1772_Wieland_108_116.txt

schon zu spät, die Nymphen waren wieder verschwunden, und indem er hinter der Hecke hervor gehen wollte, fehlte es nicht viel, dass er mit dem Kopf an die Stirne seiner Erretterin angeschlagen hätte; die im Begriff war, ihn zu suchen. Er erstaunte ungemein, da er sie sah. Wie? Madame, rief er aus, nennen sie das angekleidet sein?

Warum nicht? antwortete die Nymphe; sehen sie denn nicht, dass ich in einen siebenfachen Schleier von Leinwand eingewickelt bin? – Das gestehe ich, sagte der Prinz; wenn das Leinwand ist, so möchte ich wohl denjenigen sehen, der sie gewebt hat; denn das feinste Spinnen-Gewebe ist Segeltuch gegen dieses. Ich hätte geschworen, dass es Luft wäre. Es ist die feinste Art von gewebtem wasser, versetzte sie, von einer Art trocknem wasser, welches von Polypen gesponnen, und von unsern Mädchen gewebt wird; es ist die gewöhnliche Kleidung, die wir andern Ondinen zu tragen pflegen. Was für eine andere wollen sie, dass wir haben sollen, da wir uns weder vor Frost noch Hitze zu verwahren brauchen? Der Himmel verhüte, sagte Biribinker, dass ich ihnen eine andere wünsche; aber mich deucht, wenn sie es nicht ungnädig nehmen wollen, sie hätten vorhin nicht nötig gehabt, so viel Umstände zu machen, wie sie aus dem Bade steigen wolltenhören sie, mein Herr von Honigseim, sagte die Nymphe mit einem kleinen spöttischen Naserümpfen, das ihr sehr gut liess; wenn ich ihnen raten dürfte, so gewöhnten sie sich das moralisieren ab, denn es ist gerade das, worauf sie sich am wenigsten verstehen. Wissen sie denn nicht, dass der Gebrauch über die Anständigkeit entscheidet? Man sieht wohl, dass sie die Welt nie anders als in einem Bienen-Korbe gesehen haben, und sie würden sehr wohl tun, wenn sie nach dem Rat des weisen Avicenna über nichts urteilten, was sie zum erstenmal sehen. Aber lassen sie uns von etwas anderm reden. Sie haben noch nicht zu Mittag gegessen, nicht wahr? und so verliebt sie immer, mit gewissen Ausnahmen, in ihr Milchmädchen sind, so weiss ich doch wohl, dass sie nicht gewohnt sind, von Seufzern zu leben.

Nach diesen Worten blies sie wieder in ihr kleines Ammonshorn, und augenblicklich stiegen drei Nymphen aus dem Brunnen hervor. Die erste brachte einen kleinen Tisch von Bernstein, der von drei Gratien empor gehoben wurde, die aus einem einzigen Ametyste geschnitten waren. Die andere breitete eine Matte von den feinsten gespaltenen Binsen darüber aus, und die dritte trug ein Körbchen auf dem kopf, aus dem sie verschiedene bedeckte Muscheln auf den Tisch stellte. Man sagt mir, sie essen nichts als Honig, sprach die Nymphe zu Biribinker, sie sollen einen kosten, der nicht der schlimmste ist, ob er gleich aus lauter Seegewächsen gezogen wird. Der Prinz versuchte ihn, und fand ihn so gut, dass er bei nahe die Schale mit verschluckt hätte. Wie sie abgespeist hatten, erschienen zwo andere Najaden mit einem kleinen Schenktisch von Saphir, der mit einer Menge Trinkschalen aufgesetzt war. Sie waren alle aus gediegenem wasser geschnitzt, hart wie Diamant, durchsichtig wie Cristall, und wie es schien mit lauter Brunnenwasser angefüllt. Aber wie Biribinker davon kostete, befands sichs, dass die besten persischen Weine Phlegma dagegen waren. Gestehen sie, sagte die Ondine, dass sie hier nicht schlimmer sind, als bei der Fee Cristalline, bei der sie die vergangene Nacht zugebracht haben.

Sie sind allzubescheiden, schönste Ondine, antwortete der Prinz, dass sie sich mit einer Fee vergleichen, die in allen Stücken so weit unter ihnen ist.

Wieder übel geschlossen! erwiderte die Nymphe; ich sagte das nicht aus Bescheidenheit, sondern nur, um zu hören, was sie mir darauf antworten würden.

Aber ich bitte sie; meine Göttin, sagte der Prinz, wie geht es zu, dass sie so gute Nachrichten von mir haben? So bald sie mich sehen, nennen sie mich bei meinem NamenSie sehen daraus, antwortete die Nymphe, dass ich eine so gute Kennerin bin als die Fee Cristalline – "Sie wissen, dass ich in einem Bienen-Korb erzogen worden bin" – das riecht man ihnen auf zwanzig Schritte weit an-"dass ich ein Milchmädchen liebe" – O! ja, wie man noch nie geliebt hat, und dass sie noch verliebter sind, seit dem sie eine Schäferin worden ist; und wer weisst, wie weit sie ihr Glück getrieben hätten, wenn nicht der Riese CaraculiamborixAber haben sie keinen Kummer; sie sollen sie wieder sehen, und so glücklich sein, als man in Besitz eines Milchmädchens nur immer sein kann.

O! rief Biribinker, bei dem die Getränke der Ondine mächtig zu würken anfingen, kann man etwas anders zu sehen oder zu besitzen wünschen, nachdem man sie gesehen hat, göttliche Ondine? Ich erinnere mich nur nicht mehr, dass ich vorher Augen hatte, und der Augenblick, da ich sie zum erstenmal sah, ist der Anfang meines Daseins. Ich kenne und wünsche mir keine andere Glückseligkeit, als zu ihren Füssen von dem Feuer verzehrt zu werden, das ihr erster blick in meiner Brust entzündet hat.

Prinz Biribinker, antwortete die Ondine, sie haben einen schlimmen Lehrmeister in der Redekunst gehabt; Ich hätte gedacht, die Fee Cristalline sollte ihnen die lächerliche Meinung benommen haben, dass man uns