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andern Dingen die Würklichkeit, ja wohl gar die Möglichkeit selbst völlig weggeleugnet hätte; und wer weisst, ob er endlich nicht der Stifter einer neuen philosophischen Secte geworden wäre, von der sich nicht ohne Grund vermuten lässt, dass sie, wegen ihrer besonderen Bequemlichkeit die schwersten physicalischen und moralischen Problemata ohne die geringste Mühe aufzulösen, alle andere Secten der Dualisten, Materialisten, Panteisten, Idealisten, Egoisten, Platoniker, Aristoteliker, Stoiker, Epicuräer, Nominalisten, Realisten, Occamisten, Abälardisten, Averroisten, Paracelsisten, Machiavellisten, Rosenkreuzer, Cartesianer, Spinozisten, Wolfianer und Crusianer; in kurzer Zeit verschlungen hätte.

Wir können nicht ohne Granen und Erschütterung daran gedenken, was für verderbliche Folgen eine solche Philosophie in dem System der menschlichen Gesellschaft hätte nach sich ziehen können, da es in der Tat unmöglich scheint, dass der Grundsatz der nichtExistenz weder mit irgend einer bekannten Religion, noch mit den eingeführten Gesetzen und Gewohnheiten der policierten Nationen in einen erträglichen Zusammenhang sollte gebracht werden können. Denn mit welchem Schein Rechtens könnte man von einem Menschen, der nicht ist, Zehenten, Opfer, oder Jura stolæ eintreiben, oder wie wäre es möglich, denjenigen eines Verbrechens zu überweisen, der den Richter durch eine lange Demonstration in geometrischer Metode beweisen würde, dass er zu der Zeit, da er dieses oder jenes getan haben solle, gar nicht einmal existiert habe?

Allein zum grössten Glück für die öffentliche Ruhe hatte Pedrillo nicht den geringsten Ansatz zur speculativen Philosophie; und an statt über seinen beschwerlichen Zustand lange zu räsonnieren, liess er sich nichts angelegener sein, als wie er sich bald davon befreien wolle. Sein Herr, dachte er, der in dieser Sache desto unparteiischer sei, da er diese ganze Zeit über geschlafen habe, werde ihm am besten aus dem Wunder helfen können.

Ob und wie ferne Pedrillo hierin richtig gedacht habe oder nicht, wollen wir dahin gestellt sein lassen, indem uns eine nähere Untersuchung davon unfehlbar in den berühmten Streit über den Intellectum agentem und patientem verwickeln könnte, wozu wir uns diesmal um so weniger aufgelegt finden, als wirklich der tiefsinnige Inhalt dieses Capitels unser Gehirn so sehr abgemattet hat, dass wir uns genötiget sehen, mit Erlaubnis des grossgünstigen Lesers eine Pause zu machen.

Zweites Capitel

Ein Beispiel, dass ein Augenzeuge nicht allemal so

zuverlässig ist, als man zu glauben pflegt

Pedrillo weckte also seinen schlafenden Herrn, aber unglücklicher Weise in einem Augenblick, da er in dem angenehmsten Traum begriffen war, den sich ein platonischer Liebhaber, als der Liebhaber eines Schmetterlings ist, nur immer wünschen konnte.

Unglückseliger, rief der erwachende Don Sylvio, aus was für einem Traum weckst du mich?

Sapperment, Herr Don Sylvio, schrie Pedrillo, es ist jetzt die Frage nicht von Träumen, es sind ganz andere Dinge auf dem Tapet. Aber ich bitte euch, mein lieber Herr, wenn ihr anders noch ein Fünkchen christlicher Liebe für den armen Pedrillo habt, so sagt mir vor allen Dingen, ob ich wirklich Pedrillo bin oder nicht? Denn, meiner Six, es ist nicht alles wie es sollte, ich will geprellt sein, wenn ich meiner leiblichen Mutter auf ihr blosses Wort glaubte, dass ich meines Vaters Sohn sei.

Was für eine Tollheit kommt dich an, fragte Don Sylvio, den diese Reden in Verwunderung setztenwas für Ursachen hast du zu denken, dass du ein anderer seist als du selbst?

Sagt mir nur erst, ob ichs bin, erwiderte Pedrillo, die Ursachen werden seiner Zeit schon nachkommen; wir wollen erst den Hauptpunct ausmachen; seid so gut und antwortet mir nur directe auf meine Frage, denn ihr werdet sehen, dass mehr daran liegt als ihr euch jetzt einbildet.

Alberner Junge, sagte Don Sylvio lächelnd, du bist zwanzig Jahrelang immer Pedrillo gewesen, warum solltest du es nicht noch sein?

Seht mich recht an, gnädiger Herr, betrachtet mich von vorn und hinten, und sagt mir die Wahrheit, so wahr ihr ein Edelmann seid.

So wahr ich ein Edelmann bin, antwortete Don Sylvio, du bist Pedrillo, oder du bist ein Esel, eines von beiden ist gewiss – –

Ein Esel? – Hier sind meine Ohren, Herr; es stekken, denke ich, unter mancher Doctor-Mütze längere, und wenn ich so gewiss Pedrillo bin, als ich kein Doctorkein Esel, wollt ich sagen, bin, so geht alles wie es gehen soll. Die Wahrheit zu sagen, Herr, ich hatte selbst so eine Ahnung, so eine Art von Reprehension, dass es nicht wohl anders sein könne, als wie ihr mich versichert; aber wenn einem solche seltsame Dinge begegnen wie mir, so wär es kein Wunder, wenn einer endlich seinen eigen Namen darüber vergässe.

Und was ist dir dann begegnet, fragte Don Sylvio? Mach es kurz, wenn ich bitten darf.

Herr, antwortete Pedrillo, das lässt sich nicht in einem Augenblick sagen; ein weiser Mann kann in einem Atemzug mehr fragen, als ein Narr in einem ganzen Tag beantworten kann. Wenn ihr mir Zeit lassen wollt, so will ich euch alles haarklein erzählen; denn, meiner Six; es ist mir, ich sehe sie noch vor mir, mit ihren grossen braunen Augen, und mit der allerliebsten schelmischen Mine, womit sie mich seitwärts anlachte, wie sie wieder aufsitzen wollte. Sterb ich, wenn mir nicht war, als ob sie mein herz an einem Bindfaden hinter sich her zöge! Ihr