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gehen, wenn ichs so hätte behalten können, wie ihrs gesagt habt; aber ich habe mir doch die aufblühende Rosen und die duftende Schoss der Tränen und den unsterblichen Schatten gemerkt, und hernach brachtet ihr auch die Sphären und die Götter drein, und etwas von der Liebe und von der heiligen ElisabetSterb ich! wenn ich begreife, wie ihr das alles so zusammen bringen konntet. Aber auf die Hauptsach zu kommen – –

Gut, gut, unterbrach ihn Don Sylvio, die Hauptsach ist, dass wir den blauen Sommer-Vogel suchen müssen; packe deine Sachen wieder zusammen, und lass uns weiter gehen. Aber ich sehe hier mehr als einen Fussweg durch dieses Gehölze; wo ist Pimpimp? Mich deucht, ich habe ihn schon etliche Stunden nicht gesehen.

Diese Frage war ein Donnerschlag für den Pedrillo, der sich jetzt plötzlich erinnerte, dass er den armen Pimpimp seit dem Abenteuer mit dem Froschgraben, gänzlich aus der Acht gelassen hatte. Allein da ihm zugleich beifiel, dass ihm sein Herr eine solche Nachlässigkeit nicht vergeben würde, so versicherte er ihn, dass er nicht weit gegangen sein könne. Ich habe ihn diese ganze Nacht auf dem Arm getragen, setzte er hinzu, denn es war so müde, das arme kleine Ding, dass es sich nicht mehr rühren konnte, und er war diesen Morgen noch da, als die Zigeunerin kam; ich will ihm rufen, er wird sich nicht weit verloffen haben. Pedrillo rief also was er rufen konnte, und sein Herr half ihm rufen und suchen; aber sie waren nicht glücklicher als die Argonauten, da sie den schönen Hylas suchten, den die Nymphen geraubt, und in ihre Grotten unter die Wellen hinab gezückt hatten; die Suchenden durchstrichen den Hain und das Ufer, und riefen: Hylas, Hylas, dass der Hain und die Ufer ertönten; Umsonst, Hylas lag indes in den Armen der schönsten Nymphe, und hörte ihr Rufen nicht. So ging es auch hier, mit dem einzigen Unterschied, dass Pimpimp in diesem Augenblick, an statt am Busen einer schönen Nymphe zu ruhen, in den Armen der schwarzgelben Zigeunerin lag, welche ihn, bald nachdem sie von unsern Reisenden Abschied genommen, halb tot vor Mattigkeit auf der Spur seines Herrn gefunden, und weil er überaus klein und artig war, mit sich genommen hatte.

Don Sylvio wurde über diesen neuen Unfall äusserst betrübt, und es fehlte wenig, so hätte er diesmal den Mut gänzlich sinken lassen. Pedrillo hatte keine Mühe ihn zu bereden, dass Pimpimp von der Fee Carabosse gestohlen worden sei, aber desto grössere ihn von hundert tollen Entschliessungen abzubringen, auf die er in seiner Verzweiflung verfiel.

Vielleicht wäre dieses der Augenblick gewesen, da er seinem Herrn den Antrag hätte machen können, wieder umzukehren; allein seit der Conversation, die er mit der kalten Pastete und der Flasche AlicantenWein gehalten hatte, war wieder eine kleine Veränderung in seiner Denkungs-Art vorgegangen, und er dachte jetzt so wenig ans Wiederkehren, dass es ihm leid gewesen wäre, wenn Don Sylvio davon selbst angefangen hätte. Die Wahrheit zu sagen, so kam bei dem guten Pedrillo alles auf die Umstände des gegenwärtigen Augenblicks an. Er dachte anders bei Nacht, und anders an einem schönen Sommertag, anders in einem Wald und anders auf freiem feld, anders in einem Froschgraben, und anders nach einem guten Frühstück. Pedrillo war in diesem Stück ein anderer Seneca, und der ganze Unterschied zwischen ihm und einem Philosophen lag diesfalls bloss darin, dass er sich keine Mühe gab, seine Widersprüche in einen Zusammenhang zu räsonnieren. Er strengte also alle seine Beredsamkeit an, um seinen Herrn zu überreden, dass noch nichts verloren seie. Pimpimp wird sich wieder finden, eh wirs denken, sagte er, lasst ihr nur die Frau Radiante dafür sorgen; wer weisst, was sie für Absichten dabei hat, dass er weg ist. Man muss das beste hoffen, gnädiger Herr, das böse kommt von sich selbst. Einmal die Fee, eure gute Freundin, muss als eine brave Frau ihr Wort halten, wir müssen über lang oder kurz unsere prinzessin haben, und damit Punctum!

Dieser kräftige Zuspruch beruhigte das Gemüt unsers bekümmerten Helden wieder in etwas, und weil eine angenehme Luft, die von der See-Seite her den Wald durchstrich, die Wärme ziemlich mässigte, so beschlossen sie ihren Weg noch eine Zeitlang unter den Bäumen fortzusetzen.

Achtes Capitel

Don Sylvio ermüdet sich über dem Suchen des

blauen Schmetterlings, und schläft nach einer guten

Feld-Mahlzeit ein

Da die Absicht des Don Sylvio bei dieser wundervollen Wanderschaft ganz allein war den blauen Sommervogel aufzusuchen; so kann man leicht denken, dass beinahe ein jeder Schmetterling, der ihm in den Weg kam, seine Aufmerksamkeit an sich zog.

Diesesmal schien es, nach Pedrillo Beobachtung, nicht anders, als ob die Fanferlüschin und Carabosse recht mit Fleiss alle Sommervögel der ganzen Welt zusammen getrieben hätten, um sie im Gehölze herum zu sprengen! aus jedem Busche flatterten ihrer ein halb dutzend hervor, und unser Ritter, der alle Augenblick seine prinzessin zu sehen glaubte, setzte sich in den Kopf, dass er nicht ruhen wollte, bis er sie erhascht hatte. Pedrillo mochte fluchen wie er wollte, es half alles nichts, er musste seinem Herrn Gesellschaft leisten.

Allein nachdem sie ein paar Stunden lang wie die Unsinnigen hin und wieder geloffen, und so müde waren, dass sie sich kaum auf den Beinen