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er, ohne in einem übertriebenen Grad argwöhnisch zu sein, bei Biribinker voraus setzen konnte.

Inzwischen hatte sich dieser Prinz, dem es bei gelegenheit nicht an Mut fehlte, wieder aus der ersten Bestürzung erholt, worein ihn das unsichtbare Concert und die Verschwindung des Padmanaba gesetzt hatte. So gefährlich als es ihm schien, in einem solchen Ort gar zu neugierig zu sein, so wollte er doch wissen, was aus dem alten Zauberer geworden sei. Er suchte ihn also im Garten so wohl als in allen Zimmern und Winkeln des Schlosses, nachdem er die Vorsicht gebraucht hatte, sich vorher mit dem Säbel zu bewaffnen, den Padmanaba zurück gelassen hatte, und auf dessen beiden Seiten er so viel talismannische Figuren eingegraben fand, dass er sich mit diesem Gewehr vor dem Zauberer Merlin selbst nicht gefürchtet hätte. Da er aber weder den Alten noch jemand andern finden konnte, so zweifelte er nun nicht länger, dass Padmanaba entflohen sei, und ihm seinen Palast und seine Schöne zur Beute überlassen habe. In diesen Gedanken kehrte er triumphierend zurück, warf seinen Säbel auf das Ruhebette, und sich selbst zu den Füssen der liebenswürdigen Unsichtbaren, die er zu seiner unbeschreiblichen Freude noch immer schlafend fand, ungeacht die Musik des berührten Talismans mit der angenehmsten Abwechslung von Allegro und Andante immer fort daurte. Man weisst nicht, ob es den zauberischen Einflüssen eines von diesen Andante, (welches in der Tat nicht zärtlicher hätte sein können, wenn es von Jomelli selbst gesetzt gewesen wäre) oder einem Zweifel, der (wie es zu gehen pflegt) bei ihm entstund, ob er auch dem Zeugnis eines einzigen Sinnes glauben dürfe, und ob nicht diese unvergleichliche Schöne, die er auf dem Sopha gefunden zu haben glaubte, ein blosses Blendwerk sein möchte, dergleichen in bezauberten Palästen nicht ungewöhnlich sindMan weisst nicht, sage ich, ob es der einen oder der andern von diesen Ursachen zuzuschreiben war, dass Biribinker durch neue Beobachtungen sich der Wahrheit eines so ausserordentlichen Phänomenons zu versichern anfing. In kurzem fügte er auch noch Versuche hinzu, und beides so wohl, als die heftigste Symptomen einer leidenschaft, die in kurzem bis zum äussersten Grad der Schwärmerei und des Taumels stieg, liessen ihm endlich keinen Zweifel mehr übrig, dass er wirklich die schöne Salamandrin in seinen Armen habe, deren sichtbare Gestalt ihn in den Zimmern des Palasts so sehr entzückt hatte. Dieser Gedanke, und das bezaubernde Colorit, womit sein Gedächtnis die Unvollkommenheit des fünften Sinnes ergänzte, dessen er sich allein bedienen konnte, setzte ihn zu sehr ausser sich selbst, als dass er sich in diesen Augenblicken seines geliebten Milchmädchens, seiner Entschliessungen, und der Warnungen des Kürbis hätte erinnern können. Kurz, er wurde immer kühner, und die zunehmende Dunkelheit des Zimmers, die er für eine Aufmunterung seiner Unternehmungen hielt, mit der Musik des Talismans, welche immer zärtlicher wurde, war in der Tat nicht geschickt, seine Entzückung auf einen mässigern Grad herab zu stimmen. Es findet sich hier eine abermalige kleine Lücke in dem Original dieser merkwürdigen geschichte, deren Ausfüllung wir den Bentleis und Scribleris unserer Zeit überlassen wollen, ohne uns auch nur mit Vermutungen über den Inhalt derselben aufzuhalten. Biribinker, fährt die geschichte fort, erwachte eben aus einer Betäubung, welche gewissen Indianischen Philosophen so angenehm zu sein scheint, dass sie in eine immerwährende Dauer derselbigen den höchsten Grad der Glückseligkeit setzen, als er gewahr wurde, dass die schöne Unsichtbare alle seine Liebkosungen mit ungemeiner Lebhaftigkeit erwiderte. Er schloss hieraus, dass sie erwacht sein müsse, und unterliess nicht, ihr in der erhabenen Sprache, die er sich im Bienenstock der Fee Melisotte angewöhnt hatte, alle die zärtlichen Sachen vorzusagen, welche Cristalline und Mirabella in ähnlichen Umständen von ihm gehört hatten. Die Unsichtbare beantwortete diese schönen Erklärungen, Lobsprüche, Ausrufungen und Beteurungen mit Seufzern, Verkleinerung ihrer Reizungen und Zweifeln an seiner Beständigkeit, die ein weniger entzückter Liebhaber als es Biribinker war, hätte unzeitig und im Mund einer so liebenswürdigen person unnatürlich finden können. Allein der Prinz, der in diesen Augenblicken gar nicht aufgelegt war Schlüsse zu machen, begnügte sich bloss, in dem gewöhnlichen Wege, wie man dergleichen Zweifel zu zerstreuen pflegt, die Beweise seiner Zärtlichkeit zu verdoppeln. Sie gab ihm alle Aufmerksamkeit, die er nur immer wünschen konnte, ohne desto besser überzeugt zu sein. Haben sie nicht, sagte sie ihm, Mirabellen und Cristallinen eben so geliebt wie mich? Haben sie nicht einer jeden von ihnen eben so viel zärtliches vorgesagt, eben so viel Beteurungen gemacht, eben so viele Beweise gegeben, ohne dass weder die eine noch die andere, so reizend sie ihnen auch in der ersten Berauschung ihrer Sinnen vorkamen, fähig war, über das Milchmädchen, das sie sich in den Kopf gesetzt haben, nur einen einzigen Tag lang die Oberhand zu behalten. Ach! Biribinker! das Schicksal meiner Vorgängerinnen sagt mir nur allzu deutlich, was das meinige sein wird; und wie können sie verlangen, dass ich bei einer so traurigen Gewissheit, sie in wenigen Stunden wieder zu verlieren, gleichgültig bleiben soll? Biribinker antwortete ihr hierauf mit den lebhaftesten und feierlichsten Versicherungen einer ewigen und eben so unbegrenzten Liebe, als es ihre Reizungen seien. Er behauptete, dass sie sich selbst beleidige, indem sie sich mit den beiden Feen vergleiche, die, wie er sagte, nicht liebenswürdig genug gewesen waren, ihm etwas mehr als einen flüchtigen Geschmack beizubringen, und schwur ihr bei allen Liebesgöttern, dass von dem