was für, bisher noch unbekannte Mittel möglich sei, Weisheit und Liebe in so genauen Parallel-Linien fortlaufen zu machen, dass sich diese niemals von jener entfernen könne.
Für ein paar junge Leute, wie Don Sylvio und die schöne Felicia in der vorbemeldten Verfassung ihres Herzens waren, ist die Zeit keine Folge von Augenblicken, sondern ein einziger unbeweglicher Augenblick, welcher ganze Jahre unbemerkt verschlingen würde, wenn sie nicht von äusserlichen Ursachen, oder der Erschöpfung ihrer eigenen Lebensgeister, aus einer so zauberischen Entzückung aufgeweckt würden. Sie befanden sich noch so wenig in dem letzteren Falle, dass sie sehr erstaunt waren, von der Dame Laura zu vernehmen, dass es schon Zeit zum Frühstükken sei. Dieser Anzeige zufolge wurde beliebt, dass sich Don Sylvio auf eine kleine Weile beurlauben sollte, und so wenig hatte ihn das Anschauen seiner geliebten Felicia in vier ganzen Stunden sättigen können, dass es ihm fast unmöglich schien, sich nur auf etliche Augenblicke davon los zu reissen.
Eine Weile darauf fand sich die ganze kleine Gesellschaft beim Tee-Tische der Donna Felicia zusammen. Don Eugenio und Don Gabriel bewunderten die sichtbare Verwandlung nicht wenig, die mit unserm Helden vorgegangen war; der erste hatte sich schon mit einer ganzen Rüstung von Gründen gewaffnet, um die Feen aus ihren letzten Verschanzungen in seinem Gehirn heraus zu treiben; allein er fand zu nicht geringer Beschämung seiner Philosophie gar bald, dass alle Arbeit schon verrichtet war, und musste sich selbst gestehen, dass ein paar schöne Augen in etlichen Minuten stärker überzeugen und schneller bekehren, als die Academie, das Lyceum und die Stoa mit vereinigten Kräften kaum in eben so viel Jahren zu tun vermöchten.
Drittes Capitel
Abermalige Entdeckungen
Die Gesellschaft hatte sich nach genommenem Frühstück in die Bibliotek begeben, wo Don Gabriel sich eben beschäftigte, seinem jungen Freund und den Damen verschiedene physicalische Experimente vorzuzeigen, als man eine Art von Kutsche über den Schlosshof rollen hörte, welche die Aufmerksamkeit der Schüler unsers Philosophen unterbrach. Man denke, wie angenehm die Bestürzung des Don Sylvio war, da er nach einer kleinen Weile seine geliebte Tante Donna Mencia in das Zimmer treten sah.
Damit einem künftigen Kunstrichter, welcher sich vielleicht die rühmliche Mühe geben wird, dieses unser Werk gegen den tadelhaftigen Zahn des Zoilus und seiner Brüder, nämlich, aller und jeder, welche sich (zu empfindlichster Kränkung unserer gerechten väterlichen Liebe zu diesem Kind unsers Witzes) unterfangen mögen, die Mängel und Gebrechen desselben boshafter Weise aufzudecken, zu schützen, – damit, sagen wir, diesem gelehrten und vortrefflichen mann, (dem wir hiemit für seine grossmütige Bemühung zum Voraus öffentlichen Dank erstatten) wenigstens die Arbeit erspart werde, (denn er wird ohne das genug zu tun finden) uns gegen den Vorwurf zu verteidigen, als ob wir, wider alle Wahrscheinlichkeit, die weise und ehrwürdige Donna Mencia wie einen Deum ex machina, in einer mit zwei ausgemergelten Dorf-Kleppern bespannten Kalesche nach Lirias geschleppt hätten, ohne eine bessere Ursache davon anzugeben, als weil wir ihrer daselbst nötig haben: So sehen wir uns genötiget, dem geneigten Leser, ehe wir weiter gehen, zu sagen; dass diese unerwartete Erscheinung in der Tat nicht aus unserm Antrieb sondern aus Veranlassung des berühmten Barbiers bewerkstelliget worden, der in dieser geschichte schon mehr als einmal aufgetreten ist. Dieser hatte bei einem abermaligen Besuch, den er Tages zuvor seinem Patienten zu Lirias gemacht, die Ankunft des Don Sylvio, und durch die Waschhaftigkeit des verschwiegenen Pedrillo verschiedene kleine Umstände erfahren, die ihn auf die Vermutung brachten, dass ein Geheimnis hinter der Sache stecke. Mit diesen Neuigkeiten war Meister Blas spornstreichs nach Rosalva gerannt, wo man bereits Anstalt machte, unsern Helden in allen benachbarten Orten aufsuchen zu lassen. Donna Mencia war dadurch in keine mittelmässige Unruhe gesetzt worden, denn da die Verbindung ihres Neffen mit der schönen Mergelina eine Clausul war, ohne welche die ihrige mit dem Herrn Rodrigo Sanchez von sich selbst zerfiel, so konnte sie unmöglich gleichgültig bleiben, da ihr Meister Blas mit einer geheimnisvollen Mine in die Ohren zischelte, dass, so viel er aus allen Umständen abnehmen könne, Don Sylvio nicht umsonst zu Lirias sein müsse. Kurz, sie hatte die Sache wichtig genug gefunden, ihn in eigener person zu reclamieren, und wenn man noch die tiefe Verachtung dazu nimmt, die ihr das graue Altertum ihres eigenen Hauses gegen den neuen Adel einflösste, so wird man sich vorstellen, dass die Mine, die sie beim Eintritt in das Schloss zu Lirias machte, keine von den angenehmsten sein konnte. Allein, wie sie ihren Neffen noch vollends in einer so gefährlichen Gesellschaft sah, als Donna Felicia und Hyacinte nach ihren bekannten grundsätzen waren, so stieg ihr Unmut auf einen Grad, der ihrem Gesicht (welches ohnehin geschickter war, die Strenge der Tugend als ihre Schönheit auszudrücken) ein so Furienmässiges Ansehen gab, dass ihr zu ihrer hagern Gestalt nur noch etliche Schlangen um den Kopf und eine Fackel in der Hand fehlte, um eine von den grinsenden Grazien der Hölle vorzustellen. Allein da sie, aller dieser Annehmlichkeiten ungeachtet die Tante des Don Sylvio war, so wurde sie auf eine so ehrerbietige und verbindliche Art empfangen, dass sie sich genötiget sah, das fürchterliche und drohende, womit sie ihr Angesicht bewaffnet hatte, um etliche Grade zu mildern; ja die Schönheit und feine Gestalt des Don Eugenio besänftigte sie endlich so sehr, dass die beiden Damen, die sich auf den ersten blick, den sie ihnen verlieh, gegen das