1772_Wieland_108_113.txt

nach Regeln beurteilen, denen sie als Wesen von einer andern klasse nicht unterworfen sind. Aber ihr Gewäsche, sagte Don Eugenio, die Delicatesse ihrer Empfindungen, ihre Tugend! Was sagen sie dazu? Ich halte es für eine so kitzliche Sache von Feen zu urteilen, dass ich lieber nichts davon sagen will, antwortete Don Sylvio; und das bei dieser gelegenheit um so mehr, als in der Tat die geschichte des Prinzen Biribinker in allen Betrachtungen die ausserordentlichste Feen-geschichte ist, die ich jemals gehört habe. Was den charakter der Fee Cristalline betrifft, sagte Don Gabriel, so gibt ihn der Geschichtschreiber für nichts bessers als er ist, und ich glaube, dass man ihn allenfalls tadelhaft finden könnte, ohne der Ehrfurcht gegen die Feen zu nahe zu treten; im übrigen werden sie doch gestehen, Don Eugenio, dass ihr Gewäsche nicht halb so langweilig ist, als es ihnen aus meinem mund gewesen sein mag, so bald sie sich an des Prinzen Stelle setzen. Man hört eine schöne person allemal gern, wenn man sie sieht, und wenn sie eine wohl klingende stimme hat; sie überzeugt und rührt, ohne dass man darauf acht gibt was sie sagt, und würde gemeiniglich nicht viel dabei gewinnen, wenn man darauf acht gäbe. Wenn sie unserm Geschlecht keine schönere Complimente zu machen haben, sagte Donna Felicia, so täten sie besser ihre Erzählung fortzusetzen, so langweilig sie immer sein mag.

Don Gabriel versprach, sein möglichstes zu tun, um sie kurzweiliger zu machen, und fuhr also fort: Der Prinz Biribinker steckte die Erbsen-Schote zu sich, bedankte sich gegen die Fee für alle ihre Gütigkeiten, und stieg in den Hof herab. Sehen sie hier, sagte Cristalline, die ihn begleitete, sehen sie hier ein Mauleier, das vielleicht wenige seines gleichen hat. Es stammt in gerader Linie von dem berühmten trojanischen Pferd und der Eselin des Silenus ab. Von der väterlichen Seite hat es die Eigenschaft dass es von Holz ist, und weder Futter noch Streue noch Striegel nötig hat, und von der mütterlichen, dass es einen überaus sanften Trab geht, und so gedultig ist wie ein Schaf. Steigen sie auf, und lassen es gehen, wohin es will; es wird sie zu ihrem geliebten Milchmädchen bringen, und wenn sie nicht so glücklich sein werden als sie wünschen, so wird die Schuld nur an ihnen selbst sein.

Der Prinz besahe dieses ausserordentliche Tier von allen Seiten und hatte alle die Wunderdinge, die ihm in diesem Schloss begegnet waren nötig, um ihm so viel Gutes zuzutrauen, als ihm die Fee nachgerühmt hatte. Indessen, dass er aufstieg, wollte ihm Cristalline noch eine probe geben, dass sie nicht zu viel von ihrer Macht gesagt hatte. Sie schlug mit ihrem Stab dreimal in die Luft, und siehe! auf einmal erschienen alle zehen tausend Sylphen, welche ihr der Stab des Padmanaba untertänig machte; der Hof, die Treppe, die Galerie, und sogar die Dächer und die Luft wimmelte von geflügelten Jünglingen, wovon der geringste den vaticanischen Apollo an Schönheit übertraf. Bei allen Feen, rief Biribinker, von diesem Anblick ausser sich selbst gesetzt, was für einen glänzenden Hof sie haben! Lassen sie den kleinen Grigri immer eine Hummel bleiben, Madame, und halten sie sich an diese hier; es müsste unglücklich sein, wenn unter allen diesen liebes-Göttern keiner fähig sein sollte, ihnen einen Gnomen zu ersetzen, der ihrem eigenen Geständnis nach keinen andern Vorzug vor seinen missgeschaffnen Gesellen hatte, als dass er auf eine kurzweiligere Art ungestalt war. Sie sehen wenigstens, versetzte Cristalline, dass es mir nicht an Gesellschaft fehlt, die mich wegen ihrer Unbeständigkeit trösten kann, wenn es mir jemals einfallen sollte, dass ich getröstet sein wollte.

Mit diesen Worten wünschte sie ihm eine glückliche Reise, und Biribinker trabte auf seinem hölzernen Maultier davon, indem er allem demjenigen nachdachte, was ihm in diesem wundervollen schloss begegnet war.

Zweites Capitel

Fortsetzung der geschichte des Prinzen Biribinker

Ich will ihnen, fuhr Don Gabriel in seiner Erzählung fort, die manchfaltigen Betrachtungen erlassen, welche Biribinker unterwegs mit sich selbst anstellte, um ihnen zu sagen, dass er gegen Mittag, da die Hitze unerträglich zu werden anfing, an dem Eingang eines Waldes abstieg, und sich an den Rand eines kleinen Bachs setzte, der von Bäumen und Gebüschen umschattet war. Nicht lange so erblickte er eine Schäferin, die eine kleine Herde rosenfarber Ziegen vor sich her trieb, um sie an dem Bache zu tränken, wo Biribinker im Schatten lag.

Denken sie, Don Sylvio, wie gross seine Entzükkung sein musste, als er in dieser jungen Hirtin sein geliebtes Milchmädchen erkannte! Sie kam ihm noch zehenmal schöner vor, als da er sie das erstemal gesehen hatte; aber was ihn am meisten erfreute, war, dass sie an statt vor ihm zu fliehen immer näher herbei kam, und sich endlich, (wie es schien) ohne ihn zu bemerken, nicht weit von ihm ins Gras setzte. Der Prinz unterstund sich nicht sie anzureden, aber er sah sie mit so durchdringenden feurigen Blicken an, dass die Steine im Bache bei nahe davon in Glas verwandelt worden wären. Die schöne Schäferin, welche sehr kalter natur sein musste, um von so kräftigen Blicken nicht geröstet zu werden, flochte indessen ganz gelassen einen Blumenkranz, und unterliess nicht von Zeit zu Zeit einen Seitenblick auf ihn zu werfen, worin er nichts weniger als Unwillen