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geschichte wie die unsrige ist, die nämliche Bewandtnis. Ja, wenn Pedrillo, wie die lustige Personen in gewissen Comödien nur darum da wäre, die Leser lachen zu machen, da könnte man uns billig einen Vorwurf machen, dass wir vielleicht mehr als eine gelegenheit entgehen lassen, wo er seine Bestimmung zum Zeitvertreib seiner gönner hätte erfüllen können. Allein Pedrillo hat, wie man längst bemerkt haben sollte, eine weit wichtigere Rolle zu spielen; und wenn auch bei seiner Einführung in diese geschichte unsere Absicht zum teil mit auf die Belustigung des Lesers gegangen ist, so ist doch gewiss, dass dieses (um uns gelehrt auszudrükken) nur ein finis secundarius war, der, wie man weisst, dem Haupt-Endzweck allemal Platz machen muss, wenn nicht Raum genug für beide da ist. Pedrillo kommt also oder geht, plaudert oder schweigt, ist geschäftig oder müssig oder gar unsichtbar, je nachdem es die natur seines Dienstes oder sein Verhältnis gegen seinen Herrn mit sich bringt. Da er ihn auf seiner wundervollen Wanderschaft begleitete, so hatte er das Recht zu plaudern, wie und was er wollte, so lange Don Sylvio keine bessere Gesellschaft hatte; und er tritt ab, und zieht sich in die Lakaien-stube, oder in das Zimmer der schönen Laura zurück, so bald sein Herr bessere Gesellschaft hat. Es ist wahr, man könnte uns das Exempel des Sancho Pansa einwenden, welcher in dem schloss, wo sein Herr (Trotz seinen Feinden, den Zauberern und Mohren) so wohl aufgenommen wurde, allezeit mit von der Gesellschaft war, allentalben freien Zutritt und so gar die Ehre hatte, der Frau Herzogin mehr als einmal unter vier Augen zu sprechen. Allein man muss sich erinnern, dass es dort darum zu tun war, mit der feierlichen Narrheit des Ritters und der schalkhaften Dummheit des Stallmeisters sich lustig zu machen; da hingegen in dem schloss zu Lirias alles angewandt wird, unsern Helden von der Bezauberung seines Gehirns je bälder je lieber zu befreien, ohne dass man sich das mindeste darum bekümmert, ob unsere werten Leser, die ihn vielleicht lieber närrisch sehen würden, dabei verlieren oder nicht.

Damit man uns indessen den Vorwurf nicht machen könne, als ob wir den guten Pedrillo, so bald wir seiner nicht mehr nötig gehabt, undankbarer Weise weggeworfen hätten, so haben wir einen teil dieses Capitels dazu bestimmt, seinen besagten Gönnern eine kurze Nachricht zu geben, wie er seit seiner Ankunft zu Lirias seine Zeit zugebracht.

Man erinnert sich vermutlich noch, dass die angenehme Laura schon damals, da sie ihm in Gestalt einer Sylphide zum erstenmal erschien, sein Herz mit sich hinweg nahm, ohne dass er selbst begreifen konnte, wie es zuging. Man muss gestehen, für einen Liebhaber, der sich in der ersten Wärme einer angehenden leidenschaft befindet, war die Zerstreuung ziemlich stark, wozu ihn noch an dem nämlichen Abend die Dame Teresilla verleitete: Allein in diesem Stück war Pedrillo ein anderer Biribinker, wenn er gleich seiner ersten Liebste nicht öfter untreu wurde, als er Anlass dazu hatte, so schien es doch als ob jede neue Untreue seine Liebe nur desto stärker anfache, und er brauchte die wahre Beherrscherin seines Herzens nur wieder zu sehen, um auf einmal zu vergessen, dass ihm eine andere hätte gefallen können. Bei so bewandten Umständen wird sich niemand wundern, dass es wenig Mühe kostete, ihn einen oder zwei Tage von seinem Herrn entfernt zu halten. Laura, welche diesen Befehl von ihrer Gebieterin hatte, fand die Vollziehung desselben desto leichter, da Pedrillo von dem Vergnügen sie zu sehen und mit ihr zu schäkern, (wie er es nannte) so berauscht war, dass er vielleicht in einer noch längern Zeit nicht an Don Sylvio gedacht hätte, wenn die Sylphide nicht selbst die erste gewesen wäre, ihn daran zu erinnern.

Die Zärtliche Neigung, welche Pedrillo so glücklich gewesen war, dieser jungen Nymphe einzuflössen, bewog sie, die Gelegenheiten nicht auszuweichen, wo sie mit ihm allein sein konnte, ohne aufsehen zu machen oder vermisst zu werden, und so geschah es, dass sie an dem andern Tag seit seiner Ankunft, zu eben der Zeit da die herrschaft in einem saal des GartenPavillions sich mit Gesprächen unterhielt, und der grösste teil des Hauses des nachmittäglichen Schlummers pflegte, beide, ohne sich bestellt zu haben, und also von ungefähr oder durch eine Würkung der magnetischen Kräfte, deren wir an einem andern Orte Erwähnung getan, in einer dicht verwachsenen Laube des Labyrints zusammen kamen. Die beiderseitige Absicht war, die Sieste hier zu machen; da sie aber einander eben so unverhofft antrafen als Dido und der trojanische Held in einer gewissen Höhle, so war nichts natürlichers, als dass sie, an statt zu schlafen, sich zusammen setzten, und mit einander schwatzten. Die Hitze tut nicht auf alle Leute die nämliche Würkung, und wenn gleich die Naturkündiger beweisen, dass ein grosser Grad derselben die Lebensgeister zerstreue, und die Fibern abspanne, so war doch Pedrillo noch niemal in einer Verfassung gewesen, die ihn zu einem gefährlichern Liebhaber hätte machen können als damals. Laura wurde es gar bald gewahr, und da sie, wider die Gewohnheit der spanischen Kammermädchen, weder galant war, noch die Spröde machte, so sah sie sich endlich genötiget ihm zu verstehen zu geben, dass ein Liebhaber sie durch nichts als durch seine Bescheidenheit von der Wahrheit seiner Liebe überzeugen könne. Die Furcht sie erzürnt zu haben, tat bei dem