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den Streich mit seinem Schlachtschwert aufgefasst hätte, welches in der Tat der mörderischen Durindana des grossen Orlando weit ähnlicher sah als einem heutigen Stutzer-Degen.

Während dass Don Sylvio, so ungeübt er auch in solchen blutigen Geschäften war, die Feinde durch seine Erscheinung, durch seinen Mut, und durch die gewaltigen Streiche, die er auf sie führte, in kein gemeines Erstaunen setzte, war Pedrillo seines Orts auch nicht müssig. Er hatte zwar kein andres Gewehr bei sich als einen dicken knotichten Stecken von Schwarzdorn, allein er wusste sich dessen mit so vielem Nachdruck und mit solcher Behendigkeit zu bedienen, dass er in wenigen Augenblicken zwei der streitbarsten Feinde unter seine Füsse brachte. Kurz, unsre Abenteurer arbeiteten mit so gutem Erfolg, dass sich der Sieg in kurzem für ihre Partei erklärte, und die Feinde sich genötiget sahen, mit Zurücklassung zweier stark Verwundeten, ihre Sicherheit in der Flucht zu suchen.

So bald das Gefecht geendigt war, sah sich Don Sylvio nach dem jungen Ritter um, der ihn beim ersten Anblick so sehr interessiert hatte, um ihm seine Freude über den glücklichen Ausgang dieses gefährlichen Abenteuers zu bezeugen; aber dieser hatte jetzt nichts angelegeners, als einem jungen Frauenzimmer zuzueilen, welches nicht weit von dem Kampfplatz ohnmächtig in den Armen ihrer Kammerfrauen lag. Man hatte grosse Mühe, sie wieder zu sich selbst zu bringen, und die Art, wie der junge Ritter sich dabei aufführte, liess es zweifelhaft, ob sie seine Schwester oder seine Geliebte sei. So bald sie den Gebrauch ihrer Sinnen wieder hatte, sagte er zu ihr: Liebste Hyacinte, wenn ihnen ihre Befreiung angenehm, und das Leben eines Freundes, der nur für sie zu leben wünscht, nicht gleichgültig ist, so sehen sie hier den liebenswürdigen jungen Ritter, dessen Grossmut und Tapferkeit ich beides zu danken habe.

Don Sylvio näherte sich bei diesen Worten mit dem edlen und anmutsvollen Anstand, womit ihn die natur, oder ich weiss nicht was für eine Fee bei seiner Geburt begabt hatte, und nachdem er die junge Dame durch eine tiefe Verbeugung gegrüsst hatte, bezeugte er ihnen seine Freude über ihre Befreiung in den lebhaftesten Ausdrücken. Es ist wahr, dass sie, seiner Gewohnheit nach, einen ziemlich schwülstigen und romanhaften Schwung hatten, allein die Gemütsbewegung, worin diese beide Personen waren, verhinderte sie, es zu bemerken. Die junge Dame war noch zu schwach und erschrocken, als dass sie ihm ihre Dankbarkeit anders als durch Gebärden hätte zu erkennen geben können; aber Don Eugenio, so hiess der junge Cavalier, und Don Gabriel, sein Freund, der unserm Helden nicht weniger für sein Leben verbunden war, bezeugten ihm die ihrige in desto lebhaftern Ausdrükken, und nachdem sie von Don Sylvio vernommen hatten, dass er unbeschädiget davon gekommen, sagte Don Gabriel zu der schönen Hyacinte: Unser Beschützer ist in allen Stücken so sehr einem Schutzengel ähnlich, dass es kein Wunder ist, dass er auch so unverwundbar als ein Engel ist.

Don Sylvio betrachtete indessen die schöne junge Dame mit einer Aufmerksamkeit, und mit einer gewissen innerlichen Regung, die ihn selbst befremdete, da er geglaubt hatte, dass kein Frauenzimmer in der Welt reizend genug sein könne, den geringsten Eindruck auf ein Herz zu machen, in welchem das Bildnis seiner prinzessin herrschte. Die Schönheit dieser jungen person, die nicht über sechszehn Jahre zu haben schien, hatte zwar beim ersten Anblick nichts blendendes; aber diesen zauberischen Reiz, der sich nicht beschreiben lässt, und nach dem Urteil der Kenner noch etwas schöners als die Schönheit selbst ist, konnte man in keinem höhern Grad besitzen. Es war unmöglich ihr nicht vom ersten blick gewogen zu werden, eine so anziehende Anmut war über ihre ganze person ausgebreitet. Ihr gleichgültigster blick hatte etwas rührendes, ihr gewöhnlicher Ton der stimme war Musik, und der Kummer selbst konnte das reizende Lächeln nicht auslöschen, das ihren angenehmen Mund umfloss.

Don Sylvio schien die Würkung dieser verführischen Reizungen etliche Augenblicke lang so stark zu erfahren, dass Don Eugenio dadurch hätte beunruhiget werden können, wenn nicht die Wunden, die er und sein Freund im Gefecht bekommen, und in der ersten Hitze nicht geachtet hatten, stark genug zu bluten angefangen hätten, dass sie nötig fanden, sich auf der Stelle verbinden zu lassen. Hyacinte, die kein Auge von Don Eugenio verwandte, sah kaum das Blut ihres Freundes fliessen, als sie mit einem ängstlichen Schrei in eine abermalige Ohnmacht sank.

Dieser Zufall gab unserm Helden gelegenheit, sich in den Gedanken zu bestärken, dass diese beide Personen nichts anders als ein paar Verliebte sein könnten, und er zweifelte nunmehr nicht daran, dass die junge Dame eine prinzessin sei, die ein verhasster Nebenbuhler mit hülfe irgend eines Zauberers ihrem begünstigten Liebhaber habe entziehen wollen. Diese Vorstellung verdoppelte natürlicher Weise den Anteil, den er bereits an ihrem Schicksal zu nehmen angefangen hatte.

Die Wunde des Don Eugenio war keine von den gefährlichen, und die Ohnmacht der schönen Hyacinte so unschädlich als alle Ohnmachten junger Mädchen zu sein pflegen, sie mögen nun ihren Grund in einem Übermass von Schmerz oder Vergnügen haben. Nachdem man also die junge Dame durch englisches Salz wieder hergestellt, und die beiden verwundeten Ritter verbunden hatte, so gut es in der Eile möglich war, so wurde beschlossen, weil die Nacht herein brach, und Donna Hyacinte der Ruhe benötiget war, in dem nächsten wirtshaus, das man antreffen würde, stille zu halten. Unser Held erbot sich, sie um mehrerer Sicherheit willen