1772_Wieland_108_108.txt

verlor sie in einem dichten Gebüsche, wo er den ganzen Tag hin und wieder lief, und jedem Rasseln und Flüstern, das er hörte, nachging, ohne dass er die mindeste Spur von ihr finden konnte.

Indessen war die Sonne untergegangen, und er befand sich unvermerkt an der Pforte eines alten Schlosses, welches halb eingefallen schien. Denn es ragten allentalben Mauerstücke von Marmor und umgestürzte Säulen von den kostbarsten Edelsteinen aus dem Gesträuch hervor, und er stiess sich alle Augenblicke an Trümmern, wovon der schlechteste eine Insel auf dem festen land wert war. Er merkte hieraus, dass er bei dem Palast sei, wovon ihm sein guter Freund, die Hummel gesagt hatte, und hoffte, (wie die verliebten hoffnungsvolle Leute zu sein pflegen) sein holdseliges Milchmädchen vielleicht hier zu finden. Er arbeitete sich durch drei Vorhöfe durch, und kam endlich an die Treppe von weissem Marmor. Zu beiden Seiten stunde auf jeder Stufe, deren zum wenigsten sechzig waren, ein grosser geflügelter Löwe, der bei jedem Atemzug so viel Feuer aus seinen Naslöchern schnaubte, dass es heller als bei Tag davon wurde; aber es versengte ihm nur nicht ein Haar, und die Löwen sahen ihn nicht so bald, so spannten sie ihre Flügel aus, und flohen mit grossem Gebrüll davon.

Der Prinz Biribinker ging also hinauf, und kam sogleich in eine lange Galerie, wo er die offnen Zimmer fand, wovor ihn die Hummel gewarnt hatte. Ein jedes derselben führte in zwei oder drei andere, und die Pracht, womit sie eingerichtet und ausgeschmücket waren, übertraf alles, was sich seine EinbildungsKraft vorstellen konnte, ungeachtet ihm die Feerei nichts neues war. Allein dieses mal nahm er sich wohl in acht, seiner Neugier, o den Zügel zu lassen, und ging so lange fort, bis er an eine verschlossene tür von Ebenholz kam, an welcher ein goldener Schlüssel steckte. Er versuchte lange vergeblich ihn umzudrehen; aber so bald er den Namen Biribinker ausgesprochen hatte, sprang die tür von sich selbst auf, und er befand sich in einem grossen Saal, dessen Wände ganz mit crystallenen Spiegeln überzogen waren. Er wurde von einem diamantnen Cronleuchter erhellt, an welchem in mehr als fünf hundert Lampen lauter ZimmetÖl brannte. In der Mitte stunde ein ovaler Tisch von Elfenbein mit smaragdenen Füssen, für zwo Personen gedeckt, und zur Seiten zwei Schenktische von Lasur-Stein, die mit goldenen Tellern, Bechern, Trinkschalen und anderm Tisch Geräte versehen waren. Nachdem er alles, was sich in diesem saal seinen Augen darbot, eine gute Weile voller Erstaunen betrachtet hatte, erblickte er eine tür, durch die er in verschiedene andere Zimmer kam, wovon immer eines das andere an Pracht der Auszierung überglänzte. Er besah alles Stück vor Stück, und wusste nicht mehr, was er davon denken sollte. Die Zugänge zu diesem Palast hatten ihm ein zerstörtes Schloss angekündiget; das Inwendige schien keinen Zweifel übrig zu lassen, dass es bewohnt sei; und doch sah und hörte er keine lebendige Seele. Er durchging alle diese Zimmer noch einmal, er suchte überall, und entdeckte endlich in dem letzten noch eine kleine tür in den Tapeten. Er öffnete sie, und befand sich in einem Cabinet, worin die Feerei sich selbst übertroffen hatte. Ein angenehmes Gemisch von Licht und Schatten erheiterte es, ohne dass man die Quelle dieser zauberischen Dämmerung entdecken konnte. Die Wände von poliertem schwarzem Granit stellten, wie eben so viele Spiegel, verschiedene Scenen von der geschichte des Adonis und der Venus mit einer Lebhaftigkeit vor, die der natur gleich kam, ohne dass man erraten konnte, durch was für eine Kunst diese lebende Bilder sich dem Stein einverleibet hatten. Liebliche Gerüche wie von Frühlingswinden aus frisch aufblühenden Blumenstöcken herbei geweht, erfüllten das ganze Gemach, ohne dass man sah, woher sie kamen, und eine stille Harmonie, wie von einem Concert, das aus tiefer Ferne gehört wird, umschlich eben so unsichtbar das bezauberte Ohr, und schmelzte das Herz in zärtliche sehnsucht. Ein wollüstiges Ruhebett, von welchem ein marmorner liebes-Gott, der zu atmen schien, den wallenden Vorhang halb hinweg zog, war das einzige Geräte in diesem anmutsvollen Ort, und erweckte in dem Herzen unsers Prinzen ein gehemmisvolles Verlangen nach etwas, wovon er, so neu als er noch war, nur dunkle Begriffe hatte, ob ihm gleich die Tapeten, die er sehr aufmerksam und nicht ohne eine süsse Unruhe betrachtete, einiges Licht zu geben anfingen. In diesen Augenblicken stellte sich ihm das Bild des schönen Milchmädchens mit einer neuen Lebhaftigkeit dar, und nachdem er eine Menge vergeblicher Klagen über ihren Verlust angestimmt hatte, fing er von neuem an zu suchen, bis er es müde wurde. Weil er nun diesesmal nicht glücklicher war als vorher, so begab er sich wieder in das Cabinet mit dem Ruhebette, zog seine Kleider aus, und war im Begriff sich niederzulegen, als eines der unvermeidlichsten Bedürfnisse der menschlichen natur ihn nötigte, sich unter dem Bette umzusehen. Er fand wirklich ein Gefäss von Crystall, an welchem noch Merkmale zu sehen waren, dass es vor zeiten zu einem solchen Gebrauch gedient hatte. Der Prinz fing schon an es mit Pomeranzen-Blüt- wasser zu begiessen, als er, o Wunder, das crystallene Gefäss verschwinden, und an dessen statteine junge Nymphe vor sich stehen sah, die so schön war, dass es unmöglich hätte scheinen sollen, so sehr über sie zu erschrecken, als der Prinz