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, sagte Hyacinte, sie finden alle diese Wunderdinge, den Riesen, der sich die Zähne mit einem Zaunpfahl ausstochert, den Walfisch, der auf fünfzig Meilen in die Runde Wolkenbrüche aus seinen Naslöchern spritzt, die weichen Felsen, die singenden Fische, und die redende Kürbisse natürlich und möglich? Ohne Zweifel, schöne Hyacinte, gab Don Sylvio zur Antwort; wenn wir anders nicht den unendlich kleinen teil der natur, den wir vor Augen haben, oder das, was wir alle Tage begegnen sehen, zum Massstab dessen, was der natur möglich ist, machen wollen. Es ist wahr, Caraculiamborix ist in Vergleichung mit einem gewöhnlichen Menschen, ein Ungeheuer, aber er wird selbst zum Pygmeen, wenn wir ihn mit den Einwohnern des Saturnus vergleichen, die nach dem Bericht eines grossen Astronomi mit Meilenstäben ausgemessen werden müssen. Warum sollte es nicht einen Walfisch geben können, welcher gross genug wäre, um Seen und Inseln in sich zu halten, da es kleine Wassertiere gibt, gegen welche ein gewöhnlicher Grönländischer Walfisch zum wenigsten so gross ist, als jener gegen diese? – Was den Walfisch betrifft, unterbrach ihn Don Gabriel, so kann seine Möglichkeit keine Frage sein, da es allen Umständen nach der nämliche ist, von welchem Lucian in seinen wahrhaften Geschichten eine umständliche Beschreibung macht, und worin er selbst ein grosses Land entdeckt hat, welches damals von fünf oder sechs verschiedenen Nationen bewohnt war, die immer gegen einander zu feld lagen, und vermutlich zu der Zeit, da Padmanaba sich einen Palast in den Bauch des Walfisches bauen liess, einander schon aufgerieben hatten. Das einzige, was die Sache unglaublich machen könnte, ist der Umstand, dass Biribinker Sonne, Mond und Sterne darin gesehen haben sollIch glaube nicht, sagte Don Sylvio, dass das so viel sagen soll, als ob eine würkliche Sonne und würkliche Sterne ihren Lauf in des Walfisches Bauch gehalten hätten, sondern nur, dass es den Prinzen so dauchte, welches Padmanaba durch seine Kunst leicht zuwege bringen konnte. Diese Sonne und diese Sternen könnten, zum Exempel, eben so viele Salamander sein, die Padmanaba nötigte in gewissen angewiesenen Entfernungen und Kreisen zu leuchten, und ihren Lauf zu halten, und ich vermute aus allen Umständen, dass es wirklich so gewesen ist. Ich möchte wohl wissen, sagte Hyacinte, was Don Sylvio unmöglich heisst, denn so wie er die Grenzen der Möglichkeiten ausdehnt, sollte, deucht mich, alles möglich sein, was man sich in der Schwärmerei eines hitzigen Fiebers einbilden kann. Wenn es gediegenes Feuer und trokkenes wasser gibt, so sollte es auch bleiernes Gold und einen viereckichten Cirkel geben können. Vergeben sie mir, Hyacinte, versetzte Don Sylvio, das schliesst nicht so gut, wie sie zu glauben scheinen; die Ründe gehört zum Wesen des Cirkels, und es ist also an sich selbst unmöglich, sich einen viereckichten Cirkel einzubilden, aber woher lässt sichs erweisen, dass die Flüssigkeit eine wesentliche Eigenschaft des Wassers und des Feuers sei? Sehen wir nicht im Winter Eis welches nichts anders als festes oder gediegenes wasser ist, warum sollte die Macht oder die Kunst der elementarischen Geister nicht auch trocknes wasser oder festes Feuer hervor bringen können? Mich deucht, (fuhr er fort) die wahre Quelle der irrigen Urteile, die man über alles dasjenige, was man wunderbare begebenheiten heisst, zu fällen pflegt, entspringe aus der falschen Einbildung, als ob alles unmöglich sei, was sich nicht aus körperlichen und in die Sinne fallenden Ursachen erklären lässt; gleich als ob die Kräfte der Geister, von denen die körperlichen Dinge bloss tote und grobe Werkzeuge sind, nicht notwendiger Weise die mechanischen und geborgten Kräfte eben dieser Werkzeuge unendlich übersteigen müssten. In dieser Betrachtung glaube ich allerdings, dass unzähliche Dinge möglich sind, die wir aus keinem bessern grund für unmöglich halten, als weil sie unserer Unwissenheit unbegreiflich vorkommen; worin wir ungefähr eben so weise sind, als ein Wilder, der die bezaubernde Modulation, die ein Meister aus einer Quer-Flöte hervor bringt, für unmöglich halten wollte, weil er selbst aus seinem Haberrohr nur heisere und einförmige Töne erzwingen kann. Ich finde also in der geschichte des Prinzen Biribinkers nichts unmögliches, und (die Glaubwürdigkeit des Geschichtsschreibers voraus gesetzt) sehe ich nicht, warum sie nicht von einem Ende zum andern eben so wirklich begegnet sein, und eben so viel Glauben verdienen sollte als irgend eine andere geschichte. Jetzt haben sie den rechten Punct berührt, sagte Don Gabriel; auf die Glaubwürdigkeit der Zeugen kommt alles an; denn ob wir gleich allen den Wunderdingen, womit die Geschichtschreiber und die Dichter die Welt angefüllt haben, oder doch dem grössten teil davon, eine bedingte Möglichkeit einräumen können, so sind sie doch um des willen nicht weniger blosse Schimären, so lange nicht bis zur Überzeugung der Vernunft erwiesen werden kann, dass sie wirklich existieren oder existiert haben. Und das gestehe ich ihnen, dass es sehr schlecht um die historische Wahrheit der Feen- und Geister-Geschichten steht, wenn sie keine bessere Gewähr ihrer Wahrheit aufzuweisen haben als Biribinker. Warum das, fragte Don Sylvio? Weil diese ganze geschichte von meiner eigenen Erfindung ist, antwortete Don Gabriel. Von ihrer Erfindung? rief jener etwas betroffen aus. O! Don Gabriel, das hätte ich ihnen nicht zugetraut! Sie nannten uns ja einen Geschichtschreiber, woraus sie hergenommen sein sollte? Vergeben sie mir, Don Sylvio, erwiderte der andere, es ist nicht anders als wie