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es ist wahr, diese hässliche Verwandlung hörte sogleich wieder auf, aber jeder neuer Versuch, den sie machen wollten, sie aufzulösen, hatte jedesmal den nämlichen Erfolg. Dieser Brunnen, welcher ehemals die gewöhnliche Grösse hatte, ist allein durch ihre Tränen so gross und tief geworden, dass er, wie sie gesehen haben, einem kleinen See ähnlich sieht; und viele, die sich aus Verzweiflung hinein stürzten, würden einen feuchten Tod darin gefunden haben, wenn meine Nymphen sie nicht aufgefangen, und wieder mit dem Leben ausgesöhnt hätten. Sie allein, glücklicher Biribinker, waren mächtig genug, eine Bezauberung zu vernichten, die mich in die traurige notwendigkeit setzte, so viele tausende zu Zeugen meines Unglücks zu machen. – –

Aber eben das ist etwas, das ich noch nicht recht einsehe, sagte der Prinz. Wozu hatten sie alle diese Zeugen nötig? Mir deucht, die Ehre ihrer Tugend, wie sie es nennen, wäre am besten gerechtfertiget worden, wenn sie sich nie in den Fall gesetzt hätten ein Crocodil zu werden. So schliessen sie und ihres gleichen, erwiderte Mirabella. Sagen sie mir einmal, was für Ehre kann eine erzwungene Tugend machen? Welches Frauenzimmer ist nicht fähig, ihren Begierden Gewalt anzutun, wenn sie zu gleicher Zeit die Unmöglichkeit, sie zu befriedigen, und eine schimpfliche Strafe vor Augen sieht? Aber der Liebe zur Tugend die Furcht der Schande, ja in gewissem Sinn die Tugend selbst aufopfern, das ist ein Grad von moralischem Heldenmut, dessen nur die edelsten Seelen fähig sind.

erklären sie mir doch das deutlicher, sagte Biribinker, ich bin sonst eben nicht der dummste, aber ich will gehangen sein, wenn ich ein Wort von allem, was sie da sagten, verstanden habe.

Unsere Tugend, erwiderte die Fee, ist nur alsdann ein Verdienst, wenn es in unserer Willkür stehet, ob wir sie behalten oder verlieren wollen. Lucretia würde nie als ein Muster der Keuschheit aufgestellt worden sein, wenn sie den jungen Tarquinius in die Unmöglichkeit gesetzt hätte, einen Versuch auf ihre Ehre zu machen. Eine alltägliche Tugend würde ihr Schlafzimmer verriegelt haben; die erhabene Lucretia liess es offen. Sie tat noch mehr, sie ergab sich so gar, um gelegenheit zu haben, durch das grosse Opfer, das sie der beleidigten Tugend brachte, der Welt zu zeigen, dass der kleinste Flecken, der ihren Glanz verdunkelt, mit Blut ausgelöscht zu werden verdient.

Sie sehen aus diesem Beispiel, mein Prinz, wie weit die geläuterte Denkart grosser Seelen über die gemeinen Begriffe des moralischen Pöbels erhaben ist. Um eine Bezauberung aufzulösen, die meiner Tugend ihren grössten Wert, die Freiwilligkeit und das Vergnügen der besiegten Schwierigkeit raubte, musste ich mich so oft in den Fall setzen sie zu beleidigen, bis ich denjenigen gefunden hatte, der mich von einer Strafe befreien konnte, wovon die blosse Vorstellung meiner edlen denkart unerträglich war. Nun verstehen sie mich doch, hoffe ich?

Unvergleichlich, rief Biribinker aus, sie erklären sich immer dunkler. Aber das muss ich gestehen, dass sie, wenn sie es nicht übel nehmen wollen, die allersonderbarste Preciöse sind, die man vielleicht jemals in der Welt gesehen hat. Was sagen sie, versetzte die schöne Ondine sehr lebhaft? Wie? eine Preciöse? ich? eine Preciöse, sagen sie? Wahrhaftig sie kennen mich sehr schlecht, oder sie müssen in ihrem Leben keine Preciöse gesehen haben. Was finden sie geziertes oder gekünsteltes an meiner person, an meinen Manieren, an meiner Kleidung, an meiner Art, mich auszudrükken? Was ist gezwungenesMit einem Wort, wollen sie, dass ich ihnen Proben gebe, dass ich keine Preciöse bin? Biribinker erschrak über diesen unverhofften Antrag so sehr als über die Art, wie sie ihm bewies, dass es ihr Ernst sei. O! Madam, erwiderte er, ich glaube alles, was sie wollen! Ich brauche keine probe, und ich sehe auch nicht wie ihre TugendMeine Tugend, rief die Fee! Eben meine Tugend fordert von mir, sie zu überzeugen, dass ich keine Preciöse bin. Wenn sie keine Preciöse sind, antwortete Biribinker, so schwöre ich ihnen, dass ich kein Salamander bin, und dass meine natur nicht feurig genug ist

Fi, sagte die Ondine, schämen sie sich nicht, vor einem Frauenzimmer so unanständig zu reden? Was bilden sie sich ein? Wer fordert denn etwas von ihrer natur, oder was geht es mich an, ob sie kalt oder feurig ist? Lassen sie sich sagen, dass sie ein Mensch ohne Delicatesse sind, der weder die Ohren noch die Wangen einer Dame zu schonen weisst. Wissen sie denn nicht, dass es ein Verbrechen ist, ein Frauenzimmer um einer Kleinigkeit willen erröten zu machen. Unsere Tugend – O! Madame, fiel ihr Biribinker in die Rede, ich bitte sie, nennen sie mir dieses Wort nicht mehr! Wenn sie nur wüssten, wie es ihren schönen Mund verzerrt! Und erlauben sie mir, ihnen mit aller der Delicatesse, deren ich fähig bin, zu sagen, dass ich so viel getan zu haben glaube, als man von einem braven Mann fordern kann, indem ich ein Abenteuer zu stand gebracht, woran fünfzig tausend tapfere Helden zu kurz gefallen sind. Was noch mehr zu tun sein mag, überlasse ich den Salamandern, Sylphen, Gnomen, Faunen und Tritonen, welche nunmehr ein offenes Feld haben, ihre Tugend im Atem zu erhalten