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dass wir einem halben dutzend schönen neuen Gleichnissen nachsinnen, wodurch ein Poet benötigten Falls den höchsten Grad des Erstaunens und der Bestürzung abzuschildern versuchen könnte, ohne dass wir so glücklich gewesen sind, nur ein einziges zu finden, welches nicht durch die vielen hände, wodurch es seit den zeiten des alten Homers bis auf diesen Tag gegangen, so abgenutzt worden wäre, dass es wirklich zu nichts mehr zu gebrauchen ist.

Wir wissen uns also für diesmal nicht anders zu helfen, als durch eine gewisse rhetorische Figur, die wir einem der geschicktesten Zueignungs-SchriftenMachern unsrer Zeit abgesehen haben, und sagen also: Weder der Schrecken eines unvorsichtigen Knaben, der seine Hand in eine Höhle gesteckt hat, und unversehens eine Schlange ergreift, noch das Entsetzen jenes Bräutigams, der des Morgens nach seiner Hochzeit-Nacht an statt der schönen Schwester, die er liebte, die hässliche an seiner Seite fand, noch die Bestürzung eines Richters bei Erblickung eines silbernen Waschbeckens voll Cremnitzer dukaten, womit ihm ein Client, der zu leben weisst, die Gerechtigkeit seiner Sache begreiflich gemacht hatsind hinlänglich uns nur den zehnten teil der Bestürzung vorzubilden, in welche Don Sylvio geriet, da er in der Fee dieses Zauberschlosses das Urbild seiner geliebten Schäferin erblickteDoch wir sagen zu viel; denn da er sich seit seinem letzten Traum von neuem überredet hatte, dass sie noch ein Sommervogel sei, so war er bloss darüber bestürzt, wie es zugehe, dass eine so erstaunliche Ähnlichkeit zwischen ihr und dieser Fee sein könne.

Donna Felicia (denn wir können und wollen es nicht länger verbergen, dass wir zu Lirias sind) hatte sorge getragen, sich unserm Helden in einem Anzug zu zeigen, der, indem er ihre Annehmlichkeiten auf die vorteilhafteste Art entwickelte, ihr zugleich ein so sonderbares Ansehen gab, dass ihr nur ein Stäbchen von Ebenholz fehlte, um eine vollkommene Lüminöse vorzustellen.

Sie hatte sich wirklich an ihrem Nacht-Tische befunden, um sich auf die Ankunft ihres Bruders auszuputzen, der sie auf eine unerwartete Gesellschaft vorbereitet hatte, als ihr Laura die überraschende Zeitung brachte, dass Don Sylvio, sie wisse nicht wie, in ihrem Saal sichtbar geworden sei, und der glückliche Instinct, der bei den Beherrscherinnen unsrer Herzen die Stelle unsrer langsamen Vernunft einnimmt, hatte ihr in einem Augenblick begreiflich gemacht, dass sie nicht Feen-mässig genug aussehen könne, um den Eindruck zu befördern, den sie auf ihn zu machen wünschte.

Sie bewillkommte ihn mit dem edlen und anmutsvollen Anstand, der ihr eigen war, ob sie sich gleich Gewalt antun musste, die Unruhe zu verbergen, die in ihrem schönen Busen pochte. Sie bezeugte sich dem Zufall sehr verbunden, der einen jungen Ritter, dessen Ansehen keine gemeine Verdienste ankündigte, in ihr Schloss geführt hätte, und versicherte ihn, dass ihr Bruder, dessen Ankunft sie alle Augenblicke erwartete, sehr erfreut sein würde, eine so angenehme Bekanntschaft zu machen.

Hätte Don Sylvio nichts als die Bestürzung über eine unverhoffte Ähnlichkeit zu bekämpfen gehabt, so möchte es wohl nicht schwer gewesen sein, sich in der gehörigen Fassung zu erhalten. Allein die natur, die ihre Rechte nie verliert, und am Ende doch allemal den Sieg über die Einbildungs-Kraft davon trägt, spielte ihm in diesem critischen Augenblick einen andern Streich, gegen den es so viel als unmöglich war, sich zu verteidigen.

Der gute Sylvio hatte die Eindrücke, die das Bildnis seiner vermeinten prinzessin auf ihn gemacht, und die Wünsche, die es in seinem Herzen erregt hatte, für Liebe gehalten; er hatte sich geirrt; es war nur eine schwache Vorempfindung, nur ein armes SchattenBild der Liebe, die ihm das Urbild selbst ein flössen würde.

Ihr erster blick, der dem Seinigen begegnete, schien ihre Seelen auszutauschen. Die ganze Gewalt dieser unbeschreiblichen Entzückung, womit eine sympatetische Liebe, zumal wenn es die erste ist, bei Erblickung ihres Gegenstands, eine empfindliche und zu dieser glücklichen Art von Schwärmerei aufgelegte Seele berauschen kann, durchdrang, erfüllte, überwältigte sein ganzes WesenAlle seine vorige Ideen schienen ausgelöscht, neue Sinnen schienen plötzlich in seinem Innersten sich zu entwickeln, um alle diese unzähliche Reizungen aufzufassen, die ihm entgegen strahltenKurz, er war so sehr ausser sich selbst, dass er die verbindliche Anrede der vermeinten Fee mit nichts anderm als stammlenden und abgebrochenen Sylben zu beantworten vermochte.

Donna Felicia würde vermutlich mit dem zierlichsten und wohl gesetztesten Compliment nicht halb so gut zufrieden gewesen sein, als sie es mit der weit beredtern Verwirrung war, worin sie ihn sah. Dasjenige, was in ihrem eigenen Herzen vorging, ergänzte ihr bis zum Überfluss, was in der Anrede unsers Helden mangelhaft und unverständlich war; aber weil sie mehr Gewalt über sich selbst hatte, oder, um uns richtiger auszudrücken, weil sie ein Frauenzimmer war, so wusste sie nicht nur ihre eigene Unruhe zu verbergen, sondern sie hatte auch so viel gefälligkeit, und gab ihm Zeit sich selbst wieder zu erholen, indem sie sich so gleich auf den Sopha niedersetzte, und nachdem sie ihn ersucht einen Lehnstuhl neben ihr einzunehmen, von dem weissen Kätzchen, das seinen Platz auf ihrem Schosse genommen hatte, Anlass nahm, über die Gedanken zu scherzen, die beim Eintritt in diesen Saal in ihm hätten veranlasst werden müssen. Gestehen sie mir, Don Sylvio, sagte sie, dass sie, bei Erblickung einer so ansehnlichen Gesellschaft von Katzen, die bei meinem kleinen Liebling Cour zu machen schien, sich