1772_Wieland_108_118.txt

andere Liebhaber mit mir zu tändeln, analysierte er mir die geheimnisvollen Schriften des Averroes; wir sprachen ganze Tage lang von unsern Empfindungen, und ob es gleich im Grund immer eben dieselbigen waren, so wussten wir ihnen doch so vielerlei Wendungen zu geben, dass wir immer etwas neues zu sagen schienen, wenn wir in der Tat immer einerlei sagten. Sie sehen, mein Prinz, dass nichts unschuldigers sein konnte, als unsere Freundschaft, oder, wenn sie es so nennen wollen, unsere Liebe. Und doch konnte uns weder die Lauterkeit unsrer Absichten, noch die Vorsichtigkeit einer jungen Gnomide, die in meinen Diensten, und in der Tat, ein dummes kleines Ding war, vor den boshaften Beobachtungen so vieler Augen, die der Neid auf uns offen hielt, sicher stellen. Verschiedene Salamander, von den Vorzügen beleidigt, die ich meinem Freund über sie gab, unterstunden sich, über unsern Umgang gewisse Glossen zu machen, die sich (ihrem Vorgehen nach) auf gewisse Vertraulichkeiten gründeten, die sie zwischen uns wahrgenommen haben wollten. Der eine bemerkte, dass ich ausserordentlich munter sei, und dass ein gewisses Feuer in meinen Augen blitze, welches lange Zeit darin erloschen gewesen war; ein anderer konnte nicht begreifen, dass meine Lust zur Philosophie gross genug sein könne, um mir so gar in meinem Schlafzimmer Lectionen darin geben zu lassen; ein dritter wollte eine gewisse Sympatie unserer Knien und Ellenbogen, und ein vierter ich weiss nicht was für ein geheimes Verständnis zwischen unsern Füssen entdeckt haben. Sie sehen, mein Prinz, dass, wenn auch in einer von den Zerstreuungen, denen die metaphysischen Seelen am häufigsten unterworfen sind, etwas dergleichen vorgegangen wäre, man doch die Bosheit und materielle Denkungs-Art unserer Feinde haben musste, um solche Kleinigkeiten zum Nachteil einer Tugend auszudeuten, die sich jederzeit durch die strengsten Grundsätze in der Sittenlehre in einem festgesetzten Ansehen erhalten hatte.

Inzwischen wurde das Gemurmel unserer Missgünstigen so laut, dass es endlich auch vor den alten Padmanaba kam, der nur allzu geneigt war, dergleichen Eingebungen ein aufmerksames Ohr zu leihen. Er wurde desto stärker dadurch aufgebracht, je grösser die Meinung gewesen war, die er von meiner Tugend oder wenigstens von der Kälte meines Bluts gefasst hatte. Man machte einen Anschlag, uns zu überraschen, und es gelung endlich unsern Feinden, uns in einer von den obgedachten Zerstreuungen anzutreffen, die, zum Unglück, stark genug war, dass wir etliche Augenblicke den Gebrauch unserer Sinne verloren zu haben schienen. Die donnernde stimme des furchtbaren Padmanaba weckte mich endlich aus einer Art von Entzückung, worin es sehr unangenehm ist, unterbrochen zu werden, sie können sich vorstellen, ob ich betroffen war, da ich in einem so delicaten Umstand, mich von so vielen Augen beleuchtet sah. Indes verliess mich doch die Gegenwart des Geistes nicht ganz; ich bat meinen alten Gemahl, mich nicht eher zu verurteilen, bis er meine Rechtfertigung gehört hätte, und war im Begriff, ihm aus dem siebenten Capitel der Metaphysik des Averroes zu beweisen, wie betrüglich das Zeugnis der Sinne sei, als er mich mit diesen Worten unterbrach: Ich habe dich zu sehr geliebt, Undankbare, als dass ich fähig wäre, die Rache an dir zu nehmen, die meine beleidigte Ehre fordert. Deine Strafe soll nichts anders als eine probe der Tugend sein, an welche du noch Ansprüche zu machen verwegen genug bist. Ich verbanne dich, fuhr er fort, indem er mich mit seinem Stab berührte, in die Bezirke des Parks, der dieses Schloss umgibt; behalte deine Gestalt und die Vorrechte deines Feen-Standes, aber verliere beides, und verwandle dich in das hässlichste Crocodil, so oft du mit jemand, wer er auch sei, in eine Zerstreuung fällst wie diejenige war, worin ich dich hier gefunden habe. Wie sehr bedaure ich, dass es nicht in meiner Gewalt ist, diese Bezauberung unauflöslich zu machen! Aber die Zukunft wird, wie ich besorge, einen Prinzen hervor bringen, dessen wunderbares Gestirn aller meiner Macht Trotz bietet.

Alles, was ich tun kann, ist, die Auflösung meiner Bezauberungen an die Talismanische Kraft eines so seltsamen Namens zu binden, dass er vielleicht in vielen Jahrtausenden in keiner Sprache des Erdbodens wird gehört werden. Nachdem Padmanaba diese geheimnisvollen Worte gesprochen hatte, ward ich durch eine unsichtbare Gewalt in den Brunnen versetzt, wo sie mich zuerst gesehen haben, und bald darauf erfuhr ich, dass der Alte aus Verdruss über meine vermeinte Untreue das Schloss verlassen habe, ohne dass man wisse, was aus ihm oder meinem geliebten Salamander geworden sei. Ich war untröstbar über den Verlust des letzteren, und machte meinen Nymphen etliche Tage lang so abscheuliche Gesichter, dass einige davon in Gichter fielen, und andere vor Angst auf der Stelle nieder kamen. Allein wie kein heftiger Schmerz langwierig sein kann, so währete auch der meinige nur so lange, bis ich mich erinnerte, dass mir Padmanaba doch ein Mittel gelassen hatte, die Ehre meiner Tugend zu retten. Was soll ich ihnen sagen, Prinz Biribinker? Mehr als fünfzig tausend Prinzen und Ritter haben seit mehr als einem Jahrhunderte das Abenteuer vergeblich unternommen, das sie allein fähig waren, zu stand zu bringen. Von was für Klagen, was für Verwünschungen erschallte nicht dieser Wald, wenn diese Unglücklichen statt einer reizenden Nymphe, die sie umfangen wollten, plötzlich ein ungeheures Crocodil der Abscheu, den eine so demütigende Erinnerung mir verursacht, lässt mich nicht weiter reden;