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gut es gehen wollte. Alle Augenblicke fiel es zweien oder dreien von diesen Potentaten ein, den vierten mit einander auszurauben; wenn sie mit ihm fertig waren, zerfielen sie über der Teilung unter sich selbst; und dann pflegte der fünfte zu kommen, und sie auf einmal zu vergleichen, indem er bis zu Austrag der Sache den Gegenstand des Streits in Verwahrung nahm.

Diese Befehdungen dauerten, zu grossem Nachteile der armen Scheschianer, so lange, bis etliche von den schwächsten den Vorschlag taten: dass sich die sämtlichen Rajas, um der allgemeinen Sicherheit willen, einem gemeinschaftlichen Oberhaupte unterwerfen sollten. Die mächtigsten liessen sich diesen Vorschlag belieben, weil jeder Hoffnung hatte, dass die Wahl auf ihn selbst fallen würde. Aber kaum war diese entschieden: so fand sich, dass man nicht das beste Mittel die Ruhe herzustellen gewählt hatte.

Der neue König war des Vorzugs würdig, den ihm die Nation beigelegt hatte. Die achtung für seine persönlichen Verdienste unterstützte eine Zeit lang seine Bemühungen, und Scheschian genoss einen Augenblick von Glückseligkeit, den er dazu anwandte, gesetz zu entwerfen, welche der grosse Kon-Fu-Tsee nicht besser hätte machen können; gesetz, denen, um vollkommen zu sein, nichts abging, als dass sie nicht (wie man von den Bildsäulen eines gewissen alten Künstlers sagt) von selbst gingen, das ist, dass es von der Willkür der Untertanen abhing, sie zu halten oder nicht zu halten. Freilich waren auf die Übertretung derjenigen, von deren Beobachtung die Ruhe und der Wohlstand des staates schlechterdings abhing, schwere Strafen gesetzt: aber der König hatte keine Gewalt sie zu vollziehen. Wenn einer von seinen Rajas zum Gehorsam gebracht werden sollte, so musste er einem andern auftragen, den Raja dazu zu nötigen; und auf diese Weise blieben immer die gerechtesten Urteile unvollzogen. Denn keine Krähe hackt der andern die Augen aus, sagt der König Dagobert."7

"Wer war dieser König Dagobert?" fragte der Sultan den Philosophen Danischmend.

Danischmend hatte bei allen seinen vermeintlichen oder wirklichen Vorzügen einen Fehler, der, so wenig er an sich selbst zu bedeuten hat, in gewissen Umständen genug ist, den besten Kopf zu Schanden zu machen. Niemals konnte er eine Antwort auf eine Frage finden, auf die er sich nicht versehen hatte. Dieser Fehler hätte ihm vielleicht noch übersehen werden können; aber er vergrösserte ihn insgemein durch einen andern, der in der Tat einem mann von seinem geist nicht zu verzeihen war. Fragte ihn, zum Exempel, der Sultan etwas, das ihm unbekannt war; so stutzte er, entfärbte sich, öffnete den Mund und staunte, als ob er sich darauf besänne: man hoffte von Augenblick zu Augenblick, dass er losdrücken würde; und man konnte es ihm daher um so viel weniger vergeben, wenn er endlich die Erwartung, worin man so lange geschwebt hatte, mit einem armseligen das weiss ich nicht betrog; weil er, wie man dachte, dies eben sowohl im ersten Augenblicke hätte sagen können. Dies war nun gerade der Fall, worin er sich jetzt befand: kein Mensch in der Welt war ihm unbekannter als der König Dagobert.

"Ich hatte Unrecht, eine solche Frage an einen Philosophen zu tun", sagte der Sultan etwas missvergnügt: "lasst meinen Kanzler kommen."

Der Kanzler war ein grosser dicker Mann, welcher unter andern rühmlichen Eigenschaften gerade so viel Witz hatte, als er brauchte, um auf jede Frage eine Antwort bereit zu halten.

"Herr Kanzler, wer war der König Dagobert?" fragte der Sultan. "Sire", antwortete der Kanzler ganz ernstaft, indem er mit der rechten Hand seinen Wanst, und mit der linken seinen Knebelbart strich, "es war ein König, der vor zeiten in einem gewissen land regierte, das man auf keiner indostanischen Landkarte findet; vermutlich weil es so klein war, dass man nicht sagen konnte, welches die Nord- und welches die Süd-Seite davon sei."

"Sehr wohl, Herr Kanzler! Und was sagte der König Dagobert?" "Meistens nichts", versetzte der Kanzler, "wenn es nicht im Schlafe geschah, welches ihm zuweilen in seinem Divan begegnete. Sein Kanzler, der, wegen seines kurzen Gesichts, nicht immer gewahr wurde, ob der König wachte oder schlummerte, nahm etlichemal das, was er im Schlafe gesagt hatte, für Befehle auf, und fertigte sie auf der Stelle aus; und, was das Sonderbarste ist, die Geschichtschreiber versichern, dass diese nämlichen Verordnungen unter allen, welche während seiner Regierung heraus gekommen, die klügsten gewesen seien."

"Gute Nacht, Herr Kanzler", sagte Schach-Gebal.

"Man muss gestehen", dachte der Kanzler im Weggehen, "dass die Sultanen zuweilen wunderliche fragen an die Leute tun."

"Es ist eine schöne Sache um einen sinnreichen Kanzler", fuhr der Sultan fort, nachdem sich der seinige zurückgezogen hatte. "Ich weiss wohl, Nurmahal, Ihr seid ihm nie gewogen gewesen; und wenn ich günstiger für ihn denke, so geschieht es gewiss nicht weil ich ihn nicht kenne. Ich weiss, dass er, mit aller abgezirkelten Formalität seiner ganzen person, welche ein lebendiger Inbegriff aller gesetz, Ordonnanzen, alten Gewohnheiten und neuen Missbräuche meines Reichs ist, im grund doch nur ein Intrigenmacher, ein falscher, unruhiger, unersättlicher, rachgieriger Bube, und ein heimlicher Feind aller Leute ist,