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Weile fortsetzte, allein zuletzt musste sie doch wieder einer andern Platz machen, und so ging es an einem fort, bis er zu haus anlangte. Kurz, der blaue Sommer-Vogel und die schöne Schäferin hatten seiner Phantasie einen so ausserordentlichen Schwung gegeben, dass man sich nicht irren kann, wann man in kurzem sehr seltsame Würkungen davon erwartet.

Es möchte übrigens scheinen, als ob die Torheit unsers jungen Ritters seit einiger Zeit so stark zugenommen habe, dass der verdächtige Zustand seines Gehirns seiner scharfsichtigen Tante unmöglich habe verborgen bleiben können. In der Tat wäre es auch nicht anders gewesen, wenn diese Dame Zeit und Musse gehabt hätte, ihren Neffen zu beobachten. Allein ausser dem, dass sie ihn, seitdem er das siebenzehente Jahr zurück gelegt, aus der engern Aufsicht und der strengern Zucht freigelassen hatte, die sich für sein Alter nicht mehr schickten; so war sie seit einigen Wochen mit einer gewissen Sache beschäftiget, um derentwillen sie öfters abwesend zu sein, und in das benachbarte Städtchen zu fahren genötiget war.

Vermutlich musste diese Angelegenheit von nicht geringer Wichtigkeit für sie sein; denn, wenn sie wieder zurück kam, schien sie wider ihre Gewohnheit so tiefsinnig und zerstreut, bekümmerte sich so wenig um die Geschäfte des Hauses, redete so viel mit sich selber, und so wenig in Gesellschaft, und sagte, wenn sie mit den Bedienten zu reden hatte, so oft eines für das andre, dass ausser ihrem Neffen jedermann über eine so grosse Veränderung sich nicht genug verwundern konnte.

Es ist leicht zu erachten, dass man über die Ursache derselben allerlei Vermutungen anstellte; allein die Vorsichtigkeit der Donna Mencia, und die Verschwiegenheit der Dame Beatrix hielten so gut aus, dass die Sache ein Geheimnis blieb; und das wollen wir sie auch so lange bleiben lassen, bis die Zeit, die endlich alles offenbar macht, sie zu demjenigen Punct der Reife gebracht haben wird, worin Geheimnisse von dieser Art sich insgemein selbst zu verraten pflegen.

Neuntes Capitel

Folgen des Abenteuers mit dem Sommer-Vogel

Der Leser wird mit einer neuen person bekannt

gemacht

Der getreue Pimpimp hatte seine Zeit so wohl genommen, dass er mit seinem Herrn eben anlangte, als es Zeit war zu Tische zu gehen. Ein tiefes Stillschweigen herrschte über der Tafel, und Don Sylvio war, wie man leicht denken kann, derjenige nicht, der es unterbrochen hätte. Er war zu sehr in seine Angelegenheiten vertieft, als dass er hätte bemerken sollen, wie sehr es seine gnädige Tante in die ihrige war. Eben so wenig beobachtete er, dass sie sich ungewöhnlich geputzt hatte, und dass sie von Zeit zu Zeit in einen gegenüberstehenden Spiegel Gesichter machte, welche dem Pedrillo, der bei Tisch aufwartete, so sonderbar vorkamen, dass er sich in die Lippen beissen musste, um nicht überlaut zu lachen.

Nach dem Essen kündigte Donna Mencia ihrem Neffen an, dass sie in Geschäften genötiget sei, in die Stadt zu fahren und darin über Nacht zu bleiben.

Don Sylvio war zu höflich einige Neugierigkeit über die natur dieser Geschäfte merken zu lassen, und er konnte es desto leichter sein, da er in der Tat keine hatte. Sie schieden also sehr vergnügt von einander, und unser junger Ritter verschwand bald darauf, ohne dass jemand im haus gewahr wurde, wohin er ging.

Da er gewohnt war, die Sieste in seinem grünen Schloss zu halten, so vermisste man ihn nicht eher als da es Abendessens Zeit war. Man suchte ihn hierauf im haus, im Garten, in den Feldern, im Wald, aber überall umsonst; Man rief seinen Namen, aber da war kein Don Sylvio.

Der vorgedachte Pedrillo, ein junger Bursche aus dem dorf, der ihm zur Aufwartung gegeben war, eine Küchenmagd, ein Stallknecht und die schöne Maritorne, deren wir schon erwähnt haben, machten in Abwesenheit der Donna Mencia und der Dame Beatrix, ihrer getreuen Kammerfrau, die ganze Hausgenossenschaft aus. Diese vier guten Leute waren nicht wenig betrübt darüber, dass sie nicht wussten, was aus ihrem jungen Herrn geworden sei; denn sie liebten ihn wegen seines angenehmen und leutseligen Wesens recht herzlich. Nachdem sie ihn nun beim Mondschein bis in die späte Nacht umsonst gesucht hatten, kamen sie endlich auf den Gedanken, dass er vielleicht zu seiner Tante gegangen sei; denn das Städtchen war kaum drei Stunden weit vom Schloss entfernt. Sie gingen also heim und legten sich schlafen.

Allein Pedrillo, der oft genug um seinen Herrn war, dass ihm seine Neigung zur Feerei nicht unbekannt sein konnte, kam bei näherm Nachdenken auf die Vermutung, dass er sich auf einem seiner gewohnten Spaziergängen im wald, vielleicht über irgend einem Abenteuer, verirrt haben möchte. Er stunde also den folgenden Morgen früh auf, und durchstöberte nochmals den ganzen Wald, ohne glücklicher zu sein als den Abend zuvor.

Er wollte eben wieder heimkehren, als er in einem Felsen, um welchen etliche Reihen von wilden Lorbeer-Bäumen im Cirkel stunden, eine mit Geissblatt bewachsene Höhle gewahr ward.

Pedrillo, dem es ungeachtet seiner ziemlich schafmässigen Mine nicht an Witz fehlte, und der in den Ritterbüchern und Märchen nicht weniger bewandert war als sein Herr, hielt diesen Ort für Feen-mässig genug, dass er ihn vielleicht darin finden könnte. Er betrog sich nicht; denn wie er an den Eingang der Grotte kam, sah er ihn auf einem Lager von Moos und Blumen ausgestreckt in tiefem Schlafe liegen; der kleine Pimpimp schlief zu seinen