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kaum erwehren konnten zu glauben, dass sie in dem Palast der weissen Katze seien?

Man kann auf keine glücklichere Art betrogen werden, schönste Fee, erwiderte Don Sylvio. Möchten sie mit eben der Scharfsichtigkeit, womit sie meinen ersten Gedanken, der, ehe ich sie selbst zu sehen das Glück hatte, natürlich genug war, zu entdecken wussten, in das Innerste meiner Seele schauen, und darin zu lesen würdigen, was ich weder Kühnheit noch Vermögen habe, auszusprechen.

Donna Felicia fand für gut, an statt auf diese ehrfurchts-volle liebes-Erklärung zu antworten, ihn mit der Lebens-geschichte und den bewundernswürdigen Tugenden der kleinen weissen Katze zu unterhalten; und so geringfügig dieser Gegenstand an sich selbst war, so wichtig wurde er, zumal für einen so geneigten Zuhörer als Don Sylvio war, auf den schönen Lippen der Donna Felicia, und durch den Reiz, den sie über alles was sie sagte oder tat, auszugiessen wusste. Don Sylvio erfuhr es nur allzusehr. Jeder ihrer Blicke, jedes Wort, das sie sprach, jede kleine Bewegung, die sie machte, vermehrte die Entzückung, worin er ganz verloren schien. Seine Einbildungs-Kraft, unfähig etwas vollkommeners zu erstreben, als sich seinen Augen darstellte, wurde nun auf einmal ihrer vorigen Macht beraubt, und diente zu nichts als den Sieg der Empfindung vollkommen zu machen. Alle diese schönen Phantomen, womit sie angefüllt gewesen war, verschwanden wie die leichten Dünste eines Frühlings-Morgens vor der aufgehenden Sonne; er erinnerte sich seines vorigen Zustands nur wie eines Traums, oder, richtiger zu reden, er vergass ihn und alles was er kurz vorher gedacht, geliebt, gehofft und gefürchtet hatte, so lang er Donna Felicia vor sich sah, so gänzlich, als ob er den ganzen Lete ausgetrunken hätte.

Dieser Zustand mochte für ihn selbst angenehm genug sein, aber er machte ihn nicht sehr kurzweilig für seine Gesellschafterin, und nachdem alles, was sich von ihren Katzen nur immer sagen liess, völlig erschöpft war, so würde die Conversation ziemlich matt geworden sein, wenn die Papagaien, die von Zeit zu Zeit in den Saal gehüpft kamen, und überaus witzig und schwatzhaft waren, sich nicht zuweilen in das Gespräch gemischt hätten.

Sechstes Capitel

Unverhoffte Zusammenkunft

Donna Felicia bezeugte eben einige Unruhe über das Aussenbleiben ihres Bruders, der ihr, wie sie sagte, Hoffnung gegeben hatte, ihr eine liebenswürdige Gesellschaft mit zubringen: als sich die innere tür des Saals öffnete, und Don Eugenio von Lirias mit der schönen Hyacinte und seinem Freunde Don Gabriel herein trat, und unserm Helden in dem Unbekannten, dem er das Leben oder wenigstens seine Geliebte gerettet hatte, den Bruder seiner angebeteten Fee zeigte.

Die Überraschung war auf beiden Seiten gleich angenehm, und mit einer gleich grossen Verwunderung auf Seiten des Bruders und der Schwester begleitet. Allein da es sich jetzt nicht schickte, diese letztere Regung merken zu lassen, so begnügte sich Don Eugenio, nachdem er seiner Schwester die schöne Hyacinte vorgestellt, und empfohlen hatte, seine Freude darüber zu bezeugen, dass er unsern Helden, dessen unerwartete heimliche Abreise aus dem wirtshaus ihn nicht wenig befremdet hatte, so unverhofft in seinem eigenen haus wieder finde. Sie wissen vielleicht nicht, sagte er zu Donna Felicia, wie viel wir dem Don Sylvio schuldig sind. In kurzem sollen sie den ganzen Zusammenhang einer geschichte erfahren, die ihnen kein Geheimnis mehr sein darf Alles was ich Ihnen jetzt davon melden kann, ist, dass Sie in der person dieses liebenswürdigen Unbekannten denjenigen sehen, der durch grossmütige Wagung seines eigenen Lebens Ihnen einen Bruder erhalten hat.

Sie vergrössern, erwiderte unser Held, den Wert eines Beistands, den ihre und ihres Freundes Tapferkeit überflüssig machte, und wozu ich durch Gesinnungen, die ihr erster Anblick mir einflösste, hingerissen wurde. Hätte ich damals wissen können, was dieser glückliche Augenblick mich gelehrt hat, so würde ich, wenn auch jede meiner Adern ein eigenes Leben hätte, jedes derselben mit Vergnügen aufgeopfert haben, um ein so kostbares Leben zu erhalten.

Don Eugenio würde vermutlich über dieses hyperbolische Compliment ein wenig gestutzt haben, wenn die Aufmerksamkeit, die er anwandte, die Eindrücke, welche Hyacinte auf seine Schwester machte, zu beobachten, ihm zugelassen hätte, auf irgend etwas anders aufmerksam zu sein.

Donna Felicia, welche ziemlich verlegen gewesen war, wie sie ihre Neigung zu unserm Helden, und den Plan, den sie seit einer halben Stunde mit der Behendigkeit, die allen Würkungen der Liebe eigen ist, bei sich selbst entworfen hatte, ihrem Bruder verbergen oder gefällig machen möchte, war vor Vergnügen ausser sich, da sie hörte, was für Verdienste sich Don Sylvio bereits um ihn gemacht hatte. Dieser glückliche Umstand rechtfertigte nicht nur die Lebhaftigkeit ihrer achtung für den Erretter eines Bruders, den sie so zärtlich liebte, sondern, da er ihr in Verbindung mit den übrigen Umständen einiges Licht über die geheime geschichte, worinne Hyacinte vermutlich keine Neben-Rolle zu spielen hatte, zu geben schien, so hoffte sie nun, dass sie wenig Mühe haben würde, den Beifall ihres Bruders für ihre Liebe zu erhalten, da er vermutlich den ihrigen für die Seine nötig haben würde. Sie verdoppelte also die Ausdrücke des Wohlgefallens und der Zuneigung, welche ihr die Liebenswürdigkeit der jungen Hyacinte ohnehin eingeflösst haben würde, da sie aller Zurückhaltung des Don Eugenio ungeachtet, nur allzudeutlich sah, wie heftig er sie liebte; und Don Eugenio, der alle diesen Liebkosungen