1772_Wieland_108_8.txt

aus blossem Antrieb seines Herzens, welches sehr gütig und mitleidig war, nicht saumselig gewesen sein, dem notleidenden Frosche zu hülfe zu kommen, Allein der Gedanke, dass es vielleicht eine Fee und wohl gar eben der wohltätige Frosch sein könnte, so der prinzessin Mufette und ihrer Mutter so gute Dienste geleistet hatte, setzte ihm Flügel an; er sprang über den Graben, und verjagte mit einem Stecken, den er eben in der Hand hatte, den langbeinichten Erbfeind der Frösche in eben dem Augenblick, da er im Begriff war, den kleinen unschuldigen Quäker hinunter zu schlingen. Der Storch liess seinen Raub fallen und entfloh, und das Fröschchen sprang in den Graben, ohne sich zu bekümmern, wem es seine Rettung zu danken habe.

Don Sylvio blieb an dem Graben stehen und erwartete, dass es in Gestalt einer schönen Nymphe, oder doch mit seiner Rosen Haube auf dem Kopf wieder hervor kommen werde, um sich für so einen wichtigen Dienst gar schön bei ihm zu bedanken: er wartete über eine halbe Stunde, aber zu seiner nicht geringen Befremdung wollte weder Frosch noch Nymphe zum Vorschein kommen.

Eine so ungewöhnliche Undankbarkeit an einer Fee war ihm unbegreiflich. Wenn es auch, dachte er, die kleine hässliche Magotine, die alte Ragotte, oder die Fee Concombre selbst gewesen wäre, so sollte doch ein Dienst von dieser Art vermögend gewesen sein, sie zu einiger Erkenntlichkeit zu bewegen. Könnte es aber nicht sein, besann er sich einen Augenblick darauf, dass es ihr nicht erlaubt ist, mir jetzt in ihrer eigenen Gestalt zu erscheinen, oder, dass sie es, aus andern Ursachen auf eine gelegenheit verschiebt, da sie mir ihre Dankbarkeit durch eine würkliche Dienstleistung beweisen kann?

Diese Vermutung schien ihm, weil sie mit seinen grillenhaften Wünschen am besten überein stimmte, bei mehrerm Nachdenken so wahrscheinlich, dass er voller Zufriedenheit in sein grünes Schloss zurück ging, und keinen Augenblick länger zweifelte, dass diese Begebenheit in kurzem irgend eine wichtige Veränderung in seinem Schicksal nach sich ziehen würde.

Vermutlich werden einige Leser sich wundern, wie es möglich sei, dass Don Sylvio albern genug habe sein können, um aus dem widrigen Ausgang dieses Abenteuers nicht den Schluss zu ziehen, der am natürlichsten daraus folgte, nämlich dass der Frosch keine Fee gewesen sei. Allein sie werden uns erlauben, ihnen zu sagen, dass sie die Macht der Vorurteile und vielleicht ihre eigene Erfahrung nicht genugsam in Erwägung ziehen. Nichts ist unter den Menschen gewöhnlicher als diese Art von Trug- Schlüssen; das Vorurteil und die leidenschaft macht keine andre.

Ein alter Geck, der durch seine Freigebigkeit die Treue seiner Liebste zu erkaufen gedenkt, schreibt die funkelnden Augen und die glühende Wangen, womit sie ihn empfängt, der Freude zu, die ihr seine Ankunft verursache, und bedenkt nicht, wie viel wahrscheinlicher es wäre, sie auf die Rechnung eines jüngern Buhlers zu setzen, der inzwischen in einem Schranke steckt, und seines leichtglaubigen Unvermögens spottet.

Ein Indianer kauft seinem Bonzen Amulete ab, die wider alle Krankheiten dienen sollen; er wird krank, und die Amulete helfen nichts. Was schliesst er daraus? Vielleicht dass seine Amulete keine solche Heilungs-Kraft haben, und dass der Bonze ein Betrüger ist? Nichts weniger; alles was er daraus schliesst, ist, dass er dem Götzen, dessen Bild er am Halse getragen, nicht Andacht genug bewiesen, und den Bonzen nicht Almosen genug gegeben habe.

Keine Leute sehen mehr Verdienste an sich selbst als diejenige, an denen sonst niemand keine sieht; wer wollte ihnen auch zumuten, die Verachtung, die sie für eine Würkung des Neides halten, der weit natürlichern Ursache zuzuschreiben, dass andre unmöglich so parteiisch für sie sein können als sie selbst?

Dergleichen Beispiele liessen sich ins Unendliche häufen. Es ist wohl wahr, die Torheit des Don Sylvio wird dadurch nicht kleiner; aber es ist auch zu seiner Entschuldigung genug, dass er wenigstens keine schlimmere Schlüsse macht als andere ehrliche Leute.

Siebendes Capitel

Don Sylvio findet auf eine wunderbare Art das

Bildnis seiner geliebten prinzessin

Einige Tage, nachdem sich das Abenteuer mit dem Laubfrosch zugetragen hatte, ging Don Sylvio mit dem Anbruch des Morgens in den Wald, um Schmetterlinge zu suchen, von denen ihm noch einige zu Ausschmückung seines Cabinets abgingen.

Er hatte sich schon über eine Stunde weit von seinem Schloss entfernt, als er eines wunderschönen Papilions ansichtig wurde, der sich nur wenige Schritte von ihm auf eine Blume setzte. Seine Flügel waren Lasur-blau, mit einer Einfassung von Purpur verbrämt, die in der Sonne wie Gold glänzte. Don Sylvio glaubte ihn schon erhascht zu haben, aber der schöne Sommer Vogel schlupfte unter seinem Strohhut weg, und verbarg sich in das dichteste Gebüsche.

O, rief Don Sylvio, ich muss dich haben, und wenn ich dich auch bis in das unterirdische Reich des König Hammels verfolgen müsste, wo es kleine Pastetchen regnet, und gebratne Feldhühner auf den Bäumen wachsen.

Der Sommer-Vogel, der sich auf den Vorteil seiner Flügel verliess, schien ihm eine so weite Reise ersparen zu wollen. Kaum hatte Sylvio ihn aus dem Gesicht verloren, so fand er ihn wieder ein paar Schritte vor sich, auf einem Rosmarin-Strauch sitzen. Er wollte ihn wieder haschen, aber es ging wie das erstemal; der schöne Papilion schien seiner nur zu spotten; oft gaukelte er in kleinen Kreisen um ihn herum, dann setzt er sich wieder, aber entwischte allemal, wenn