1772_Wieland_108_65.txt

gewusst haben, wenn Hyacinte nach Valencia abgehen würde, kurz, er habe seine Massregeln so gut genommen, dass er sie eine Stunde von Montesa überrascht und in seine Gewalt bekommen habe. Seine Absicht sei vermutlich gewesen, sie auf eines seiner Güter in Arragon zu führen; allein das gute Glück ihrer Dame habe gewollt, dass sie unterwegs auf Don Eugenio, den man zu Valencia zu sein geglaubt habe, gestossen seien, da er in Begleitung seines Freundes Don Gabriel, dem Ansehen nach, einen blossen Spazierritt getan, und vermutlich nichts wenigers besorgt habe, als seine Geliebte in den Händen eines Nebenbuhlers anzutreffen. Da sie nun einander so gleich erkannt, habe Don Eugenio, ungeachtet der Überlegenheit seiner Gegner, sich entschlossen gezeigt, lieber das Leben als seine geliebte Hyacinte zu verlieren. Würde aber vermutlich beide zugleich verloren haben, wenn ihm nicht ein glückliches Ungefähr in der person des unbekannten jungen Ritters und des tapfern Pedrillo einen Beistand zugeschickt hätte, durch den sich der Sieg in etlichen Augenblicken für ihn erklärt habe.

Nachdem die gefällige Teresilla mit ihrer Erzählung fertig war, forderte sie, wie billig, eine gleiche gefälligkeit von ihrem Gesellschafter; aber Pedrillo hatte schon wieder andere Schwierigkeiten in Bereitschaft; er verschanzte sich hinter die Wichtigkeit seines Geheimnisses, die Treue die er seinem Herrn schuldig sei, sein gegebenes Wort und die Gefahr, in die er sich durch eine solche Indiscretion stürzen würde; kurz, sie verlor alle ihre Wohlredenheit und so gar eine Menge kleiner Gunstbezeugungen an ihm, welche so unerheblich sie auch an sich selbst waren, doch ihrer Meinung nach, mehr als hinreichend hätten sein sollen, ihn zu der lebhaftesten Erkenntlichkeit zu bewegen. Pedrillo bewies ihr mit seiner gewöhnlichen Bündigkeit, dass ein Geheimnis von dieser Art sich nur einer person anvertrauen lasse, für die man gar nichts geheimes habe; und er ging endlich so weit, auf die gefälligkeit, die sie von ihm forderte, einen Preis zu setzen, welchen sie, ohne eben eine Lucretia zu sein, hätte übermässig finden können.

Cicero, dem alle Welt eingestehen muss, dass er ein unvergleichlicher Redner, ein grosser Staatsmann, ein mittelmässiger Philosoph, und ein sehr kleiner General war, sagt an einem Ort seiner eben so angenehmen als lehrreichen Schriften, "Dass die Begierde nach Erkenntnis der stärkste unter allen natürlichen Trieben des Menschen sei. Der Trieb zum Wissen, sagt er, scheint so wesentlich in uns zu sein, dass wir zu allem, was unsere Kenntnis erweitert, ohne Hoffnung oder Absicht eines besonderen Vorteils, von der natur selbst dahin gerissen werden"; und nachdem er einige Beispiele davon gegeben, setzt er hinzu: Homerus scheine dieses sehr wohl eingesehen zu haben, da er von den Syrenen dichte, dass die zauberische Kraft ihres Gesangs nicht so wohl in der Annehmlichkeit ihrer stimme, oder der ungewöhnlichen Lieblichkeit der Melodie bestanden sei, als in der Versicherung, "dass sie alles wissen, was auf dem ganzen Erdboden geschehe, und in dem Versprechen ihre Zuhörer gelehrter wieder zu entlassen, als sie gekommen seien". Kein geringerer Reiz, glaubt er, hätte einen so grossen Mann als Ulysses war, so sehr dahin reissen können, dass, ohne die kluge Veranstaltung, welche die Fee Circe deswegen gemacht, selbst die Gewissheit eines unvermeidlichen Untergangs nicht vermögend gewesen wäre, ihn von den fatalen Klippen dieser Zauberinnen zurück zu halten.

Die junge und tugendhafte Teresilla gibt uns ein merkwürdiges Beispiel, wie richtig diese Beobachtung des angezogenen römischen Schriftstellers ist. Der Preis, den der eigennützige Pedrillo auf die Entdeckung seines Geheimnisses setzte, machte sie allerdings stutzen; sie ermangelte nicht ihre Bedenklichkeiten den Seinigen entgegen zu setzen, und wandte alles an, um ihn zu einem billigen Nachlass zu bereden: Aber da er hartnäckig darauf bestand, dass sich seine geschichte nirgend als in seiner kammer erzählen lasse, so sah sie sich endlich genötiget, alle ihre kleinen Scrupel der Begierde nach einer Erweiterung ihrer Erkenntnisse aufzuopfern, deren Wichtigkeit sie nach der Grösse des Preises abmass. Sie versprach also, jedoch unter der ausdrücklichen Bedingung, dass er eine so ausnehmende probe ihres Zutrauens nicht missbrauchen wollte, ihn so bald das ganze Haus in Ruhe sein würde, in seiner kammer zu besuchen; Pedrillo, der gegen die Billigkeit ihrer Bedingung nichts einwenden konnte versprach ihr alles was sie wollte, und beide hielten ihr Wort so gewissenhaft, wie man sichs einbilden kann.

Sechstes Capitel

Exempel eines merkwürdigen Verhörs

Don Sylvio hatte nach einer langen Folge wachender Träume endlich ein paar Stunden geschlummert, als er, wie die geschichte meldet, von den Flöhen aufgeweckt wurde, wovon es in diesem wirtshaus wimmelte. Der günstige Leser wird so höflich sein, und die Anführung dieses Umstands als einen abermaligen Beweis der Genauigkeit ansehen, womit wir die Pflichten der historischen Treue zu beobachten beflissen sind, da es uns, wenn wir nur für die Ehre unsers Witzes hätten sorgen wollen, ein leichtes gewesen wäre, unsern Helden durch irgend eine edlere oder wunderbare Veranlassung aufzuwecken.

Indem er nun beschäftigt war, sich vor diesen beschwerlichen Geschöpfen einige Sicherheit zu verschaffen, deuchte ihm in dem nächsten Gemach, das nur durch eine Bretterwand von dem seinigen abgesondert war, eine flüsternde stimme zu hören, deren Ton etwas weibliches zu haben schien. Er hielt sein Ohr so nahe an die Wand als möglich war, und glaubte ganz deutlich diese Worte zu hören: Unter keiner andern Bedingung, als wenn ihr mich das Bildnis der prinzessin sehen lasstAber wie soll das möglich sein