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sie nicht heuraten? rief Donna Mencia, mit einem Ton, der sich für einen Untergebenen von zwölf Jahren besser geschickt hätte. Ich sage dir aber, dass du sie heuraten sollst, oder du sollst sehen, ob Donna Mencia das Ansehen zu behaupten weisst, das ihr die natur und deines Vaters Willen über dich gegeben haben: du sollst sie heuraten, sag ich oder Keine vergebliche Drohungen, unterbrach sie Don Sylvio mit einer Mine und einem Anstand, der sie ein wenig bestürzt machte; ich kenne den Umfang meiner Pflichten gegen sie, und die Grenzen ihrer Rechte über mich. Heuraten sie immer den Herrn Rodrigo Sanchez, ich werde mir nie einfallen lassen, es übel zu finden; aber erlauben sie mir in den Jahren, worin ich bin, eine Verbindung abzulehnen, die sich in keiner Betrachtung für mich schickt.

Bei diesen Worten geriet die alte Dame in Flammen. Ich verstehe dich, rief sie, und klappte etliche faule Zähne zusammen, die noch wie alte Denkmäler hier und da aus ihrem weiten mund hervor ragten, ich sehe die ganze Bosheit des geheimen Vorwurfs, den ihr mir machen wollt; aber ich verachte euch und alles was ihr sagen könnt. Wie? ein Knabe von eurem Alter sollte besser wissen als ich, was sich schickt, oder was sich nicht schickt? doch es ist unnötig, dass ich mich ereifere. Wenn du noch zu unreif bist, den Wert meiner Fürsorge für dich zu schätzen, so werde ich doch nicht zugeben, dass deine Unbesonnenheit dich eines Glücks verlustig mache, welches alles übertrifft, was du jemals erwarten konntest. Du machst den Versuch zu früh, ein Joch abzuschütteln, das ich leichter oder schwerer machen kann, je nachdem ich es nötig finde; denn kurz und gut, mein Herr Neffe, ihr steht unter mir, und ich werde mir Gehorsam zu verschaffen wissen.

Ihre Aufführung, erwiderte Don Sylvio ganz ergrimmt, beweist, dass graue Haare nicht allezeit sichre Bürgen der Weisheit sind. Wissen sie aber hiemit, dass ich weder alt noch jung genug bin, mich zum Opfer ihrer lächerlichen leidenschaft machen zu lassen. Ich entlasse sie aller Pflicht für mein Glück zu sorgen; und wenn ich ihre missgeschaffene Mergelina und die hundert tausend dukaten, womit sie meine Liebe bestechen will, verschmähe, so glauben sie nur, dass ich meine Ursachen habe (ich weiss auch was ich rede, Donna Mencia!) und dass ich unter dem Schutz, worin ich stehe, alle Drohungen verachten kann, womit sie mich wie einen kleinen Züchtling zu schrecken gedenken.

Mit diesen Worten eilte er aus dem Zimmer fort, und begab sich in den Garten, wo er vor Unwillen ausser sich selbst hin und wieder lief, und mit Ungeduld auf seinen getreuen Pedrillo wartete.

Viertes Capitel

Mutmassungen des Don Sylvio

Er verabredet seine Entweichung mit dem Pedrillo

Pedrillo, der was er auch sagen mochte, eben so vorwitzig als plauderhaft war, hatte an einer kleinen Seitentüre des Zimmers die ganze Unterredung angehört, die sein Herr mit Donna Mencia gehabt hatte.

Wie er nun sah, dass er im grössten Zorn in den Garten lief, so schlich er ihm nach und traf ihn in einem Gange von Castanien-Bäumen an, wo er, die hände auf dem rücken gefaltet, mit grossen Schritten hin und wieder ging, und ziemlich laut mit sich selber redete. Er sah so wild aus, dass Pedrillo sich nicht getraute ihm näher zu kommen. Allein so bald Don Sylvio seiner gewahr wurde, rief er ihm und sagte: Ich sehe wohl, dass du dich vor meinen Vorwürfen fürchtest; denn wenn deine unzeitigen Sorgen nicht gewesen wären, so wären wir jetzt schon weit von diesem verwünschten haus entfernt, woraus wir nun, wie ich besorge, ohne den Beistand der mächtigen Radiante schwerlich entkommen werden. Aber besorge nichts, mein Freund; ich weiss, dass du keine böse Absicht hattest, und ich bin nicht so unbillig, dass ich dir Begegnisse zur Last legen, sollte, an denen allein mein widriges Schicksal und die Bosheit der Zauberer meiner Feinde schuld ist.

Mit diesen Worten nahm er ihn bei der Hand, führte ihn in eine Laube, und nachdem er ihm befohlen hatte, sich auf allen Seiten umzusehen, ob sie auch allein wären, sagte er mit leiser stimme zu ihm: Höre, Pedrillo, ich will dir meine innersten Gedanken entdecken; ich bin vollkommen überzeugt, dass diese alte hagre Frau, die du mit den zweien Ungeheuern aus der Kutsche steigen sahst, nicht meine Tante Donna Mencia ist, ob ich gleich beim ersten Anblick selbst betrogen wurde, sie dafür zu halten. Ganz gewiss ist es die boshafte Fanferlüsch, die ihre Gestalt angenommen hat, um desto gewisser die Anschläge zu zerstören, welche die wohltätige Radiante zu meinem Glück gemacht hat. Ich habe Merkmale, Pedrillo, die mir keinen Zweifel übrig lassen, denn so gut auch diese anmassliche Donna Mencia sich zu verstellen wusste, so bemerkte ich doch in der Unterredung, die ich mit ihr hatte, etlichemal etwas grässliches in ihren Augen, das meine Tante niemals gehabt hat. Kurz; denn ich kann mich jetzt nicht umständlich herauslassen, ich habe über diesen Punct nicht den mindesten Zweifel.

Fanferlüsch wird die Verwandlung des grünen Zwergs erfahren haben, und, um zu verhindern, dass ich mit hülfe der mächtigen Radiante nicht dazu gelange den blauen Papilion zu entzaubern, ist sie in Gestalt der Donna Mencia hieher gekommen, um mich zu