"Gut, Danischmend, wir kennen einander. Langweilige Erzählungen haben die Gabe nicht, mich einzuschläfern; sie machen mich ungehalten. Wir wissen nun einmal, dass du aus deinem Tifan einen König machen willst; und da die Sache bloss von dir abhängt, so kannst du mich nicht mehr verbinden, als wenn du die Zurüstungen abkürzest, so viel nur immer möglich sein wird."
"Der Name Dschengis" (fuhr Danischmend fort), "welcher bei allen, die noch aus Azors zeiten übrig waren, in Ansehen stand, trug nicht wenig bei, den jungen Tifan bei seinem ersten Auftritt in Scheschian in ein vorteilhaftes Licht zu stellen. Die vaterländische Partei empfing ihn mit offnen Armen; und da er bei jeder gelegenheit die Meinung rechtfertigte, die man beim blossen Anblick von ihm fasste, so gewann er bald das Vertrauen und die Hochachtung seiner Mitgenossen. Das Unglück der Zeit schien das erschlaffte sittliche Gefühl der Scheschianer wieder erweckt zu haben. Tifan stellte ihnen in einem Alter, mit welchem Weisheit beinahe unverträglich scheint, ein Muster der Vollkommenheit dar, dem sie anfangs ihre Bewunderung und zuletzt ihre Liebe nicht versagen konnten. Er war tapfer ohne Verwegenheit, behutsam ohne Unschlüssigkeit, behend ohne Übereilung. Er forderte immer mehr von sich selbst als von andern, und regierte seine Untergebenen mehr durch sein Beispiel als durch Befehle. Sein Geist entwickelte bei jeder gelegenheit die Geschicklichkeiten, die das Geschäft voraus setzte. Musste ein Entwurf gemacht werden: Tifan übersah die ganze Lage der Sache, sah das Verhältnis seiner Mittel zu den Hindernissen, begegnete zum voraus den Zufällen die seine Anschläge durchkreuzen konnten, und bemächtigte sich aller Vorteile, die sein scharfer blick in den Umständen des Geschäftes entdeckte. War es um die Ausführung zu tun: niemand übertraf ihn an Feuer, an Standhaftigkeit, an unermüdlicher Geduld, an Geschicklichkeit unvorhergesehene Zufälle seinem Plane förderlich zu machen, die Fehler seiner Gegner zu benutzen, oder seine eigenen zu vergüten. Mit allen diesen Talenten verband er die reinsten Sitten, unverzärteltes Gefühl, Geringschätzung der körperlichen Wollüste, Gleichgültigkeit gegen alle Reizungen zur Untreue an seinen Pflichten, Leutseligkeit und Sanftmut gegen seine Untergebenen, Ehrerbietung gegen Alter, Weisheit und geprüfte Tugend, einnehmende gefälligkeit gegen seinesgleichen; wiewohl er in der Tat mit allen diesen Eigenschaften der einzige in seiner Art war. Und, was seinem Verdienste die Krone aufsetzte, er fand das Geheimnis, mit so vielen Vollkommenheiten von jedermann geliebt zu werden."
"Dies Geheimnis braucht doch wohl keines für uns zu sein?" sagte Gebal mit einem Blicke, wodurch er den Erzähler in Verlegenheit setzen zu wollen schien.
"Auf keine Weise", erwiderte Danischmend: "das ganze Geheimnis besteht in einem Hausmittel, das leicht zu entdecken, aber nicht leicht zu gebrauchen ist. Eine ungezwungene Bescheidenheit zog einen Schleier über seine Vorzüge, der ihren Glanz milderte, ohne verhindern zu können dass sie Aufmerksamkeit und Bewunderung erregten. Seine Bemühung gegen jedermann gerecht zu sein, geringere Verdienste zu sich empor zu heben, und den Belohnungen, welche ihn suchten, auszuweichen, so lange noch jemand da war der ein näheres Recht zu haben glauben konnte; seine Bereitwilligkeit, unter Männern zu dienen die er an Talenten weit übertraf; seine Geschicklichkeit ihnen bei entscheidenden Gelegenheiten seine Gedanken, als ob es die ihrigen wären, unterzulegen, und die Uneigennützigkeit sie den Ruhm geniessen zu lassen, den er für sie verdient hatte, zufrieden wenn nur das Gute getan wurde, der Anteil, den er selbst daran hatte, mochte bekannt werden oder unbekannt bleiben: alles dies versöhnte den Neid und die Eifersucht mit seinen Vorzügen. Seine Tugend warf so viel Glanz auf diejenigen, die um ihn waren, dass jedermann stolz darauf war in irgend einem Verhältnisse mit ihm zu stehen. 'Dies hat Tifan auf meinen Befehl getan', sagte ein alter Feldherr – 'ich focht an seiner Seite', sagte der junge Befehlshaber – 'wir hatten Tifan an unsrer Spitze', sagten die Gemeinen –, und jeder glaubte sich selbst durch nichts mehr Ehre machen zu können, als etwas durch Tifan, oder mit Tifan, oder unter Tifan getan zu haben."
"Wisst Ihr Danischmend", sagte der Sultan, "dass mir Euer Tifan zu gefallen anfängt? Es ist wahr, man merkt je länger je mehr, dass er nur der phantasierte Held eines politischen Romans ist. Aber, beim Bart des Propheten! man kann sich nicht erwehren zu wünschen, dass man dreissig Jahre jünger sein möchte, um eine so schöne Phantasie wahr zu machen!"
Niemals hatte Schach-Gebal etwas gesagt, das ein recht schönes Kompliment von Seiten seiner Gesellschaft besser verdient hätte. Danischmend, der bei solchen Gelegenheiten nicht sparsam zu sein pflegte, trieb, vermöge der gewöhnlichen Wärme seines Herzens, die Sache beinahe zu weit. Aber Schach-Gebal erklärte sich darüber auf eine Art, die ihn (wenigstens in unsern Augen) wirklich hochachtungswürdig macht. "Ich wünschte", sagte er, "so vollkommen zu sein, dass ihr Schmeichler in die Unmöglichkeit gesetzt wäret, zu viel Gutes von mir zu sagen. Aber seid versichert, ich täusche mich selbst nicht. Ich weiss, was an der Sache ist; mehr ist unnötig zu sagen. – Wo blieben wir, Danischmend?"
"Bei dem, was nach der damaligen Lage der Umstände die notwendige Folge von Tifans seltnen Verdiensten war. Tifan tat sich unter seiner Partei (zu welcher alles, was