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nachdem er sich wieder gefasst hatte, so haben wir nicht nötig uns hierüber zu beunruhigen. Was hindert uns zu glauben, dass die Zigeunerin, die Hyacinten raubte, die Fee gewesen sei, die ihre Schwester unsichtbar gemacht hat? Wir wollen uns nicht bei dem Namen aufhalten. Glauben sie mir, alle ihre Carabossen, Fanferlüschen, Concumbern und Magotinen sind nicht mehr noch weniger Feen gewesen als diese Zigeunerin, und wer weisst, ob sich nicht am Ende zeigen wird, dass die Feerei an Hyacintens geschichte mehr Anteil gehabt, als sie sich selbst einbildet? Don Sylvio fand diese idee sehr gut, und beide strengten nunmehr allen ihren Witz an, sich in einer Einbildung zu bestärken, die ihren Neigungen schmeichelte. Unser Held zweifelte nicht, dass sich das Geheimnis in kurzem, und ehe man sich dessen versehen würde, durch die plötzliche Erscheinung der Feen von selbst aufklären werde; und Don Eugenio machte von neuem Anstalten, die Zigeunerin, von der er über die Genealogie seiner geliebten Hyacinte mehr Licht erwartete als von allen Feen der ganzen Welt, herbei zu schaffen, sie möchte sich auch verkrochen haben, wohin sie wollte.

Während dieser Unterredung hatte sich Donna Felicia in ihr Cabinet begeben, wo sie, indessen dass Laura mit Hyacintens Aufputz beschäftiget war, das Vergnügen hatte ihren Gedanken ungestört Gehör zu geben. Ohne Zweifel hatte sie Ursache genug mit den Vorteilen zufrieden zu sein, die sie bereits über sein Herz erhalten hatte. Sie würde es auch vielleicht gewesen sein, wenn ihr Herz weniger Anteil an ihren Absichten gehabt hätte, als ihre Eitelkeit. Aber die Liebe ist, wie man weisst, so furchtsam, dass sie sich oft am weitesten von ihrem Glück entfernt zu sein glaubt, wenn sie ihm am nächsten ist. Donna Felicia befand sich diesesmal in diesem Fall, und die übertriebene Vorstellung, die sie sich von der Schwierigkeit machte, den blauen Schmetterling aus seinem Herzen zu verdrängen, beredete sie, dass es unumgänglich notwendig sei ihn mit stärkern Waffen zu bekämpfen als bisher. Insonderheit hielt sie es für sehr nachteilig, wenn sie ihm Zeit lassen würde, sich in Gegen-Verfassung zu setzen; ihrer Meinung nach konnte sein Herz nicht anders als mit Sturm erobert werden, und eine jede Minute, worin es nicht von ihren Blicken beschossen wurde, schien ihr die Lükken wieder zu ergänzen, so sie darinne gemacht haben könnten. Unter diesen Betrachtungen fiel ihr ein, ihn zu ihrer Toilette rufen zu lassen, und nachdem sie diesen Gedanken in weniger als einer Viertelstunde wohl zwanzigmal gebilliget und wieder verworfen hatte, so behielt er doch zuletzt die Oberhand, und Laura bekam einen Wink, ihm, (wiewohl nur in ihrem eigenen Namen) zu verstehen zu geben, dass ihre Dame sichtbar sei.

Wir hätten hier einen schönen Anlass unsere Geschicklichkeit so wohl in Gemälden, die eine gewisse Delicatesse des Pinsels erfordern, als in Zergliederung der Empfindungen und Entwicklung der zartesten Treibfedern des menschlichen Herzens zu zeigen, wenn wir uns in eine Beschreibung alles dessen einlassen wollten, was bei diesem Besuch, wobei Hyacinte und Laura gegenwärtig waren, vorgegangen. Allein da unsere Eitelkeit durch die Proben, die wir unsern Leser bereits hievon gegeben zu haben glauben, schon hinlänglich befriediget ist, so werden sie erlauben, dass wir, ohne unsre Bequemlichkeit ihrem Vergnügen aufzuopfern, uns für diesmal begnügen, ihnen zu sagen, dass die schöne Felicia ihre Absichten vollkommen erreicht habe, oder, wenn dieser Ausdruck zu unbestimmt scheinen möchte, dass alle die phantastischen Entzückungen, worein die Feen und die Liebe eines schimärischen Gegenstandes unsern Helden von Zeit zu Zeit gesetzt hatten, sich gegen diejenige, die er bei dieser gelegenheit erfuhr, gerade so verhielten, wie ein Schmetterling gegen eine reizende Witwe von achtzehen Jahren.

Wenn Donna Felicia bei ihrer Toilette Anlass gehabt hatte unserm Helden ihre materielle Schönheit in dem mannigfaltesten und vorteilhaftesten Lichte zu zeigen, so unterliess sie nicht über der Tafel seine Bezauberung durch die intellectualischen Reizungen ihres Geistes, die unter dem Flor der sichtbaren Schönheit so verführerisch sind, auf den höchsten Grad zu treiben. Die Nachmittags-Hitze war dieses mal so erträglich, dass man über dem Vergnügen einer aufgeweckten Conversation die gewöhnliche Sieste vergass, und Don Sylvio, der lauter auge, Ohr und Seele für seine Göttin war, würde so gar das Märchen vergessen haben, womit Don Gabriel die Gesellschaft zu regalieren versprochen hatte, wenn er, bei einem Spaziergang, den man des Abends in dem MyrtenWäldchen machte, nicht von Hyacinten daran erinnert worden wäre. Weil die Absicht dabei war eine probe zu machen, wie weit das Vorurteil und die Einbildung bei unserm Helden gehe, so hatte Don Gabriel die übrigen schon vorbereitet, von seinem Märchen den höchsten Grad des Abenteuerlichen und Ungereimten zu erwarten. Allein dieses machte sie nur desto begieriger zu sehen, wie er sich aus der Sache ziehen würde. Hyacinte hatte also kaum des Prinzen Biribinker erwähnt, so vereinigte sich die ganze Gesellschaft ihm anzuliegen, dass er ihre Ungeduld nach der versprochenen geschichte befriedigen möchte, und Don Sylvio selbst erwachte, so bald er hörte, dass von einem Feen-Märchen die Rede war, aus der süssen Träumerei, worein ihn die schöne Donna Felicia schon eine geraume Weile gesetzt hatte; so gross ist die Macht der Gewohnheit, und so wenig kann der vollkommenste Gegenstand von unserer Aufmerksamkeit Meister bleiben, so bald sich uns ein anderer, so klein und eitel er immer vergleichungsweise sein mag, darstellt, der einmal im Besitz ist, eine