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, die den grössten teil davon ausmachen, eben so bekannt ist als ihre Sinnen mit den würklichen Gegenständen, von denen sie ohne sonderliche Abwechslung immer umgeben sind.

In diesem Falle befand sich der Jüngling, welcher der Held unserer geschichte sein wird. Die natürliche Lauterkeit seiner Seele war des Argwohns, ob er etwa betrogen werde, unfähig. Seine Einbildung fasste also die schimärischen Wesen, die ihr die Poeten und Romanen-Dichter vorstellten, eben so auf, wie seine Sinnen die Eindrücke der natürlichen Dinge aufgefasset hatten. Je angenehmer ihm das Wunderbare und Übernatürliche war1, desto leichter war er zu verführen, es wirklich zu glauben; zumal da er in die Möglichkeit auch der unglaublichsten Dinge keinen Zweifel setzte. Denn für den Unwissenden ist alles möglich. Solchergestalt schob sich die poetische und bezauberte Welt in seinem Kopf an die Stelle der würklichen, und die Gestirne, die elementarischen Geister, die Zauberer und Feen waren in seinem System eben so gewiss die Beweger der natur, als es die Schwere, die Anziehungs-Kraft, die Elasticität, das electrische Feuer, und andere natürliche Ursachen in dem System eines heutigen Weltweisen sind.

Die natur selbst, deren anhaltende Beobachtung das sicherste Mittel gegen die Ausschweifungen der Schwärmerei ist, scheint auf der andern Seite durch die unmittelbaren Eindrücke, so ihr majestätisches Schauspiel auf unsre Seele macht, die erste Quelle derselben zu sein.

Das angenehme Grauen, so uns beim Eintritt in den dunkeln Labyrint eines dichten Gehölzes befällt, beförderte ohne Zweifel den allgemeinen Glauben der ältesten zeiten, dass die Wälder und Haine von Göttern bewohnt würden. Der süsse Schauer, das Erstaunen, die gefühlte Erweiterung und Erhöhung unsers Wesens, die wir in einer heitern Nacht beim Anblick des gestirnten himmels erfahren, begünstigte vermutlich den Glauben, dass dieser schimmervolle, mit unzählbaren nie erlöschenden Lampen erleuchtete Abgrund eine wohnung unsterblicher Wesen sei.

Aus dieser Quelle kommt es vermutlich, dass die Landleute, denen ihre arbeiten keine Zeit lassen, die verworrenen Eindrücke, so die natur auf sie macht, zu deutlicher Erkenntnis zu erhöhen, überhaupt aberglaubischer als andre Leute sind; daher die körperlichen Geister, womit sie die ganze natur angefüllt sehen; daher die unsichtbare Jagden in den Wäldern, die Feen, die des Nachts auf den Fluren im Kreise tanzen, die freundlichen und die boshaften Kobolte, der Alp, der die Mädchen drückt, die Berg-Geister, die wasser-Nixen, die Feuer-Männer, und wer weiss, wie viel andre Hirn-Gespenster, von denen sie so vieles zu erzählen wissen, und deren Würklichkeit bei ihnen so ausgemacht ist, dass man sie nicht leugnen kann, ohne in den Augen der meisten von ihrer klasse entweder albern oder gottlos zu scheinen.

Nehmen wir nun alle diese Umstände zusammen, welche sich vereinigten, der romanhaften Erziehung unsers jungen Ritters ihre volle Kraft zu geben, so werden wir nicht unbegreiflich finden, dass er nur noch wenige Schritte zu machen hatte, um auf so abenteurliche Sprünge zu geraten, als seit den zeiten seines Landsmanns, des Ritters von Mancha, jemals in ein schwindlichtes Gehirn gekommen sein mögen.

Viertes Capitel

Wie Don Sylvio mit den Feen bekannt wird

Zum Unglück für seine Vernunft befanden sich unter den Büchern, womit eine grosse kammer des Hauses angefüllt war, eine Menge Feen-Märchen, wovon Don Pedro ein grosser Liebhaber gewesen war, ob er gleich von seiner weisen Schwester wegen seines Geschmacks an solchen unnützen Possen, wie sie es nannte, nicht selten angefochten wurde. Denn in so grossem Ansehen die Ritterbücher bei ihr stunden, welche sie mit den Chroniken, Historien und Reisebeschreibungen in einerlei klasse setzte, so verächtlich waren ihr alle diese kleine Spiele des Witzes, die bloss zur Unterhaltung der Kinder oder zum Zeitvertreib der Erwachsenen geschrieben werden, und durch nichts als die angenehme Art der Erzählung sich Leuten von Geschmack empfehlen können.

Don Pedro gestand ihr willig ein, dass es Schäkereien seien; aber sie vertreiben mir, sagte er, doch manche langweilige Stunde; je schnakischer die Einfälle sind, die der närrische Kerl, der Autor, auf die Bahn bringt, desto mehr lach' ich, und das ist alles, was ich dabei suche.

Die weise Donna Mencia, welche, wie alle wunderliche Leute, nur ihre eigene Grillen vernünftig fand, liess sich zwar durch diese Antwort nicht befriedigen; allein die Arabischen und Persianischen Erzählungen, und die Novellen, und die Feen-Märchen blieben nichts desto weniger in ruhigem Besitz ihres Platzes in der Bibliotek, und da sie meistens nur in blaues Papier geheftet waren, so verbargen sie sich so bescheiden hinter die ehrwürdigen Folianten und QuartBände der Donna Mencia, dass sie nach dem tod des alten Ritters in kurzem gänzlich vergessen wurden.

Allein, vermutlich wollte die Fee, die sich in das Schicksal des jungen Sylvio mischte, nicht zugeben, dass er seine Bestimmung verfehlen sollte; und da er einst in Abwesenheit seiner Tante, deren Ernstaftigkeit und ewige Sittenlehren ihm sehr beschwerlich zu werden anfingen, in der Bücher-kammer herum stöberte, um sich etwas zur Zeitkürzung auszusuchen, so geriet er, es sei nun von ungefähr oder durch den geheimen Antrieb der besagten Fee, auf ein starkes Heft von Feen-Märchen. Er steckte es voller Freude zu sich, und zog sich, so geschwind er konnte, in den Garten zurück, um den Wert seines Funds ungestört erkundigen zu können; denn es schwante ihm schon beim Anblick der Titel, dass es sehr angenehme Sachen sein müssten