ganz allein auf die Rechnung der Vorzüge seiner Geliebten schrieb, war darüber so erfreut, dass er den Augenblick kaum erwarten konnte, sich seines Geheimnisses in ihren schwesterlichen Busen zu entladen.
Niemals hat vielleicht in einer Gesellschaft von Personen, die einander, teils gänzlich, teils bei nahe unbekannt waren, so viel Sympatie und eine solche Mannigfaltigkeit von verborgnen zärtlichen Regungen geherrschet, als in dieser. Natürlicher Weise konnten so liebenswürdige Personen, als sich hier zusammen gefunden hatten, einander nicht gleichgültig sein; aber die geheimen, obgleich noch unentwickelten Verhältnisse, worin sie gegen einander stunden, machten sie einander noch unendlichmal interessanter, und Amor, und die natur, die hier in geheim ihr Spiel hatten, brachten eine Harmonie und eine Vertraulichkeit, wozu sonst eine Reihe von Wochen erfordert wird, in eben so vielen Minuten hervor.
Don Gabriel war der einzige, der ohne eigennützige Absichten an dem allgemeinen Vergnügen Anteil nahm. Die Ruhe seines eigenen Herzens erlaubte ihm die übrigen mit der Scharfsichtigkeit eines Weisen und mit der Güte eines Menschenfreunds zu beobachten, und ob gleich ein teil von dem, was er zu bemerken glaubte, ein Rätsel für ihn war, so sah er doch, dass in kurzem sehr artige Geheimnisse sich entwikkeln würden.
Inzwischen erschienen ein paar prächtig gekleidete kleine Mohren, um die Gesellschaft mit Erfrischungen zu bedienen und Don Gabriel, der einen natürlichen Beruf dazu zu haben glaubte, hatte die gefälligkeit, durch die Munterkeit seines Witzes zu verhindern, dass die Conversation nicht von Zeit zu Zeit in ein gedoppeltes, wiewohl stillschweigendes Tête-à-Tête ausartete.
Ungeachtet einer gewissen phantastischen Wendung, die beinahe in allem was Don Sylvio sagte oder tat, in die Augen fiel, wurde doch Don Eugenio je länger je mehr von ihm eingenommen, und bei den Verbindlichkeiten, die er ihm hatte, konnte er ohnehin nicht weniger tun, als sich die Ehre seines Aufentalts zu Lirias auf einige Zeit auszubitten, um, wie er sagte, einer Bekanntschaft, die sich auf eine so ausserordentliche Art angefangen, Zeit zu lassen, zu derjenigen vollkommenen Freundschaft zu reifen, deren er sich nicht unwürdig zu zeigen hoffte.
Don Sylvio nahm eine so verbindliche Einladung mit grösstem Vergnügen an, ohne einen Augenblick mehr Umstände zu machen, als die Prinzen in den Feen-Märchen zu machen pflegen, wenn ihnen ein Nacht-Quartier in einem bezauberten schloss angeboten wird.
Donna Felicia entfernte sich hierauf mit der schönen Hyacinte, und Don Eugenio führte seinen Gast in ein prächtiges Zimmer, welches er ihn als das seinige anzusehen bat, so lang er ihn mit seinem Aufentalt in Lirias beglücken würde. Er verliess ihn hierauf bis zum Abend-Essen, und wartete mit Ungeduld, bis Laura ihm die Nachricht brachte, dass seine Schwester sich in ihrem Cabinet allein befinde.
Siebendes Capitel
Gegenseitige Gefälligkeiten
Es ist schon längst beobachtet worden, dass das terentianische: Tu si hic esses, aliter sentias, wenn der gehörige Gebrauch davon gemacht würde, ein fast allgemeines Mittel gegen alle die Widersprüche, Irrungen und Zwistigkeiten wäre, die aus der Verschiedenheit und dem Zusammenstoss der menschlichen Meinungen und Leidenschaften täglich zu entstehen pflegen.
Für einen blossen Zuschauer der menschlichen Torheiten, wenn es anders einen solchen gibt, kann nichts lustigers sein, als eine ganze wohl policierte Gesellschaft von moralischen Egoisten beisammen zu sehen, wovon immer einer dem andern seine Personalität streitig macht, und nichts geringers zu fordern scheint, als dass alle andre in allen Sachen und zu allen zeiten gerade so empfinden, denken, urteilen, glauben, lieben, hassen, tun und lassen sollen, wie er: welches, in der Tat, eben so viel sagen will, dass sie keine für sich selbst bestehende Wesen, sondern blosse Accidentia und Bestimmungen von ihm selbst sein sollen.
Es ist wahr, unter allen diesen Egoisten ist keiner unverschämt genug diese Forderung geradezu zu machen; aber, indem wir alle Meinungen, Urteile oder Neigungen unserer Nebengeschöpfe für töricht, irrig und ausschweifend erklären, so bald sie mit den unsrigen in einigem Widerspruch stehen: was tun wir im Grund anders, als dass wir ihnen unter der Hand zu verstehen geben, dass sie unrecht haben, ein paar Augen, ein Gehirn und ein Herz für sich haben zu wollen?
"Warum gefällt ihnen das, mein Herr?"
Ich kann ihnen keine andre ursache davon geben, als, weil es mir gefällt.
"Aber ich kann doch unmöglich begreifen, was sie denn daran sehen, das ihnen so sehr gefällt? Ich für meinen teil – –"
Gut, mein Herr, das beweist nichts, als dass mir etwas gefallen kann, das ihnen missfällt.
"Ich will eben nicht sagen, dass es mir schlechterdings missfalle, aber ich kann doch auch nicht sagen, dass ich es so gar vortrefflich, so gar ungemein finden sollte, wie sie."
Gesetzt aber, es käme mir so vor?
"So hätten sie unrecht."
Und warum das, mein Herr?
"Weil es nicht so ist."
Und warum ist es nicht so?
"Eine seltsame Frage, mit ihrer Erlaubnis. Hab ich denn nicht so gute Augen wie sie? Ist mein Geschmack nicht eben so richtig? Kann ich nicht eben so gut von dem Wert einer Sache urteilen wie sie? Wenn es so vortrefflich wäre, wie sie sich einbilden, so müsste ichs ja auch so finden."
Alles dieses kann ich mit so gutem Rechte sagen wie sie. Es mag nun hier