1772_Wieland_108_82.txt

das Auge, der Verstand oder die Einbildung entscheiden, warum soll ich ihren Augen, ihrem Verstand, oder ihrer Einbildung mehr zutrauen als den meinigen? Das möchte ich doch wissen!

"Das kann ich ihnen gleich sagen. Ich sehe die Sache wie sie ist, und Sie sind durch den Affect verblendet."

Gut, mein Herr, da kommen sie mir gerade, wo ich sie erwartete. Wenn der Affect zuweilen verblendet (und das tut er nur alsdann, wenn er raset, welches nie lange dauren kann) so ist hingegen eben so gewiss, dass er ordentlicher Weise das Gesicht schärft. Wie können sie erwarten, dass der flüchtige, unachtsame und ungefähre blick, den die Gleichgültigkeit auf einen Gegenstand wirft, so viel an ihm entdecken, oder die Grade seines Werts so richtig bemerken soll als der Affect, der ihn mit der äussersten Aufmerksamkeit von allen Seiten und Gesichtspuncten betrachtet?

"Aber die Einbildung, die sich unvermerkt in seine Beobachtungen mischt – –

Belieben Sie zu bedenken, mein Herr, dass nur ein Narr seine Einbildungen für würkliche Empfindungen hält; warum wollen sie lieber auf einer Voraussetzung bestehen, wodurch sie die Gesundheit meines Hirns verdächtig machen, als gestehen, dass es eine Sache geben kann, die ich besser kenne als sie, oder die, zum wenigsten, mir aus guten Ursachen anders vorkommt als ihnen?"

Erhitzen Sie sich nicht, meine Herren, sagte ein dritter, der diesem Streit zwischen Ich und Du zugehört hatte; Sie könnten noch einen halben Tag disputieren, ohne dass einer den andern bekehren würdeund wissen sie wohl warum? – die Ursache ist ganz natürlichweil sie beide recht haben. Tu si hic esses sagt Terentz: Sie urteilen wie ein Liebhaber, und so haben sie recht; und Sie urteilen wie ein Gleichgültiger, und so haben sie auch recht.

"Aber, mein Herr Schiedsrichter, die Frage ist: Ob er recht habe, ein Liebhaber von etwas zu sein, das in der Tat – –"

Ihnen gleichgültig ist, wollen sie sagen?

"Nein mein Herrdas den Grad der Liebe nicht verdient, den er – –"

Das ist eben die Frage, die sich nicht ausmachen lässt, mein Herr; Auf diesem Wege geraten wir wieder in den vorigen Cirkel, und da können wir ewig herum traben, ohne jemals an ein Ende zu kommen. Ihr Streit ist von einer Art, der nur durch einen gütlichen Verglich ausgemacht werden kann. Gestehen sie einander ein, dass Ich gar wohl berechtiget ist, nicht Du zu sein; hernach setzen Sie sich jeder an des andern Platz; ich will verloren haben was sie wollen, wenn Sie nicht eben so dächten wie er, wenn sie er oder in seinen Umständen wären, und so hat der Streit ein Ende.

Es ist (wie vermutlich Aristoteles schon vor uns bemerkt haben wird) keine verdriesslichere Situation in der Welt, als diejenige, worin ein Liebhaber ist, der einer dritten person, zumal wenn sie nur wenig empfindlich ist, von seiner Neigung Rechenschaft geben soll. Donna Felicia und ihr Bruder befanden sich dermalen beide in diesem critischen Umstande, und, bei einer andern Lage der Sachen, würde vermutlich ein jedes grosse Schwierigkeiten gehabt haben, den Beifall des andern zu erhalten. Ohne diesen glücklichen Zufall hätte Donna Felicia oder Don Eugenio sich, so viel sie gewollt hätten, auf das tu si hic esses, berufen mögen; sie würden vermutlich nicht halb so viel damit gewonnen haben, als jetzt, da sich jedes wirklich an des andern Platz befand; so gross ist der Unterschied zwischen der Würkung, die eine flüchtige Abstraction und ein wahres Gefühl auf uns macht. Es ist wahr, wenn sie einander hätten schicannieren wollen, oder von der unverschämten Art von Leuten gewesen wären, die allein das Recht haben wollen Schellen an ihren Kappen zu tragen, so würden sie noch immer Stoff genug gefunden haben, einander Händel zu machen. Aber bei der guten Vernunft und gefälligen Gemüts-Art, die sie mit einander gemein hatten, brauchte nur das Hindernis aus dem Wege geräumt zu werden, das aus der Gleichgültigkeit des einen Teils natürlicher Weise hätte entstehen müssen. Wir wollen einmal setzen, Donna Felicia hätte die Nachsicht ihres Bruders nicht für sich selbst nötig gehabt, wie viele Einwendungen hätte sie nicht gegen seine Liebe zu einem Mädchen ohne Namen, ohne Vermögen, ja selbst ohne schimmernde persönliche Eigenschaften, zu einer person, die vielleicht ursache hatte über ihre Herkunft zu erröten, und mit der sich seine Bekanntschaft auf dem Teater angefangen hatte, einwenden können? – Ich gestehe Ihnen alles ein, würde Don Eugenio geantwortet haben, alle diese Einwürfe, alles, was sie, meine Freunde und die Welt nur immer dagegen sagen können, hat mir meine eigene Vernunft tausendmal gesagt, und so töricht ich ihnen scheinen mag, so bin ich es doch nicht genug, um nicht ganz deutlich einzusehen, dass Sie und meine Vernunft recht haben; aber was vermag das alles gegen die stimme meines Herzens? gegen einen unwiderstehlichen Zug, von dem ich nicht Meister bin, noch zu sein wünschen kann? Die Hälfte aller dieser Um stände würde mehr als zulänglich sein eine gewöhnliche leidenschaft zu dämpfen. Aber die Gewalt der Sympatie, liebste SchwesterMan muss sie selbst erfahren haben, um zu wissen, wie unmöglich es von dem ersten Augenblick an, da man sie erfährt, ist, ihr zu widerstehen.

Donna Felicia