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, zu geben schien; allein, nachdem er sich endlich durch die überwiegende Geschicklichkeit seines Gegners aus allen seinen Schlupfwinkeln heraus getrieben sah, so blieb ihm endlich nichts übrig, als sich gleichfalls auf die Erfahrung zu berufen, durch welche ihn jener zu überweisen gedacht hatte. Doch er fand bald, dass er wenig gewinnen würde, einen Philosophen wie Don Gabriel, mit seinen eigenen Waffen anzugreifen; man bewies ihm, dass besondere und ausserordentliche Erfahrungen, so bald sie der Analogie der allgemeinen Erfahrung widersprechen, allezeit verdächtig sind; und dass zu einer Evidenz, der sich die Vernunft ergeben müsste, ein so scharfer Beweis erfordert würde, dass unter tausend solchen ausserordentlichen Erfahrungen kaum eine zu finden sei, die bei genauer Untersuchung, nur so viel Wahrscheinlichkeit übrig behalte, als zu einer starken Präsumtion erfordert werde. Er nahm, zu Erläuterung seiner Lehrsätze die Visionen der Schwester Maria von Agreda zum Beispiel, und vertiefte sich unvermerkt in Speculationen, die der Übersetzer für die meisten Leser dieses buches zu tiefsinnig gehalten, und um so lieber weg gelassen hat, als aus dem Vorbericht, der dem spanischen Manuscript voran gesetzt ist, erhellet, dass der ehrwürdige Dominicaner-Mönch, dem selbiges zur Censur gegeben worden, von diesem Discurs den unschuldigen Anlass genommen, den Druck des ganzen Werks zu untersagen. Dem sei wie ihm wolle, so fand Don Eugenio selbst für gut, die Fortsetzung dieser allzu metaphysischen Untersuchungen zu hemmen. Ich glaube kaum, sagte er, dass es zum Beweis, wie leicht uns in diesem Stück unsere vorgefasste Meinungen oder eine allzuwürksame Phantasie hintergehen kann, etwas anders braucht, als sich auf Don Sylvio eigene Erfahrung zu berufen. Ich wette was man will, sie glaubten beim Eintritt in diese Gärten, und beim Anblick des Pavillions, in einen Feen-Sitz gekommen zu sein; und doch ist nichts gewissers, als dass sie in eben diesem Lirias sind, welches mein Grossvater Gilblas von Santillane der dankbaren Grossmut des Don Alphonso von Leiva zu danken hatte, und welches seit dem, teils von ihm, teils von meinem Vater Don Felix von Lirias erweitert und verschönert worden. Sie scheinen noch so wenig von der würklichen Welt gesehen zu haben, dass die Ähnlichkeiten, die sie zwischen den Gärten und Gebäuden zu Lirias mit denen, womit ihre Einbildungs-Kraft in den Märchen bekannt worden ist, gefunden haben, sie leicht verführen konnten, dasjenige, was von ganz alltäglichen Menschen-Händen gemacht ist, für ein Werk der Geister und der Feerei zu halten. Gestehen sie, Don Sylvio, dass sie bei Erblickung meiner Schwester keinen Augenblick anstunden, sie für eine Fee zu halten; und doch kann ihnen mein Pfarrer mit dem Tauf-Register beweisen, dass sie eine Sterbliche ist, und von guten alten Christen abstammt, die niemalen der Magie verdächtig gewesen sind; eine Enkelin der liebenswürdigen Dorotea von Jutella, welche bestimmt war, meinem Grossvater den Verlust seiner geliebten Antonia zu ersetzen, und mit der sie in der Tat eine so grosse Ähnlichkeit hat, dass man das Bildnis der einen für der andern ihres hält. Diese einzige Induction würkte mehr als alle Schlussreden des Don Gabriel. Don Sylvio hatte ausser einem Compliment, das er bei diesem Anlass den Reizungen der Donna Felicia machte, so wenig gründliches darauf zu antworten, dass er allmählich stille wurde, und, wie es schien, in Gedanken verfiel, die seinen Kopf merklich verdüsterten. Zu gutem Glück war es eben Zeit, in eine Comödie zu gehen, welche Don Eugenio durch eine herum wandernde kleine Schauspieler-Gesellschaft, die er etliche Wochen bei sich behielt, veranstaltet hatte. Diese angenehme Zerstreuung und die Gegenwart der Donna Felicia, die er den ganzen übrigen Abend genoss, stellten nach und nach den guten Humor unsers Helden wieder her; die aufmunternde Freundlichkeit, oder sollen wir die Zärtlichkeit sagen, die in ihrem ganzen Betragen gegen ihn herrschte, machte ihn gar bald lebhaft, gesprächig und begierig zu gefallen, und der Ton der scherzenden Fröhlichkeit, worein sie über dem Nachtessen die ganze Gesellschaft stimmte, würkte zuletzt so mächtig auf ihn, dass er unvermerkt die Rolle vergass, die er zu spielen übernommen hatte, und mit dem Prinzen Biribinker und seinen Feen so lustig machte, als ob er nie keine Feen geglaubt, und keinen Sommervogel geliebt hätte.

Siebentes Buch

Erstes Capitel

Merkwürdige Entdeckung

Sonderbare Verschwiegenheit des Pedrillo

Der spanische Autor fängt dieses Buch mit einer Art von Entschuldigung an, die er an diejenigen von seinen Lesern richtet, welche (wie er sagt,) einen kleinen Unwillen darüber bezeugt haben, dass seit dem Augenblick, da Donna Felicia und Don Sylvio sich in dem Pavillion zu Lirias so unverhofft zusammen gefunden, der gute Pedrillo bisher so gänzlich bei Seite gesetzt worden, dass man ihn nur nicht ein einziges mal habe auftreten lassen, um die Gesellschaft und den geneigten Leser mit seinen Einfällen zu belustigen.

Wir halten es, sagt unser Autor, für keinen kleinen Fehler eines Schauspiels, wenn der Dichter, der es übernommen hat, die charakter, Leidenschaften, Tugenden oder Torheiten seiner Personen durch den Labyrint verwickelter Zufälle zu dem vorgesetzten Ziele fortzuführen, an statt seine ganze Aufmerksamkeit mit ihnen allein zu beschäftigen, sich alle Augenblicke an die Zuschauer erinnert, für die er arbeitet, ja wohl gar durch ein ad spectatores, so er bald dieser bald jener handelnden person in den Mund legt, der schlechten Anlegung seines Plans oder einer hinkenden Entwicklung nachzuhelfen genötigt ist. Unsers Bedünkens hat es mit einer