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Der Gram über fehlgeschlagene Hoffnungen liess den guten Don Pedro die Annehmlichkeiten der Freiheit und des Landlebens, dessen wahre Vorteile ohnehin seinen Landsleuten noch unbekannt sind, nicht lange geniessen. Er starb, und hinterliess seinem Sohn, Don Sylvio, einen Stammbaum, der sich in den zeiten des Gargoris und Habides verlor, ein verfallenes Schloss mit drei Türmen, etliche Pacht-Höfe, und die Hoffnung nach dem tod der Donna Mencia eine Erbschaft von alten Juwelen, Brillen und Rosenkränzen, nebst einem ansehnlichen Vorrat von Ritterbüchern und Romanen mit seiner Schwester zu teilen.

Don Pedro starb desto ruhiger, da er seinen Sohn, ob er gleich das zehnte Jahr kaum erreicht hatte, in den Händen einer so weisen Dame liess, als Donna Mencia in seinen Augen war.

Denn ihre erstaunliche Belesenheit in Chroniken und Ritterbüchern, und die Beredsamkeit, womit sie ihre tiefe Einsichten in die staates-Wissenschaft und Sittenlehre bei der Mahlzeit und bei andern Gelegenheiten auszulegen pflegte, hatten ihm eine desto grössere Meinung von ihrem verstand beigebracht, je weniger seine Martialische Lebensart ihm Zeit gelassen hatte, eine mehrere Kenntnis von dem, was man die polite Gelehrteit heisst, zu erwerben, als etwa das wenige sein mochte, was ihm aus seinen SchulJahren in einem nicht allzugetreuen Gedächtnis übrig geblieben war.

Zweites Capitel

Was für eine Erziehung Don Sylvio von seiner Tante

bekommen

Donna Mencia betrog die Hoffnung nicht, welche sich ihr Bruder von ihrer Sorgfalt und Geschicklichkeit gemacht hatte. Denn so bald der junge Sylvio von dem Vicarius des Dorfs so viel Latein gelernt hatte, dass er die Verwandlungen des Ovidius verstehen, und von dem Barbier eines benachbarten Fleckens, dem Amphion der Gegend, so viel Musik, dass er etliche Dutzend alte Balladen auf der Citer accompagnieren konnte; so nahm sie es auf sich selbst, ihn zu allen den übrigen Eigenschaften auszubilden, welche nach ihren Begriffen einen vollkommenen Cavalier ausmachten.

Das schlimmste war, dass sie diese Begriffe aus dem Pharamond, der Clelia, dem grossen Cyrus und andern Büchern von dieser klasse geschöpft hatte, welche nebst den Abenteuern der zwölf Pairs von Frankreich und der Ritter von der runden Tafel den vornehmsten teil ihrer Bibliotek ausmachten. Ihrer Meinung nach lag in diesen Büchern der ganze Reichtum der erhabensten und nützlichsten Kenntnisse verborgen. Sie glaubte also ihren Untergebenen nicht besser anweisen zu können, als wenn sie ihm die Begriffe und den Geschmack beizubringen suchte, so sie selbst aus so lautern Quellen geschöpft hatte, und die glücklichen Fähigkeiten des jungen Don Sylvio begünstigten ihre Absichten so sehr, dass er, ehe er noch das fünfzehnte Jahr erreicht hatte, zum wenigsten eben so gelehrt als seine gnädige Tante war. Er besass in diesem zarten Alter bereits eine so ausgebreitete Erkenntnis von der geschichte, der natur-Kunde, der Teologie, der Metaphysik, der Sittenlehre, der staates- und krieges-Kunst, den Altertümern und den schönen Wissenschaften als irgend einer von den gelehrtesten Helden des grossen Cyrus, und wusste mit so vieler Beredsamkeit über die subtilsten fragen aus diesen Wissenschaften zu perorieren, dass die Bedienten des Hauses, der Vicarius, der Schulmeister, der vorbesagte Barbier und andere Personen von Distinction, die den freien Zutritt im haus hatten, sowohl die Wunder-Gaben des jungen Herrn, als die weise Erziehungs-Kunst der gnädigen Frau nicht genug bewundern konnten.

Was dieser letzteren an ihrem Neffen am besten gefiel, war die ausserordentliche Begierde, wovon er brannte, den erhabnen Mustern nachzuahmen, von deren grossen Taten und Helden Tugenden er bis zur Bezauberung entzückt war, und womit er seine Einbildungs-Kraft so vertraut gemacht hatte, dass er sich endlich beredete, es würde ihm nicht mehr Mühe kosten sie auszuüben, als er brauchte sich eine Vorstellung davon zu machen. Donna Mencia zweifelte nicht, dass Don Sylvio mit so edlen Neigungen und einer so heroischen denkart dereinst eine grosse Rolle in der Welt spielen und den Helden, welche sie am meisten bewunderte, an Ruhm und Glück eben so ähnlich werden müsste, als er es ihnen an Schönheit und persönlichen Annehmlichkeiten war.

Drittes Capitel

Psychologische Betrachtungen

Man wird sich um so weniger wundern, dass die Einbildungs-Kraft des Don Sylvio von einer so wunderbaren Erziehung einen seltsamen Schwung bekommen musste, wenn wir sagen, dass eine ungemeine Empfindlichkeit, und, was unmittelbar damit verbunden ist, eine starke Disposition zur Zärtlichkeit unter die Gaben gehörte, womit ihn die natur bis zum Übermass beschenke hatte.

Junge Leute von dieser Art lieben überhaupt alle Vorstellungen, welche lebhafte Eindrücke auf ihr Herz machen, und Leidenschaften erwecken, die, in einem leichten Schlummer liegend, bereit sind von dem kleinsten Geräusch aufzufahren.

kommt dann noch hinzu, dass sie fern von der Welt, in einer ländlichen Einsamkeit und Einfalt, unter den natürlichen Vergnügungen des Landlebens und frei von den arbeiten desselben erzogen werden; So erhalten die wunderbaren und passionierten Vorstellungen eine verdoppelte und desto stärkere Gewalt über ihr Herz, je geschäftiger die Phantasie in solchen Umständen zu sein pflegt, das Leere auszufüllen, so die beständige Einförmigkeit der Gegenstände, die sich den Sinnen darstellen, in der Seele zurücklässt. Unvermerkter Weise verwebt sich die Einbildung mit dem Gefühl, das Wunderbare mit dem Natürlichen und das Falsche mit dem wahren. Die Seele, welche nach einem blinden Instincte Schimären eben so regelmässig bearbeitet als Wahrheiten, bauet sich nach und nach aus allem diesem ein Ganzes, und gewöhnt sich an, es für wahr zu halten, weil sie Licht und Zusammenhang darin findet, und weil ihre Phantasie mit den Schimären