Lehrmeisters auf halbem Wege entgegen. Sein Herz war zur Dankbarkeit, zur Freundschaft und zum Wohltun aufgelegt. Immer empfand er die Freude oder die Schmerzen derjenigen, die er liebte, stärker als seine eigenen. Er kannte keine süssern Augenblicke als diejenigen, worin er ihnen Vergnügen machen, oder irgend eine Unlust von ihnen entfernen konnte. Mit einer solchen Seele fühlt man, sobald man einige Kenntnis der Welt erlangt hat, einen innerlichen Beruf zu der edelsten Art von Tätigkeit. Ich glaube schon bemerkt zu haben, dass der junge Tifan, von der Stunde an, da ihm Dschengis einen Begriff von dem wirklichen Zustande der menschlichen Gattung gegeben hatte, den Geschmack an seinem eigenen Glücke verlor, und vor Begierde brannte, dem Elende seiner Mitgeschöpfe abzuhelfen; – einer Begierde, die in gewissem Sinn etwas Romanhaftes hat,38 aber dem ungeachtet die leidenschaft grosser Seelen und die Mutter der schönsten Taten ist. Dschengis bediente sich dieser augenblicke, den Prinzen zur künftigen Entdeckung seines Standes vorzubereiten. Er machte ihm Hoffnung, dass er vielleicht bestimmt sein könnte, seines Wunsches in einem höhern Grade, als er nach seinen itzigen Umständen hoffen dürfte, gewähret zu werden; und bestätigte diese Hoffnung durch eine Menge von Beispielen grosser Männer, welche aus der Dunkelheit hervor gegangen waren, um Wohltäter des menschlichen Geschlechtes zu werden. 'Die edlen Triebe, die du in dir fühlst', sagte er zu ihm, 'sind ein angeborner Beruf zu einer erhabenen und wohltätigen Bestimmung. Vielleicht hat die Vorsehung dich zum Werkzeuge grosser Dinge ausersehen. Ist dies ihre Absicht, so wird sie uns Wege dazu eröffnen, von welchen wir uns jetzt nichts träumen lassen. Dermalen kommt alles darauf an, dass wir nichts unterlassen was von uns abhängt. Bemühe dich, mein lieber Tifan, die Kenntnisse, die Geschicklichkeiten, die Tugenden zu erwerben, die eine solche Bestimmung voraussetzt; das übrige ist die Sache des himmels.'
Tifan kann also, da er seine Reisen unternahm, als ein junger Mensch betrachtet werden, der eine zwar noch unbestimmte aber doch entschlossene Neigung in sich fühlt, irgend eine edle Rolle auf dem Schauplatze der Welt zu spielen; und so ist, wie mich deucht, der Einwurf gehoben, den Ihre Hoheit gegen die Schicklichkeit der politischen Erziehung meines jungen Helden zu machen geruht haben."
"Aufrichtig zu sein, Danischmend", sagte der Sultan, "alles was mich an der Sache verdriesst, ist, dass ich nicht so glücklich war, in meiner Jugend einen Dschengis zu finden. Der arme Schach-Baham! Ihm kam es zu, einen solchen Mann für mich zu suchen. Aber es hätten zehen tausend Dschengisse in Indostan leben können, ohne dass er einen einzigen von ihnen ausfündig gemacht hätte. Für ihn waren alle Menschen gleich, diejenigen ausgenommen, welche Märchen erzählen und Bilder ausschneiden konnten; denn diese waren die grossen Männer in seinen Augen. – Fortgefahren, Herr Danischmend!"
"Dschengis hatte, nach einem Aufentalte von etlichen Monaten in Scheschian, hohe Zeit mit seinem Untergebenen unsichtbar zu werden; denn die Kundschafter, deren Eblis eine grosse Menge in allen Teilen des Reiches unterhielt, hatten ihm Nachricht von unsern Wanderern gegeben, welche seine argwöhnische Aufmerksamkeit rege machten. Aber durch die Vorsichtigkeit des alten Mentors waren sie in ihrer unbekannten Freistätte schon wieder geborgen, als der Befehl zu ihrem Verhaft anlangte.
Der junge Tifan ruhte einige Tage in den Armen seiner geliebten Tili von den Beschwerden einer mühsamen Reise aus. Der Genuss der lang entbehrten häuslichen Glückseligkeit, das Vergnügen, die Gespielen seiner Kindheit und die Gegenden, wo seine Seele die ersten angenehmen Eindrücke bekommen hatte, wieder zu sehen, schien eine Zeit lang diejenigen ausgelöscht zu haben, welche seine Wanderungen durch Scheschian in seinem Gemüte zurück gelassen hatten. Aber diese Erinnerungen wachten bald nur desto lebhafter auf; sie verfolgten ihn allentalben; und verbitterten die Wonne seines Lebens. Sein Herz machte ihm Vorwürfe, so oft er sich der Freude überliess; es war ihm, als ob er einen Genius in seine Seele flüstern höre: 'O Tifan! kannst du dich freuen, da Millionen Geschöpfe deiner Gattung so elend sind?'
Bald nach seiner Zurückkunft brachen die öffentlichen Unruhen in Scheschian aus. Dschengis, welcher gelegenheit gefunden hatte, mit einem zuverlässigen alten Freunde das vertraute Verständnis ihrer jüngern Jahre wieder zu erneuern, erhielt von ihm durch geheime Wege die genaueste Nachricht von allem was vorging. Er teilte sie wieder mit dem jungen Tifan, der vor Ungeduld brannte, die gemisshandelten Scheschianer an ihren Tyrannen gerochen zu sehen; und nun glaubte der Alte, dass es Zeit sei einen neuen Schritt zu tun, um den Prinzen zur Mitteilung seines grossen Geheimnisses vorzubereiten. Er entdeckte ihm also, dass er selbst aus einem edlen Geschlechte in Scheschian abstamme; dass er ehmals öffentliche Würden am hof des Königs Azor bekleidet habe, und ein Vertrauter des einzigen Bruders dieses Fürsten gewesen sei, aber bald nach dem tod des letzteren, weniger um seiner persönlichen Sicherheit willen, als aus gänzlicher Überzeugung von seiner Unnützlichkeit unter der neuen Regierung, sich in dieses Gebirge zurück gezogen habe, um in ungestörter Ruhe der Erziehung seines geliebten Tifan sich widmen zu können.
'Aber nun' (rief Tifan mit aller der Wärme, worein ihn diese Entdeckung gesetzt hatte) 'was säumen wir, unser Blut einem vaterland anzubieten, welches in den letzten Zügen liegt, und alle seine Kinder um hülfe, oder, wenn hülfe zu spät kommt, wenigstens um