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, welche neben einander hingen, und einander so vollkommen ähnlich waren, dass man sie durch nichts anders unterscheiden konnte, als eine kleine Verschiedenheit des Colorits, die nur dem schärfsten Kenner merklich sein konnte. Eines von diesen Bildnissen ist das meinige, sagte sie; raten sie, Don Sylvio, welches von beiden. Beide sinds, rief Don Sylvio, denn es deucht mich augenscheinlich, dass dieses hier eine Copei von jenem ist. Sie irren sich, Don Sylvio, erwiderte Felicia; dieses hier, welches sie für das meinige ansehen, ist wenigstens sechzig Jahre älter. Es stellt meine Grossmutter Donna Dorotea von Jutella vor, so wie sie in einem Alter von sechzehen Jahren war; hier, fuhr sie fort, indem sie ihm ein kleines Mignatur-Gemälde wies, das unter dem grossen Portrait hing, sehen sie ein anders, das ungefähr um die nämliche Zeit von ihr gemacht wurde; es ist dem grösseren vollkommen ähnlich, und nach diesem wurde das kleine Bildnis gemalt, das die gelegenheit zu einer so seltsamen Intrigue gegeben hat. Die ausserordentliche Ähnlichkeit, die mein Vater zwischen mir und Donna Dorotea fand, bewog ihn, mich, da ich sechszehen Jahre hatte, in der nämlichen Kleidung und Stellung abmalen zu lassen; und jedermann sagt, dass mein Bild mir selbst eben so vollkommen gleiche als meiner Grossmutter. Mein Grossvater, der seine Gemahlin ausserordentlich liebte, liess das kleine Gemälde machen, das in ihre hände gekommen ist, und pflegte es, nach der Mode seiner Zeit an einer goldnen Kette zu tragen. Er hinterliess es meiner Mutter, und da es von dieser auf mich kam, so hing ich es an diese Perlen-Schnur, und trug es so lange als ein Halsgeschmeide, bis ich es vor etlichen Tagen in dem nämlichen wald verlor, wo sie es bald darauf gefunden haben müssen. Dieses ist die Entwicklung des ganzen Knotens, und nun, setzte sie lächelnd hinzu, überlasse ich ihnen, da die Grossmutter und die Enkelin gleich viel Recht an ihre Neigung hat, für welche von beiden sie sich erklären wollen.

Don Sylvio war vor Freude über eine Entwicklung, die seinem Herzen so gemäss war, ausser sich; er warf sich zu ihren Füssen, und sagte ihr, in der rührenden Unordnung, welche die wahre Beredsamkeit der Liebe istSachen, die unsern werten Lesern eben so töricht vorkommen würden, als sie der gerührten Donna Felicia angenehm sein mussten. In der Verfassung, worin ihr eigenes Herz war, hört man einem Liebhaber, wie Don Sylvio, so gerne zu, dass es eine ziemliche Weile währte, bis sie sich besann, dass sie seiner Entzückung ein wenig Einhalt tun müsste. Sie bat ihn also aufzustehen, und ihr in den Saal zu folgen, wo sie ihre Unterredung bequemer fortsetzen könnten. Don Sylvio erzählte ihr jetzt sein ganzes Feen-Märchen, die geschichte des Sommer-Vogels, und die Erscheinung der Fee Radiante; und er gestund desto williger, dass seine mit Feen-Wundern angefüllte Einbildungs-Kraft einen grossen Anteil an diesem vermeinten gesicht gehabt habe, da ihn Donna Felicia auf der andern Seite nicht ohne Vergnügen erlaubte die andere Hälfte dieses sonderbaren Phänomeni auf die Rechnung einer geheimen Divination oder Vorwissenschaft seiner Seele zu schreiben, der es ahnete, dass er in kurzem das Urbild dieses geliebten Schattenbildes finden würde. Wenn die Feen auch nur Geschöpfe unserer Einbildungskraft sind, sagte er; so werde ich sie doch immer als meine grösste Wohltäterinnen ansehen, da ich ohne sie noch immer in der Einsamkeit von Rosalva schmachtete, und vielleicht auf ewig der Glückseligkeit entbehrt hätte, diejenige zu finden, die mein verlangendes Herz, seit dem es sich selbst fühlt, zu suchen schien. Er fuhr nunmehr fort, mit der völligen Begeisterung eines wahrhaftig eingenommenen Liebhabers, der aufmerksamen Felicia seine Empfindungen abzuschildern, und diese junge Dame fand sich unvermerkt so sehr davon gerührt, dass sie, ihres anfangs gefassten Vorsatzes uneingedenk sich nicht entalten konnte, ihm zu erzählen, wie sie ihn in der Rosenlaube schlafend gefunden, und von diesem Augenblick an sich nicht erwehren können, einen Anteil an diesem Unbekannten zu nehmen, der ihr die Gesinnungen, die ihr Bildnis und sie selbst ihm eingeflösst, desto angenehmer mache. Dieses Geständnis setzte unsern Helden in eine Entzückung, die er eine geraume Zeit durch nichts anders ausdrücken konnte, als dass er sich zu ihren Füssen warf, und ihre schönen hände, eine nach der andern mit Küssen überhäufte, in denen er seine Seele hätte ausatmen mögen. Für eine zärtliche Schöne von Feliciens Alter ist vielleicht nichts gefährlicher als der Anblick der Glückseligkeit, womit ihre erste Gutsbezeugungen ihren Liebhaber berauschen; und man muss gestehen, dass die Gefahr nichts desto kleiner ist, wenn dieser Liebhaber so jung, so schön und so feurig ist als es Don Sylvio war.

In dieser Betrachtung, hoffen wir, werde man es der liebenswürdigen Felicia zu gut halten, dass sie vielleicht zu viel Nachsicht gegen ihren ecstatischen Anbeter hatte. In dieser süssen Trunkenheit der Seele, da sie ganz in Liebe und Wonne aufgelöst, die lebhaftesten Ausdrücke ihrer Empfindung noch zu schwach findet, kann man ohne Unbilligkeit nicht fordern, dass sie geschickt sein soll, sich in diesem Gleichgewicht zu erhalten, welches uns die Weisheit der Moralisten vorschreibt. Diese erhabene Leute fordern freilich mit Recht, dass man nie zu viel tun solle; aber die Frage ist, was in dem Falle, wovon wir reden, zu viel sei, und durch