1772_Wieland_108_31.txt

meint ihr wohl, was da geschah? Man hörte eine stimme aus dem Baum, eine überaus klägliche stimme, welche sagte, dass sie die Seele des Isidorus sei, oder wie er hiess, und wie es ihr ergangen, und wie sie von dem unglaubigen Zauberer in diesen Baum verwandelt worden sei, ohne dass sie vorher habe beichten oder sich vorbereiten können; und bat alle Christliche Herzen, die gegenwärtig waren, so flehentlich, dass jedermann die helle Zähren weinen musste, dass sie doch zu Linderung ihrer Pein etliche dutzend Ave für sie beten möchten.

Das muss ich gestehen, sagte Don Sylvio, nachdem Pedrillo mit seiner Erzählung zu Ende war, dass du eine erstaunliche Belesenheit hast Pedrillo; und was die Gabe der Erzählung betrifft, so will ich mein Schloss und alles Meinige verloren haben, wenn zu Salamanca oder in irgend einer andern Universität von Spanien ein Baccalaureus ist, der es mit dir aufnehmen dürfte. Ich biete ihnen allen Trotz, dass sie einen Trojanischen Prinzen mit dem Pabst Aeneas Sylvius, oder Pius dem andern zusammen bringen, wie du getan hast, es müsste denn in der Hölle sein, wohin gewiss Aeneas Sylvius nicht gekommen ist, denn er war einer von den frömmsten und gelehrtesten unter allen, die jemals der Kirche vorgestanden sind.

Es beliebt Eu. Gnaden so zu sagen, erwiderte Pedrillo; aber es mag nun euer Ernst sein oder nicht, so versichre ich euch, dass ich mir in diesem Stück, wenn ich schon nicht gestudiert bin, vor keinem fürchte, er mag sein wer er will, und wenn er auch ein dreifacher Bacularius oder gar ein Doctor in allen sieben Facultäten wäre. Ich war noch nicht acht Jahr alt, so wusste ich schon alle Historien des Ovidius Nasus, und alle Fabeln in Florians Chronik auswendig; gelt, das hättet ihr nicht hinter mir gesucht? Aber ich hatte ein Gedächtnis wie ein Elephant, und unser alter Pfarrer, tröst ihn Gott! sagte meiner Grossmutter oft, wenn man mich studieren liesse, so könnte ich noch wohl einmal, ob Gott wollte, Bischof oder gar General Vicarius werden. Wer weiss auch was geschehen wäre! wenn der gnädige Herr, Eu. Gnaden Herr Vater mich nicht ins Schloss genommen hätte, da mich meine Grossmutter eben zu ihrem Bruder tun wollte, der damals Küster in einem Dorf ohnweit Toledo war, und wie die Leute sagten, sehr viel beim Erzbischof galt. Ihr müsst aber nicht meinen, als ob ich damit sagen wolle, dass ich bei diesem Tausch verloren habe. Es ist überall gut Brot essen. Eu. Gnaden weiss, dass ich euch so zu sagen, von eurer Kindheit an treulich und redlich gedient habe, und ich bin gewiss, dass ihr mein Glück machen werdet, wenn wir einmal, Gott gebe nur bald! unsre prinzessin gefunden haben. Denn ob ihr schon ein so edler Edelmann seid als einer in der Christenheit, so bin ich doch gewiss, dass ihr euer Wort so ehrlich halten werdet, als ob ihr nur ein Bauer wäret.

Auf diese Art fuhr der gute Pedrillo noch eine gute Weile fort zu plaudern, ohne dass sein Herr, der in ganz andern Gedanken vertieft war, die geringste Acht darauf gab. Pedrillo schwatzte wie die Kinder im Finstern zu singen pflegen; denn er fürchtete sich noch immer so sehr, dass er schwitzte, und es war kein Heiliger im Calender, dem er nicht bei sich selbst ein Gelübde tat, wenn er ihn lebendigen Leibs und unbeschädigt das Tageslicht wieder sehen lassen würde.

Zweites Capitel

Merkwürdiges Abenteuer mit dem Salamander und

dem Froschgraben

Inzwischen hatten sich unsre Wanderer, ungeachtet der immer zunehmenden Dunkelheit, doch so weit aus dem wald heraus gearbeitet, dass sie eine offne Stelle gewahr wurden, deren Anblick ein rechter Anstrich für den armen Pedrillo war. Er lenkte so gleich dahin ein, und seine Freude vermehrte sich nicht wenig, da er in einiger Entfernung ein Licht erblickte, welches er für ein Zeichen hielt, dass ein Wirtshaus oder Pachtof in der Gegend sei, wo sie den Anbruch des Tages erwarten könnten.

Allein seine Freude verwandelte sich bald wieder in Furcht und Grauen, da er sah, dass dieses Licht plötzlich näher kam, und um ein merkliches grösser wurde. Don Sylvio hingegen wurde es kaum gewahr, als er voller Freuden ausrief: Siehst du nun, Pedrillo, dass ich mir keine vergebliche Hoffnung machte, da ich mich auf den Beistand der grossen Radiante verliess? Was soll ich dann sehen, Herr, fragte Pedrillo? Du musst blinder als Tiresias sein, dass du so fragen kannst? Siehst du denn den Salamander nicht, der in der ganzen schimmernden Pracht eines Bewohners des reinsten Feuer-Kreises auf uns zueilt? Einen Salamander, rief Pedrillo, wo ist er denn, ich bitte euch? denn ich sehe nichts als einen feurigen Mann, der vermutlich bei seinen Lebzeiten in dieser Gegend einen Marchstein verrückt haben wird, und jetzt zur Strafe feurig umgehen muss. Dummkopf, versetzte Don Sylvio ein wenig entrüstet; können denn deine abergläubischen Augen allentalben nichts anders sehen als die Hirngespenste, welche die alte Hure, deine Grossmutter, von ihrer Älter-Mutter geerbt und dir in dein dummes Hirn gesetzt hat? Eben das, was du für einen feurigen Mann ansiehst, ist ein Salamander, sag ich dir, und einer der schönsten, die den strahlenden Tron der grossen Radiante umglänzen. Siehst du nicht, wie seine Haarlocken gleich gekräuselten Sonnenstrahlen um