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regieren als einer halben Welt von Sclaven zu befehlen. Man weisst wie weit auch in diesem Stücke die Vorurteile gehen, und wenn Don Ramiro von Z** uns andern kleinen Republicanern in der Beratschlagung zu Rosalva einen Spiegel vorzuhalten meint, so könnten wir ihm vielleicht Beispiele aus der geschichte grosser Monarchien entgegen halten, wo nach einer Menge von geheimen Conferenzen zuletzt doch der Einfluss eines kammer Mädchens, eines Comödianten, oder eines Hofnarren die ganze vereinigte Weisheit von einem paar dutzend Spanischen Mänteln und langen Perucken überwogen hat.

Dem sei indessen wie ihm wolle, so wird verhoffentlich niemand dem Übersetzer übel ausdeuten, dass ihm der patriotische Geist, wovon er beseelt ist, nicht erlaubt hat eine Stelle zu übersetzen, welche von den Neidern der Republicanischen Glückseligkeit nicht wenig hätte missbraucht werden können. Die Rücksicht auf unser Vaterland ist eine Pflicht, die sich bis auf unsre kleinsten Handlungen erstreckt, und wenn nur derjenige den Namen eines guten Bürgers verdient, der mit dem gegenwärtigen Zustande seiner Republik zufrieden ist; so wird man den Abscheu nicht tadeln können, welchen man in kleinen freien Staaten gegen alles, was nur von fern die Mine einer politischen Satyre hat, mit so grossem Recht zu bezeugen gewohnt ist. Ferne sei es von uns, die stolze Ruhe und den süssen Schlummer, worin diesfalls unser Vaterland liegt, nur einen Augenblick zu unterbrechen! Don Ramiro mag beobachtet haben was er will, wir hüllen uns in unsern Patriotismus ein, beissen die Zähne zusammen und sind zufrieden.

Sechstes Capitel

Unterredung beim Frühstück. Eifersucht des Don

Sylvio

Wir haben unsre Abenteurer, denen die kluge Langsamkeit, die bei den Beratschlagungen zu Rosalva präsidierte, sehr wohl zu statten kam, in einem Gehölze verlassen, wohin sie sich vor der Sonne zurück gezogen hatten. Sie waren noch nicht lange unter den Bäumen fortgegangen, als Pedrillo seinem Herrn vorstellte, wie nach der Meinung des Asclepiades und anderer berühmten Naturkündiger, zu glücklicher Fortsetzung einer Reise nichts dienlichers sei, als des Morgens ein gutes Frühstück zu sich zu nehmen. Weil nun Don Sylvio nichts erhebliches dagegen einzuwenden hatte, so suchte Pedrillo einen bequemen Platz, wo sie sich setzen konnten, packte seinen Zwerchsack aus, und brachte eine grosse Pastete zum Vorschein, welche die Dame Beatrix zu einem ganz andern Gebrauch von Xelva mitgebracht hatte.

Gelt, Herr, sagte Pedrillo, ich sehe euchs an, ihr wundert euch, wie ich zu dieser Pastete gekommen bin? Die arme Dame Beatrix! Sie wird ein paar mächtig grosse Augen machen, wenn sie sehen wird, dass der Vogel ausgeflogen ist. Aber da seht ihr doch, was es ist, wenn man umgänglich mit den Leuten ist; wenn ich nicht etwas bei der Frau Beatrix gälte, so könnten wir jetzt mit einem Stück Brot und einer Hand voll Haselnüsse vorlieb nehmen.

Sie hat dir doch die Pastete nicht selbst gegeben, sagte Don Sylvio?

Das eben nicht, versetzte Pedrillo, aber wie sie gestern Abend in das Proviant-Gewölbe ging, winkte sie mir, dass ich mit ihr gehen sollte, und da schwatzten wir eine weile zusammen, und da wollt ich ihr, ich gesteh es, einen Kuss stehlen (denn das hab ich von unserm alten Pfarrer selbst gehört, dass ein Kuss in Ehren keine Sünd ist) aber sie drehte den Kopf so geschwind zurück, dass ich ihren Mund um ein paar Handbreiten verfehlte; aber meiner Six, es ging mir nicht desto schlimmer, denn ich kam gerad auf ein Fleckchen, wo ihr Halstuch ein wenig offen war, und ich versichere Euer Gnaden, es war weicher als Pflaum und weiss wie Marzipan. Freilich schmälte sie mich aus, dass es eine Art hat, wie ihr leicht denken könnt, sie gab mir, glaube ich, gar eine kleine Ohrfeige oder so was, aber ich besänftigte sie bald wieder, und da gab sie mir zum Zeichen ihrer Versöhnlichkeit dieses Stück eingemachten Cedrat, und da schäkerten wir noch eine gute Weile mit einander; denn wie ihr wisst, gelegenheit macht Diebe, und die Frau Beatrix ist nicht halb so spröde als ihr Gesicht. Wenn sie schon nicht dergleichen tut, so hat sies doch gern, wenn man ein wenig mit ihr haseliert, das kann mir Euer Gnaden auf mein Wort glauben. Bei dieser gelegenheit zeigte sie mir die Pastete, und andere Sachen, die sie für unsere Gäste von Xelva mitgebracht hatte, und da warf ich gleich ein auge auf die Pastete, und denkt nur, gnädiger Herr, wie ich zu ihr gekommen bin, denn das hättet ihr mir gewiss nicht zugetraut.

Seht ihr, Herr Don Sylvio, ich bin gewiss ein ehrlicher Kauz aber dumm bin ich nicht, und Euer Gnaden zu lieb, wollt ich Gott verzeih mir es, dem Pabst zu Rom seinen Pantoffel stehlen, wenn es sein müsste.

Und wie hast du es denn gemacht, fragte Don Sylvio; denn sie wird doch den Schlüssel zum Gewölbe abgezogen und zu sich genommen haben.

Das ist es eben, sagte Pedrillo, aber man findet für alles Rat, nur für den Tod nicht. Wie alles im haus schlief, schlich ich mich an ihre kammer, und legte das Ohr ans Schlüssel-Loch und lauschte, und wie ich hörte, dass sie schnarchte, so machte ich die Tür ganz leise auf, und schlich auf den Zehen an ihr Bette; aber es war so dunkel in der kammer wie in einer Kuh; da tappte ich so lange herum, bis ich den Bund