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ich sage. Ich wollte einen Versuch machen, wie weit ihre Vorurteile für die Feerei gehen könnten, ich strengte (nehmen sie mir es nicht übel auf) allen Aberwitz dessen ich fähig bin, an, um eine so widersinnische und ungereimte Wunder-geschichte zu erdenken, als man nur jemals gehört haben möchte, und so entstund der Prinz Biribinker; aber ich gestehe ihnen freilich, dass es mir nicht möglich war, etwas so ungereimtes zu ersinnen, das nicht in allen andern Feen-Märchen seines gleichen hätte, und ich hätte voraus sehen können, dass diese Analogie sie verführen würde. Glauben sie mir, Don Sylvio, die Urheber der Feen-Märchen und der meisten Wunder-Geschichten haben so wenig im Sinn, klugen Leuten etwas weis zu machen, als ich es haben könnte; ihre Absicht ist die Einbildungs-Kraft zu belustigen, und ich gestehe ihnen, dass ich selbst ein grösserer Liebhaber von Märchen als von metaphysischen Systemen bin. Ich kenne unter den Alten und Neuern Leute von grossen Fähigkeiten, und selbst Leute von Ansehen, die sich in müssigen Stunden damit abgegeben haben, Märchen zu schreiben, und viele grössere Männer als ich bin, und die einen ernstaftern charakter behaupteten, als ich jemals zu behaupten verlange, die diese Spielwerke allen andern Werken des Witzes vorzogen. Wer liebt nicht zum Exempel, den Orlando des Ariost, der doch in der Tat nichts anders als ein Gewebe von Feen-Märchen ist? Ich könnte noch vieles zum Vorteil derselben sagen, wenn es jetzt darum zu tun wäre, ihnen eine Lobrede zu halten. Aber bei dem allen bleiben Märchen doch immer Märchen, und so viel Vergnügen als uns unter den Händen eines Dichters, der damit umzugehen weisst, die Salamander und Sylphiden, die Feen und Cabbalisten machen können, so bleiben sie nichts desto weniger schimärische Wesen, für deren Würklichkeit man nicht einen einzigen bessern Grund hat, als ich für einen Biribinker anzuführen im stand wäre. Sie scheinen nicht zu bedenken, sagte Don Sylvio, dass sie die Feen und elementarischen Geister, nebst der Cabbala, oder geheimen Philosophie, die den Weisen die Macht gibt, sich diese Geister unterwürfig zu machen, nicht leugnen können, ohne den Grund aller historischen Wahrheit umzustossen. Denn wie durchgängig und übereinstimmend ist nicht das Zeugnis der ganzen geschichte zu ihrem Vorteil? – Sie haben vermutlich die Nachrichten von dem Grafen von Gabalis gelesen, erwiderte Don Gabriel, worin dieses Argument auf den höchsten Grad der Stärke getrieben ist, die es haben kann. Aber alles was man damit beweisen kann, ist weder mehr noch minder, als dass die geschichte mit Fabeln und Unwahrheiten untermischt ist; ein grosses Übel, welches dem schwachen Verstand oder dem bösen Willen, oder wenigstens der Eitelkeit der Geschichtschreiber zu Schulden liegt, und in meinen Augen die wahre Quelle so vieler schädlichen Irrtümer ist, womit wir die verschiedenen Gesellschaften der Menschen behaftet sehen. Glauben sie, zum Exempel, dass Biribinker nur um den vierten teil eines Grans glaubwürdiger wäre, wenn er von Wort zu Wort von dem Geschichtschreiber Paläphatus erzählt würde? Woher könnten wir wissen, ob ein Autor, der vor drei tausend Jahren gelebt hat, und dessen geschichte und charakter uns gänzlich unbekannt ist, nur im Sinn gehabt habe uns die Wahrheit zu sagen. Und gesetzt, er hatte sie, konnte er nicht leichtglaubig sein? Konnte er nicht aus unlautern Quellen geschöpft haben? Konnte er nicht durch vorgefasste Meinungen oder falsche Nachrichten selbst hintergegangen worden sein? Oder gesetzt, das alles fände nicht bei ihm statt; kann nicht in einer Zeitfolge von zwei oder drei tausend Jahren seine geschichte unter den Händen der Abschreiber verändert, verfälscht, und mit unterschobenen Zusätzen vermehrt worden sein? So lange wir nicht im stand sind, von jedem besonderen Abenteuer des Biribinkers, und so zu reden, von Zeile zu Zeile zu beweisen, dass keiner von allen diesen möglichen Fällen dabei Platz finde, so würde Herodot selbst kein hinlänglicher GewährsMann für die Wahrheit dieser anmasslichen geschichte sein. Ich gestehe ihnen, das Zeugnis eines Tacitus oder Hume4 würde der Existenz der Elementar-Geister und eines jeden andern Dings, das nicht innerhalb des bekannten Cirkels der allgemeinen menschlichen Erfahrung liegt, sehr zu statten kommen, allein, zum Unglück für das Wunderbare, können sie sich keiner so vollgültigen Zeugen rühmen. Und gesetzt auch, es fänden sich unter der unendlichen Menge von Wunderdingen dieser Art, die seit dem Anbeginn der Welt bei allen Völkern des Erdbodens erzählt, und zum teil geglaubt worden sind, einige wenige, die ein unverwerfliches Ansehen vor sich hätten; so würde dieses weder die übrigen glaubwürdiger machen, noch den allgemeinen Grundsatz entkräften können: Dass alles und jedes, was keine Analogie mit dem ordentlichen Lauf der natur, in so fern sie unter unsern Sinnen liegt, oder mit demjenigen hat, was der grösste teil des menschlichen Geschlechts alle Tage erfährt, eben deswegen die allerstärkste und gewisser massen eine unendliche Präsumtion der Unwahrheit wider sich habe; ein Grundsatz, den das allgemeine Gefühl des menschlichen Geschlechts rechtfertiget, ob er gleich der ganzen Feerei mit allen ihren Zubehörden auf einmal das Leben abspricht.

Die Damen hatten sich zurück gezogen, so bald sie sahen, dass die Conversation einen scientifischen Schwung nehmen wurde. Don Sylvio ergab sich nicht so leicht als sein Gegner erwartet haben mochte. Er bediente sich aller Vorteile, die ihm die scheinbare Verwandtschaft dieser Materie mit andern, wo Don Gabriel, nach Husaren-Art, nur fliehend fechten konnte