1772_Wieland_108_12.txt

Füssen, neben ihm lag seine Citer, und an seinem Halse hing das Kleinod mit dem Bildnis der schönen Schäferin.

Pedrillo, der es noch nie gesehen hatte, wurde von dem Glanz der Steine und Perlen, wovon dieses Halsgeschmeide schimmerte, nicht wenig geblendet; und ob er gleich kein grosser Kenner von Juwelen war, so deuchte ihn doch, dass sie wenigstens zehen Dörfer, wie das seinige, wert sein könnten. Er betrachtete sie lang ohne auf das Gemälde Acht zu geben, und konnte nicht begreifen, woher Don Sylvio einen so kostbaren Schmuck bekommen haben möchte. Seine Neugierigkeit wurde endlich so dringend, dass er sich kaum entalten konnte ihn aufzuwecken. Das tat er nun zwar nicht, denn Pedrillo war ein so höflicher Bauer-Junge, als irgend einer in Valencia; aber er nahm doch die Citer, und klimperte darauf so laut er konnte, und endlich sang er gar dazu, ohne dass er seine Absicht desto mehr erreichte.

Nun, bei meiner Six! rief er endlich ganz ungedultig aus, das geht nicht natürlich zu; wenn das nicht ein bezauberter Schlaf ist, so verstehe ich nichts davon. Vielleicht steckt die Zauberei in diesem Kleinod hier; wenn das wäre, so ist es besser, ich nehm' es ihm vom Hals, oder ich zerbrech es gar, wenn es nötig ist, als dass mein junger Herr hier ein paar tausend Jahre wie ein Murmeltier an einem Stück verschnarche.

Indem er das sagte, langte er nach dem Kleinod, stiess aber von ungefähr mit dem Ellbogen an den Don Sylvio an, der davon erwachte, und, weil er die Augen noch nicht recht auftun konnte, den Pedrillo nicht sogleich erkannte, sondern nur eine Menschen-Figur sah, die ihm seine geliebte Schäferin stehlen wollte.

Er geriet darüber in eine ausserordentliche Wut. Verfluchte Zauberin, rief er, ist es dir nicht genug, dass du diese unschuldige prinzessin ihrer himmlischen Schönheit beraubt und in einen elenden Sommer-Vogel verwandelt hast? Willst du mir auch das einzige rauben, was mir das Übermass meines Unglücks noch erträglich machen kann? Aber wisse, vorher musst du dieses Herz ausreissen, worin ihr Bildnis mit feurigen Zügen eingegraben ist.

Ums himmels willen, Herr, rief Pedrillo, indem er an den Eingang der Grotte zurück sprang, was meinet ihr mit allem diesem seltsamen Zeug? Ich bin weder ein Zauberer noch ein Schwarzkünstler, Gott sei Dank; ich bin Pedrillo, euer Diener, von alt-christlichem Geschlecht, so gut als einer in unserm Kirchspiel, und es tut mir leid, nachdem ich euch in allen vier Enden der Welt gesucht habe, euch in dieser verfluchten Grotte und in einem solchen Zustand anzutreffen, was sagt ihr da von Zauberern und von dem Übermass der Sommer-Vögel, die in Princessinnen verwandelt sind? Gott sei es geklagt, ich dachte gleich, dass es nichts Gutes bedeuten werde, wie ich euch hier eingeschlafen fand.

Bist du Pedrillo, versetzte Don Sylvio, der sich in des die Augen gerieben hatte? Wenn du Pedrillo bist, wie deine Gestalt es allerdings zu bezeugen scheint, so bin ich schon zufrieden, und die Vorwürfe gehen dich nichts an, die ich dir machte, indem ich dich für einen andern ansah. Aber was wolltest du mit diesem Bildnis anfangen.

Mit was für einem Bildnis, fragte Pedrillo?

Schurke, versetzte Don Sylvio, mit dem Bildnis, das du im Begriff warest, mir zu entwenden, als ich von einer unsichtbaren Hand erweckt wurde, um einem so grossem Unfall zuvor zu kommen.

Beim Element, Herr Don Sylvio, erwiderte Pedrillo, ich glaube ihr träumet, wenn ihr nicht noch was ärgers tut. Wir suchten euch gestern den ganzen Abend, bis um die Zeit, da, Gott sei bei uns! die Gespenster zu gehen pflegen; aber es war alles umsonst. Diesen Morgen früh lief ich im ganzen Wald herum, und suchte alle Gesträuche und Büsche durch, endlich fand ich euch in dieser Höhle schlafen, und da sah ich dieses Kleinod, und weil ihr so gar fest schliefet, so bildete ich mir ein, dass es vielleicht ein Telesman sein könnte, wodurch ihr in dieser Höhle in einem ewigen Schlaf bezaubert liegen müsstet, bis jemand käme, der den Telesman zerbräche, wie ich dergleichen Exempel viel in den grossen dicken Büchern gelesen habe, die in der gnädigen Frauen ihrer Bücher-kammer stehen; und weil ihr mir nun lieb seid, Herr, und weil ihr mich daurtet, dass ihr wie Dämonion, den die Göttin Dina einsmals bezauberte, dass er hundert Jahre lang schlafen musste, damit sie sich recht satt an ihm küssen könnte, die alte verliebte Hexe! ihr wisst ja die Historie, Herr? sie steht in einem alten Buch, das ich aus der Erbschaft meiner Grossmutter für dreizehn Maravedis annehmen musste, ob es gleich keinen Deckel und kein Titel-Blatt mehr hatte; es waren die Menge gemalter Figuren darin, woran ich mich erlustigte, wie ich noch ein kleiner Junge war, und dann las mir meine Grossmutter die Historien, die daneben stunden, es ist mir, als ob ich sie noch vor mir sitzen sehe, die gute alte Frau, Gott tröste sie! Aber was wollt ich sagen? Ja, und seht ihr, weil ihr mich nun halt daurtet, wollt ich sagen, dass ihr so lange schlafen solltet, und so wollte ich den Telesman zerbrechen; das ist