicia in diesem Stücke für die leidenschaft ihres Bruders zeigte, verdiente alle nur ersinnliche Erkenntlichkeit auf seiner Seite, und da in der Tat die überspannte Phantasie unsers Helden das einzige war, was ihn ihrer Liebe unwürdig machen konnte: So schien alles bloss darauf anzukommen, wie man es anzufangen hätte, um sein Gehirn wieder in seine natürliche Falten zu legen. Die Nachrichten des Bartiers wurden hiebei zum grund gelegt, und Don Eugenio urteilte, dass es nicht sehr viel Mühe brauchen werde, einen jungen Menschen, dessen Torheit bloss in einer Art von Schwärmerei bestund, die aus zufälligen Ursachen einen so seltsamen Schwung genommen hatte, in kurzer Zeit zurechte zu bringen. Ich habe bemerkt, sagte er, dass sie ihm nichts weniger als gleichgültig sind. Es ist wahr, sie haben eine Rivalin, aber da sie nur ein Sommervogel ist, und erst noch in eine eingebildete prinzessin verwandelt werden soll, so wird sie ihnen den Sieg nicht lange streitig machen. Lassen sie uns anfangs so viel Nachsicht gegen seine Torheit brauchen als nötig ist, um sein Vertrauen zu erwerben; die natur und die Liebe werden das meiste tun; die Phantasie wird nach und nach der Empfindung Platz machen, und wenn nur diese einmal die Oberhand hat, so wird es leicht sein, ihm Vorurteile und irrige Begriffe zu benehmen, die keinen Fürsprecher mehr in seinem Herzen haben.

Donna Felicia war sehr erfreut ihre eigene Ideen von ihrem Bruder gerechtfertiget zu sehen, und unterliess nicht ihm ihre Dankbarkeit dadurch zu bezeugen; dass sie so viel Gutes von seiner geliebten Hyacinte sagte, als er nur immer wünschen konnte. Sie versicherte ihn so gar, dass sie in ihrer person und denkart allzuviel edles habe, als dass das Geheimnis ihrer Geburt sich anders als zu ihrem Vorteil entüllen könne; und Don Eugenio, dem dieser Gedanke nichts neues war, hatte ihn jederzeit dem Vorteil seines Herzens zu günstig gefunden, um seinen Witz zu Einwürfen dagegen zu missbrauchen.

Nachdem sie sich also über die Massregeln, die sie zu Beförderung ihrer Absichten mit Don Sylvio nehmen wollten, verglichen und für gut befunden hatten, der schönen Hyacinte und dem Don Gabriel einen teil des Geheimnisses anzuvertrauen: So schieden sie so vergnügt von einander als sie es jemals gewesen waren, und begaben sich in den Saal, um ihren Gästen bis zum Abendessen Gesellschaft zu leisten.

Achtes Capitel

Streit zwischen der Liebe zum Bilde und der Liebe

zum Original

Die schimmernde Pracht des Speisesaals, worin man sich versammlete, die Menge der Wachslichter, womit er erleuchtet war, die Kostbarkeit des Tischgerätes, die Niedlichkeit der Mahlzeit, die Verschiedenheit der ausgesuchtesten Weine, alles dieses würde unsern Helden, der in einem Feen-schloss zu sein glaubte, auch in andern Umständen nicht in die geringste Verwunderung gesetzt haben, ob es gleich das erstemal war, dass er eine solche Pracht ausserhalb seiner Einbildung sah. Nun aber, da Donna Felicia sich seiner ganzen Aufmerksamkeit bemächtiget hatte, wäre er leicht zu bereden gewesen, in einer Stroh Hütte, worin er sie gesehen hätte, sich im Palast der Fee Lüminöse zu glauben.

Die schöne Felicia konnte nicht die letzte person sein, die den Eindruck bemerkte, den sie auf ihn machte; und weil sie sich ihres Sieges nicht genug versichern zu können glaubte, so nahm sie sich vor, alle ihre Reizungen zu vereinigen, um ihm eine schlaflose Nacht zu machen. Eine angenehme Symphonie, die sich unter der Tafel hören liess, ohne dass man sah woher, und wovon also Don Sylvio ohne Anstand den Sylphen die Ehre gab, von denen die FeenPaläste bedient zu werden pflegten, gab ihr gelegenheit, nach Endigung der Mahlzeit, ihre eigene Geschicklichkeit hören zulassen. Die junge Hyacinte glaubte sich übertroffen zu sehen, und würde sich also niemals haben einfallen lassen, der Donna Felicia das unbegrenzte Lob streitig zu machen, womit sie der bezauberte Sylvio überschüttete. Aber Don Eugenio war zu eifersüchtig über die Lieblings-Talente seiner jungen Freundin, um seine Schwester in dem ruhigen Besitz eines so grossen und ungeteilten Beifalls zu lassen.

Er liess also nicht ab, bis sie sich erbitten liess sich mit der schönen Felicia in einen