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ist, aus keiner andern Absicht überlassen, als weil die Reichtümer, über welche sie in kurzem zu gebieten hoffte, sie in den Stand setzen würden, alle die angenehmen Entwürfe zu realisieren, die sie sich von einer freien und glücklichen Lebensart, nach den poetischen Begriffen, machte.

Bei einer seltnen Schönheit besass Donna Felicia alle die Annehmlichkeiten, welche den Mangel der Schönheit ersetzen, und die Schönheit unwiderstehlich machen. Sie spielte die Laute in der äussersten Vollkommenheit, und begleitete sie mit einem Gesang, der desto bezaubernder war, da der blosse Ton ihrer stimme etwas rührendes und musicalisches hatte, welches nach dem Urteil des guten Königs Lear, ein vortreffliches Ding an einem Frauenzimmer ist. Sie zeichnete, sie malte in Pastell, und damit ihr keine von den Gaben der Musen fehlen möchte, so machte sie auch Sonnette, Idyllen, und kleine Sinngedichte, welche nach dem Urteil ihrer Liebhaber alles übertrafen, was die Sappho's, die Corinnen, und die neun Musen selbst jemals in dieser Art hervor gebracht hatten.

Man kann sich vorstellen, was für eine Revolution der Tod ihres Gemahls in der schönen Welt zu Valencia machen musste. Alle Damen zitterten für die Treue ihrer Liebhaber, alle jungen Herren rüsteten sich auf eine so glänzende Eroberung; die Poeten machten ganze Wagen voll Stanzen und Elegien im Vorrat, welche sie bei den Liebhabern der schönen Witwe in billigen Preise anzubringen hofften: Kurz, alle Welt war in Bewegung, diejenige allein ausgenommen, die das Ziel so vieler Anstalten und Absichten war. Ihre Trauerzeit und der Winter waren kaum vorbei, so verliess sie die Stadt, ohne sich zu bekümmern, in was für trostlose Umstände ein so grausamer Entschluss ihre Anbeter setzen werde, und begab sich mit ihrem Bruder nach Lirias, einem schönen Gut, so er in einer der anmutigsten Gegenden besass, die man auf dem Erdboden findet.

Sie erwählte sich diesen Aufentalt, teils, weil sie ihren Bruder sehr zärtlich liebte, teils des Wohlstands wegen. Denn ob sie gleich selbst ein prächtiges Landgut besass, welches Don Miguel auf ihr Verlangen in der Nachbarschaft von Xelva gekauft hatte; so hielt sie es doch für anständiger, unter den Augen eines Bruders zu leben, zumal, da sie keine nähere Verwandte übrig hatte, und Don Eugenio von Lirias in dem allgemeinen Ruf stunde, ein sehr verdienstvoller junger Edelmann zu sein.

Donna Felicia hatte auf ihrem eigenen Gut eine Art von Schäferei angelegt, aus welcher sie nach und nach ein andres Arcadien zu machen gedachte. Sie setzte sich vor, von Zeit zu Zeit einen kleinen Absprung dahin zu machen, und sie war eben im Begriff in Gesellschaft ihrer vertrauten Laura von einer solchen Spazier-Reise nach Lirias zurück zu kehren, als sie des Rosengebüsches ansichtig wurde, unter welchem Don Sylvio eingeschlafen war. Der Ort deuchte sie so anmutig, dass sie abstieg, um etliche Rosen zu brechen, von denen sie, wie alle poetische Seelen, eine grosse Liebhaberin war, und dieses war der Anlass, wobei sie auf eine so unvermutete Art durch den Anblick unsers schlummernden Feen-Ritters überraschet wurde.

So poetisch, mystisch oder magisch das Wort Sympatie in den Ohren vieler unsrer heutigen Weisen klingen mag, so kennen wir doch kein anders Wort um eine gewisse Art von Zuneigung zu bezeichnen, die wir (die sämtlichen Kinder von Adam und Even nämlich) zuweilen beim ersten Anblick für unbekannte Personen empfinden, und welche sich so wohl in ihrer Quelle, als in ihren Würkungen von allen andern Arten der Zuneigung, Freundschaft oder Liebe nicht wenig unterscheidet.

Zum Exempel: Es waren wohl mehr als fünfzig der Liebenswürdigsten jungen Cavaliers in Valencia, die sich alle nur ersinnliche Mühe gaben, das Herz der schönen Felicia zu rühren, ohne dass sie es so weit bringen konnten, dass sie einem unter ihnen den Vorzug vor den Reichtümern des alten Don Miguel gegeben hätte. Einige von ihren Verehrern hatten wirklich Verdienste; Donna Felicia liess ihnen hierüber vollkommene Gerechtigkeit widerfahren; sie schätzte sie hoch, fand Vergnügen an ihrem Umgang, würdigte sie ihrer Freundschaft, und würde vielleicht, (man merke, mit Erlaubnis, dieses vielleicht) unter gewissen Umständen, in einem gewissen Zeichen des Monds, wenn ein gewisser Wind gegangen wäre, an einem gewissen Ort, zu einer gewissen Stunde und in gewissen Dispositionen, so gar fähig gewesen sein, für irgend einen unter ihnen, der mehr Lebensart gehabt hätte als der kleine Abbé der Frau von Lisban, eine kleine Schwachheit zu haben; denn, (mit Erlaubnis unsrer schönen Landsmänninnen) es gibt nach der Meinung des weisen Avicenna, welcher auch der ehrwürdige Pater Escobar in seiner Moral-Teologie beipflichtet, gewisse Augenblicke, wo ein glücklicher Zufall der Tugend ungemein zu statten kommt. Allein es gelang keinem einzigen unter ihnen, und würde auch nach einer längern Reihe von Jahren, als die Celadons in der Asträa zu den Füssen ihrer unempfindlichen Göttinnen verseufzen, keinem unter ihnen gelungen sein, ihr diese ausserordentliche und unerklärbare Empfindung beizubringen, welche Don Sylvio, ohne sein Zutun, ohne darum zu wissen, schlafend, und beim ersten Anblick in ihr erregte; eine Empfindung, die ihr in dem zehnten teil eines Augenblicks mehr sagte, als ihr Herz ihr in ihrem ganzen Leben für alle ihre Bewunderer gesagt hatte; Kurz, eine Empfindung, die ihr, wenn der ecstatische Zustand, worin sie sich damals befand, einige Aufmerksamkeit auf sich selbst erlaubte, ganz deutlich zu verstehen gegeben hätte, dass sie fähig wäre diesem