1772_Wieland_107_99.txt

Vater der Liebe zu seinem Fürsten bringen kann, belohnen sollte! O Tifan! o du, dessen Leben ich mit dem Blute meines einzigen Sohnes bezahlen musste, sieh in meinen halb erloschnen Augen diese Tränen der Freude und der Zärtlichkeit! Ich hab ihn erlebt den grossen Tag, um dessentwillen es der Mühe wert ist, gelebt zu haben! Ich sehe deine Tugend von einem ganzen volk anerkannt, mit unbegrenztem Vertrauen, mit dem göttlichsten Lose, das einem Sterblichen zufallen kann, mit uneingeschränkter Macht Gutes zu tun, bekrönt. O Tifan! ich höre auf, dein Vater zu sein, um an Liebe, an Treue der erste deiner Untertanen zu werden. Ich kenne dein grosses, wohltätiges Herz! Welche Lehren könnte die Weisheit dir geben, die nicht der Finger der natur selbst in deine Seele geschrieben hat! Aber o mein Tifan! geliebtester, bester der Menschen! wie könnt ich vergessen, dass du mit allen deinen Tugenden, mit allen deinen Vorzügen, doch nurein Mensch bist? dass du Schwachheiten und Bedürfnissen, Irrtümern und Leidenschaften, eben so wie der geringste deiner Untertanen, ausgesetzt bist? Möchtest du uns dies durch die Menge deiner guten Taten, durch den unbefleckten Glanz eines der Tugend geheiligten Lebens vergessen machen! Möchten wir immer in dir das sichtbare Ebenbild einer weisen und wohltätigen Gotteit erkennen, und nur alsdann, wenn wir an deine Sterblichkeit zu denken gezwungen sind, mit Zittern fühlen, dass du weniger als eine Gotteit bist! Aber, o Tifan! wenn jemalsHimmel, lass meine Augen sich auf ewig am Anbruche des traurigen Tages schliessen! – wenn jemals deine Seele ihrer eigenen Würde und ihrer glorreichen Pflichten vergessen, jemals zu einer unedeln leidenschaft oder zu einer ungerechten Tat herab sinken wollte – o Sohn meines königlichen Freundes und der meinige, möchte dich dann die Erinnerung an deinen Dschengis, wie der Arm eines Genius, vom rand des Abgrundes zurück ziehen! Möchte dir dann – – doch nein! niemals, niemals sollich schwör es bei der Tugend für die ich dich gebildet habe, niemals wird die schreckliche Stunde kommen, wo dich das Bild deines Dschengiswie er, vom Blute seines einzigen Sohnes bespritzt, unter der furchtbaren Hülle der Nacht dich auf seinen bebenden Armen tragend, aus Scheschians Mauern entflieht, – wo dies um Rache rufende Bild vonnöten wäre, den Vater seines Volkes, den Besten der Fürsten, zur Tugend zurück zu schrecken! Nein! bessre Ahnungen, frohe lichtvolle Aussichten stellen sich meiner beruhigten Seele dar. Mit den Segnungen deines Volkes und mit meinen Freudentränen bezeichnet, wird jeder Tag deines königlichen Lebens zum Himmel empor steigen, die guten Taten, womit du ihn erfüllt hast, zu den Füssen des Königs der Könige niederzulegen. Ich, – diese edlen von Scheschian, die Mitgenossen deines Ruhms, und deine Gehülfen in dem grossen Werke, dein Volk glücklich zu machen, – dieses unzählbare Volk, welches sein Wohl in deine hände gelegt hat, – wir alle werden uns selig preisen, deine zeiten erlebt zu haben, und, mit einem belohnenden blick auf mein glückliches Vaterland und dich, werden sich einst die Augen deines alten Dschengis schliessen.'

Eine feierliche Stille hielt die ganze Versammlung gefesselt, und Tränen funkelten in jedem auf Dschengis und Tifan gehefteten Auge. Der neue König, von der Begeisterung seiner Empfindungen auf einen Augenblick überwältigt, warf sich mit ausgebreiteten Armen zur Erde; seine Augen, mit den Zeugen der innigsten Rührung erfüllt, starrten gegen Himmel. – 'Höre mich', rief er in einer heftigen Bewegung der Seele, 'höre mich, alles vermögender Herr der Schöpfung! Wenn jemals' –

Hier hielt er inne, als ob seine grosse Seele, durch eine plötzliche Wiederkehr zu sich selbst, gefühlt hätte, dass es einem Könige nicht gezieme, eine so heftige, wiewohl tugendhafte Bewegung, als diejenige wovon sein Herz erschüttert war, vor den Augen seines Volkes ausbrechen zu lassen. Er schwieg auf einmalaber man sah in seinen aufgehobnen Augen, dass sein Geist unter grossen Empfindungen arbeitete.

Noch immer schwebte stilles Erwarten auf der Versammlung. Endlich raffte sich Tifan wieder auf; er stand mit dem ganzen Anstand eines Königes, der die Majestät seines übernommenen Amtes fühlt, sah mit einem ernsten blick voll Liebe über sein Volk hin, und dann sprach er:

'Die Empfindungen, die mein Herz in dieser feierlichen Stunde erfüllen, sind zu gross, mit Worten ausgedruckt zu werden. In eben diesem entscheidenden Augenblicke, da ihr, einst meine Brüder und nun meine Kinder, mich für euern König anerkannt habt, wurde mir von dem unsichtbaren Herrn des himmels und der Erde die Handhabung seiner gesetz unter euch aufgetragen; dies ist der Augenblick, wo ich in eurer stimme-Gottes stimme höre. Ihm werde ich von nun an von der Gewalt Rechenschaft geben müssen, die er durch euch mir anvertraut hat. Ich bin berufen, einen jeden unter euch bei jedem geheiligten Rechte der Menschheit und des bürgerlichen Standes zu schützen; aber ich bin auch berufen, einen jeden unter euch zur Erfüllung seiner Bürgerpflichten anzuhalten. Ich kenne und fühle die ganze Wichtigkeit meines Amtes, und im Angesichte der Erde und des himmels weihe ich ihm alle Kräfte meines Lebens. Ihm in seinem ganzen Umfange genug zu tun, erforderte die Kräfte einer Gotteit, und ich bin nur ein Mensch. – Ohne eure Mitwirkung, ohne eifriges Bestreben eines jeden unter euch, nach den besonderen Verhältnissen seines