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tun ist sich selbst zu hintergehen, und blöde genug sich von andern mit offnen Augen betrügen zu lassen. Sie könnten frei sein, sind geboren es zu sein, beweisen sich's selbst, dass Freiheit eine unentbehrliche Bedingung zur Glückseligkeit und Vollkommenheit vernünftiger Wesen sei; und sind bei allem dem Sklaven, sind es so sehr, dass sogar unter zwanzig unumschränkten Sultanen kaum Einer sich erwehren kann, der Knecht seiner Weiber, oder desjenigen der ihm seine Weiber hütet, oder irgend eines andern noch verächtlichern Geschöpfes zu sein.'"

"Wohl beobachtet, Tifan!" rief der Sultan Gebal, weil ihm in diesem Augenblick ein paar Sultanen einfielen, die das Unglück hatten, sich in diesem Falle zu befinden, und weil Seine Hoheit über dem Vergnügen, in eben diesem Augenblick über allen solchen Schwachheiten empor zu schwimmen, Sich nicht erinnerte, wie oft in Seinem Leben dies auch Sein eigener Fall gewesen war.

"'Die Freiheit' (fuhr Tifan fort), womit sich die Menschen so viel wissen, ist so wenig für sie gemacht, dass sie, sobald sie Mittel finden, sich ihrer zu bemächtigen, ein so kostbares Gut zu nichts zu gebrauchen wissen, als sich selbst und andern Schaden damit zu tun. Die einzigen freien Menschen, die wir auf unsrer Reise gesehen haben, waren Räuber oder herum streichende Bonzen. – Eben so widersinnig gehen sie mit den Gesetzen um, von welchen sie zu glauben vorgeben, dass ohne sie keine Ordnung, keine Sittlichkeit, kein besonderer noch allgemeiner Wohlstand möglich sei. In allen Staaten, die wir gesehen haben, fanden wir die kleinere Zahl einzig bemüht, die gesetz zu durchbrechen, und die grössere, unbemerkt unter ihnen wegzuschlüpfen. Die Religion, hörten wir sagen, ist das Ehrwürdigste, das Beste, was der Himmel den Sterblichen geben konnte: aber mir deucht, sie spielen mit ihrer Religion, wie sie mit ihren Gesetzen spielen. Unter allen diesen unzählbaren Braminen und Bonzen, wovon wir die Länder um den Indus und Ganges wimmeln sahen, mögen wohl einige sehr ehrwürdige Personen sein; aber die meisten widerlegen ihre Lehren so augenscheinlich durch ihre Handlungen, dass man keine andre Wahl hat, als sie entweder für wissentliche Betrüger, oder für Unsinnige zu halten, die das Gift selbst verschlucken, vor welchem sie andre warnen.

Von welcher Seite ich die Menschen ansehe, finde ich sie in Widerspruch mit sich selbst; und immer machen sie von dem, wodurch sie besser und glücklicher werden könnten, einen so ungeschickten oder unbescheidenen Gebrauch, dass es in ihren Händen ein Werkzeug ihres Elendes wird. Sie stellen sich als ob sie die sinnlichen Wollüste verachteten, und überfüllen sich damit so oft sie nur können. Die Tugend, sagen sie, ist des Menschen höchstes Gut; und bei jeder gelegenheit verkaufen sie ihr höchstes Gut umverächtlichen Gewinst, oder um einen angenehmen Augenblick. Sie haben sich ihrer Sicherheit wegen in grosse Gesellschaften vereiniget; und verlieren in ihnen unvermerkt alles das was sie in Sicherheitbringen wollten. Sie schmeicheln sich, die Herren der übrigen Geschöpfe zu sein; alle Elemente sind uns dienstbar, sagen sie, die Welt ist unser: und unter jeder Million dieser Herren der Welt sind wenigstens neunmal hunderttausend, welche ihren Anteil an diesem prächtigen Titel um den Zustand der Elefanten des Königs von Siam gern vertauschen würden.

Was soll man von einer so seltsamen Gattung von Geschöpfen denken? Liegt ihre Ähnlichkeit mit den unschuldigen und gutartigen Menschen, unter welchen ich aufgewachsen bin, nur in der äusserlichen Gestalt? Oder wie war es möglich von ihrer ursprünglichen natur so sehr abzuarten? Was nützen ihnen alle ihre vermeinten Verbesserungen des natürlichen Zustandes, ihre gesetz, ihre Polizei, ihre Künste, wenn sie nur desto unglücklicher sind, je mehr sie Mittel zum glücklichen Leben haben?'

'Der Mensch', antwortete Dschengis, 'kommt unvollendet, aber mit einer Anlage zu bewundernswürdigen Vollkommenheiten aus den Händen der natur. Die nämliche Bildsamkeit macht ihn gleich fähig, sich die Form eines Gottesoder die Missgestalt eines Ungeheuers aufdrucken zu lassen. Alles hängt von den Umständen ab, in welche er beim Eintritt in die Welt versetzt wurde, und von den Eindrücken, die sein wächsernes Gehirn in der ersten Jugend empfing. Bleibt er sich selbst überlassen, so wachsen seine Neigungen in wilder Üppigkeit mit ihm auf, und seine edelsten Kräfte bleiben unentwickelt. Lebt er in Gesellschaft, so nimmt er unvermerkt die Sprache, die Manieren, die Sitten, die Meinungen, das Interesse und den Geist der besonderen Gesellschaft an, die ihn umgibt; und so verbreitet sich das Gift der physischen und sittlichen Verderbnis, wenn es einmal den Zugang in diese Gesellschaft gefunden hat, unvermerkt durch die ganze Masse aus. Der Mensch wird gut oder schlimm, aufrichtig oder falsch, sanft oder ungestüm, blödsinnig oder witzig, träg oder tätig, je nachdem es diejenigen sind, von welchen er sich immer umgeben sieht. Und wiewohl keiner ist, der nicht etwas von der besonderen Anlage zu einem eigentümlichen Charakter, womit ihn die natur gestempelt hat, beibehielte; so dient doch dies in grossen Gesellschaften meistens nur die Anzahl der übel gebildeten und grotesken sittlichen Formen zu vermehren. Je grösser diese Gesellschaften und je grösser die Menge der kleinern ist, aus welchen sie, wie die Zirkel in dem Weltsystem unsrer Sternseher, zusammen gesetzt sind, je mehr diese verschiedenen kleinen Kreise einander drücken und pressen, je häufiger die Leidenschaften, Vorteile und Ansprüche in