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sich eines Säbels zu bemächtigen, der neben dem Alten auf einem Küssen lag, als er merkte, dass er mit dem Fuss an etwas stiess, ob er gleich nicht sah, was es sein könnte. Er stutzte, und da er die hände zu hülfe nahm, so fühlte er den artigsten kleinen Fuss, der je gewesen ist, auf einem Polster ausgestreckt. Eine so unverhoffte Entdeckung machte ihn neugierig, das Bein kennen zu lernen, dem ein so artiger Fuss zugehörte, denn Biribinker schloss in diesem Falle wie sankt Tomas von Aquino selbst geschlossen haben würde, nämlich, dass, wo man einen, Fuss finde, man nach dem ordentlichen Lauf der natur berechtiget sei ein Bein zu erwarten. Er setzte also seine Beobachtungen fort, und entdeckte endlich von Schönheit zu Schönheit in der unsichtbaren Figur, die er vor sich hatte, ein junges Frauenzimmer, die in einem tiefen Schlaf versenkt zu sein schien, und (nach dem Zeugnis des einzigen Sinnes, der ihm ihr Dasein verraten hatte, zu urteilen) von einer so vollkommenen Schönheit war, dass sie nichts geringers als entweder Venus oder die schöne Salamandrin selbst sein konnte. In dem nämlichen Augenblick, da er diese Entdeckung machte, liess sich eine muntere Symphonie von allen möglichen Instrumenten hören, ohne dass man weder Instrumente noch Musicanten sah.

Biribinker erschrak und bebte von der schönen Unsichtbaren zurück, denn sein erster Gedanke war, dass dieses Getöse den schlafenden Zauberer aufwecken würde; aber er entsetzte sich noch weit mehr, da er sah, dass Padmanaba verschwunden war.

Dieser Zauberer war alt genug um klug zu sein; er wusste schon lange, wie gefährlich ihm Biribinker einst sein würde, und die Furcht vor einem Prinzen, der dazu geboren schien, seine Bezauberungen aufzulösen, war der stärkste Beweggrund gewesen, warum er seine Residenz in des Walfisches Bauch aufgeschlagen hatte. Allein auch in dieser Freistatt hielt er sich und seine schöne Salamandrin, die nun der einzige Gegenstand seiner Sorgen war, nicht für sicher genug; und da ihm eine geheime Ahnung vorher sagte, dass ihn Biribinker bis in des Walfisches Bauch verfolgen würde, so glaubte er nicht genug Vorsicht gebrauchen zu können, um das Unglück zu verhüten, womit ihn die überraschende Erscheinung eines so furchtbaren Gegners bedräute. In dieser Absicht hatte er seine Geliebte mit einem geheimnisvollen Talisman bewaffnet, der die gedoppelte Eigenschaft hatte, sie allen andern Augen als den seinigen unsichtbar zu machen, und so bald er berührt wurde, eine zauberische Musik hervor zu bringen. Käme auch Biribinker, (dachte der alte Padmanaba) aller Schwierigkeiten ungeachtet, in den Bauch des Walfisches, ja selbst in den unsichtbaren Palast, so würde ihm doch die schöne Salamandrin unsichtbar sein; und entdeckte er sie auch, trotz ihrer Unsichtbarkeit, so würde doch, so bald er den Talisman berührte, das musicalische Getöse sein Dasein verraten, und ihn Padmanaba noch zeitig genug in den Stand setzen, seinem Unstern zuvor zu kommen. Diese Vorsicht war desto nötiger, da der gute Alte seit mehrern Jahren mit einer Art von Schlafsucht behaftet war, die ihn nötigte, alle Tage wenigstens sechszehen Stunden von vier und zwanzig zu verschlafen. Das geringe Zutrauen, das ihm seine vorige Liebste zu ihrem ganzen Geschlecht übrig gelassen hatte, bewog ihn, die schöne Salamandrin während der ganzen Zeit seines Schlummers in einen bezauberten Schlaf zu versenken, aus welchem niemand als er sie erwecken konnte. Der einzige Biribinker würde unter gewissen Umständen und Bedingungen, die nämliche Macht gehabt haben, und Padmanaba, (so wollt es das Schicksal!) würde in eben demselben Augenblick die seinige, wenigstens über die schöne Salamandrin gänzlich verloren haben; und da alles dieses während dass der Alte schlief, gar leicht hätte begegnen können, so hatte er den Talisman, der ihn erwecken sollte, so weislich angebracht, dass Biribinker, (in so fern man ihm auch nur eine mittelmässige Neugierigkeit zutrauen konnte) ihn notwendig finden musste.

Hier konnte Don Sylvio sich nicht entalten die Erzählung des Don Gabriel zu unterbrechen, indem er ihn ersuchte, sich über den Umstand mit dem Talisman etwas deutlicher zu erklären; ich finde sie, wider ihre Gewohnheit, eine Weile her etwas dunkel, (setzte er hinzu) und ich gestehe ihnen, dass ich von allem, was sie bei gelegenheit der Erwachung des alten Padmanaba sagten, kaum die Hälfte verstanden habe. Die ganze Gesellschaft, selbst die schöne Hyacinte nicht ausgenommen, lächelte über diese Anmerkung, und Don Gabriel wusste sich nicht anders zu helfen, als dass die Dunkelheit, worüber Don Sylvio sich beklagte, in der Sache selbst liege, und dass überhaupt wenige Feen-Geschichten gefunden werden, welche durchaus so deutlich und begreiflich seien, als es zu wünschen wäre. Weil nun Don Sylvio sich mit dieser Entschuldigung zu begnügen schien, so fuhr Don Gabriel in seiner Erzählung also fort:

Kaum hatte Biribinker, in dem nämlichen Augenblick, da er entdeckte, dass der schöne Fuss (der zu diesem Abenteuer Anlass gegeben) einem eben so schönen jungen Frauenzimmer zugehöre, den fatalen Talisman berührt, so fing wie schon gemeldet worden, der Talisman zu musicieren an, und Padmanaba erwachte. Er warf, wie leicht zu erachten ist, keinen sehr freundlichen blick auf unsern Prinzen; allein, da er mit Gewalt nichts gegen ihm vermochte, so blieb ihm nichts übrig, als sich auf der Stelle unsichtbar zu machen, und mit aller nur möglichen Eilfertigkeit auf die Verhinderung des Vorhabens bedacht zu sein, welches